Ein Manifest für die Unabhängigkeit

HENDRIK BEBBER 27.11.2013
Im Herbst des kommenden Jahres stimmen die Schotten darüber ab, ob sie das Vereinigte Königreich verlassen wollen. Ein Buch soll sie nun überzeugen.

Der Weg zur Unabhängigkeit verlangt Beharrlichkeit und gute Augen. Auf 650 Seiten des Weißbuches "Die Zukunft Schottlands" argumentiert die Regionalregierung in Edinburgh für den Austritt aus dem Vereinigten Königreich und die volle Souveränität Schottlands. Die Dokumentation soll Unentschiedene von einem Votum zur Unabhängigkeit beim Volksentscheid kommendes Jahr überzeugen.

Seit Alex Salmond vor zwei Jahren mit absoluter Mehrheit die Wahlen zum Regionalparlament gewann, ist der Alleingang des britischen Nordzipfels das Hauptanliegen des Chefs der sozialistischen "Schottischen Nationalpartei". Er argumentiert, ein souveräner schottischer Staat werde eine "demokratischere, wohlhabendere und gerechtere Gesellschaft" schaffen.

Alle anderen Parteien im schottischen Regionalparlament und im britischen Unterhaus halten das Freiheitsmanifest für Fiktion. Sie sprechen von der "erfolgreichsten Partnerschaft der Geschichte", die Schottland und England seit 1707 verbinde. Für Salmond hingegen leidet Schottland unter dem "Schaden, der durch die großen sozialen Ungleichheiten im Vereinigten Königreich verursacht wurde". So nehmen soziale Verbesserungen wie Kinderkrippen und Steuererleichterungen für Niedrigverdiener großen Raum in der Dokumentation ein.

Alistair Carmichael, der für Schottland zuständige britische Minister, hält Salmonds soziale Souveränitäts-Verheißungen für unbezahlbare Ideen. Er weist darauf hin, dass bei der Unabhängigkeit fast alle internationalen Verträge Großbritanniens neu verhandelt werden müssten. Eine schottisch-britische Währungsunion, die sich Salmond wünscht, wäre kein Automatismus.

Das sagt auch EU-Kommissionschef José Manuel Barroso zur Mitgliedschaft Schottlands in der EU. Heikel wäre auch der Verbleib in der Nato, wenn Schottland nicht mehr dulden will, dass die britische nukleare U-Boot-Flotte in ihren Gewässern stationiert ist. Die Queen hingegen soll weiterhin als "Elisabeth I" über Schottland regieren und braucht ihr geliebtes Ferienschloss Balmoral nicht aufzugeben.

Im Augenblick tendiert noch eine Mehrheit der Schotten für den Verbleib im Vereinigten Königreich. Aber Salmond setzt auf die 15 Prozent, die noch unentschlossen sind. Er hofft für kommendes Jahr auf eine "Welle der nationalen Begeisterung". Dann jährt sich nämlich zum 700. Mal die "Schlacht von Barnockburn", in der der schottische König Robert the Bruce die dreimal stärkere englische Invasionsarmee von König Edward II vernichtete.