HAMBURG / THOMAS BLOCK Viele Staaten Südamerikas sind vom Rohstoffexport abhängig. Das macht sie instabil, sagt Detlef Nolte, Direktor des GIGA Instituts für Lateinamerika-Studien.

Professor Nolte, 2008 beschrieben Sie Lateinamerika als Region des wirtschaftlichen Aufschwungs. Heute dominieren Korruption und Armut die Schlagzeilen. Warum?

DETLEF NOLTE: Damals war Lateinamerika in einer Boomphase, die vor allem auf die große Nachfrage nach Rohstoffen zurückzuführen war. Dabei hat man schnell übersehen, dass es keine soliden Grundlagen für ein langfristiges und nachhaltiges Wachstum gab. Die Wirtschaft in den meisten Ländern ist nur von wenigen Rohstoffen abhängig. Wenn die Preise auf dem Weltmarkt zurückgehen, führt das schnell zu einem wirtschaftlichen Einbruch.

Warum gelingt es nicht, eine nachhaltige Wirtschaft aufzubauen?

NOLTE: In Lateinamerika hat sich ein gewisser Teufelskreis etabliert: In Zeiten des Aufschwungs durch hohe Rohstoffpreise ist der Anreiz für Wirtschaftsreformen zu gering, in Zeiten der Krise fehlen die Mittel. Hinzu kommt, dass die meisten Länder nicht in internationale Wertschöpfungsketten eingebunden sind. Mexiko ist eines der wenigen Länder, das eng mit einem westlichen Markt, nämlich dem US-amerikanischen, verbunden ist.

Wie sehen denn die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und den lateinamerikanischen Ländern aus?

NOLTE: Die Länder im Norden sind eher an die USA gebunden, die Länder im Süden kooperieren eher mit der EU, wobei China einen immer wichtigeren Platz einnimmt. Europäische Unternehmen wie BASF oder Daimler haben oft eigenständige Niederlassungen in Lateinamerika und ersetzen so teilweise den Handelsaustausch mit Europa.

Wie ernst sind die aktuellen Krisen, etwa in Venezuela oder Brasilien, verglichen mit früheren Notlagen?

NOLTE: Die Lage ist schon sehr dramatisch. Wir haben auf der einen Seite die besagte wirtschaftliche und auf der anderen Seite eine politische Krise. Die Polarisierung in der Gesellschaft und zwischen den politischen Parteien hat zugenommen. Es herrscht eine Krise der Regierbarkeit. In Brasilien wurde ja nicht nur die Präsidentin vorläufig ihres Amtes enthoben, es wurden auch danach viele Strafverfahren gegen führende Politiker eingeleitet. Man weiß gar nicht, wer das Land am Ende noch regieren kann.

Wie könnte man da gegensteuern?

NOLTE: Es bräuchte eine grundlegende Reform des politischen Systems, doch die wird es nur schwer geben. Es ist nur schwer vorstellbar, dass dieselben Eliten, die das Land in die Krise geführt haben, in der Lage sind, das System zu reformieren. Die neuen Regierungen werden nun dringend Haushaltskonsolidierungen durchführen und harte Schnitte durchsetzen müssen. Das heißt auch: Sozialleistungen, die die Vorgängerregierungen durchgesetzt haben, und die in Brasilien auch dazu führten, dass viele von der Unter- in die Mittelschicht aufgestiegen sind, kommen auf den Prüfstand.

Ist der lateinamerikanische Sozialismus am Ende?

NOLTE: Diese These hat einen Funken Wahrheit, ist aber ein bisschen zu einfach. Die meisten Regierungen sind abgewählt worden, weil ihre Länder in einer wirtschaftlichen Krise stecken. Es wird sich jetzt zeigen müssen, wie die konservativen und Mitte-Links-Regierungen diese Krise meistern. Wenn sie scheitern, ist es nicht auszuschließen, dass sich das Pendel bei den nächsten Wahlen wieder in die andere Richtung bewegt.