Leitartikel Martin Hofmann Zu den neuen Auflagen für Autobauer Ein Armutszeugnis für die Automobilindustrie

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Autorenfoto © Foto: Könneke Volkmar
Berlin / Martin Hofmann 01.09.2018

WLTP heißt der überarbeitete Prüfzyklus für Pkw. Vor einem Jahr trat er bereits für neue Fahrzeugtypen in Kraft. Zum 1. September wird sein Anwendungsbereich ausgeweitet. Das Kürzel steht für ein weltweit einheitliches Motor-Testverfahren. Was ändert sich verglichen mit dem alten Test? Auf dem Prüfstand werden künftig 23 statt 11 Kilometer zurückgelegt, die Geschwindigkeit klettert von 34 auf 46,6 Stundenkilometer im Schnitt, die Tachonadel darf maximal 131 statt bisher nur 120 erreichen. Um alle Sonderausstattungen abgerüstet wird ein Fahrzeug auch nicht mehr.

Ein Problem für Autobauer? Wohl kaum, sollte man meinen. Etwas realitätsnäher müssen sie zeigen, ob ihre Neuwagen die Vorschriften für Abgase und Spritverbrauch einhalten. Selbst der Verband der Autoindustrie begrüßt das neue Verfahren. Ins Leere geht aber sein Vorwurf, der WLTP sei „überhastet“ eingeführt worden. Seit neun Jahren wird in Brüssel mit allen Beteiligten über das neue Prüfverfahren debattiert. Sehr früh war klar, dass es kommt. Da hatten umsichtige Manager und innovative Ingenieure genug Zeit, sich und ihre Produkte darauf einzustellen.

Die Bundesregierung hat zudem dafür gesorgt, dass die Autokonzerne mehr Zeit erhalten, Vorschriften umzusetzen. Sogenannte Konformitätsfaktoren erlauben, dass die seit 2007 festgelegten Grenzwerte für Stickoxide bei der Zulassung von Fahrzeugtypen bis Jahresende 2020 um 110 Prozent, danach um 50 Prozent, für Rußpartikel ebenfalls um 50 Prozent überschritten werden dürfen.

Gewiss ist es technisch anspruchsvoll, Verbrennungsmotoren samt Emissionsanlage so zu optimieren, dass sie möglichst wenig Kraftstoff verbrauchen und alle Schadstoffnormen einhalten. Ingenieure haben auch längst zuverlässige Systeme entwickelt. Straßentests zahlreicher Neufahrzeuge zeigen, dass selbst moderne Diesel-Pkw die Vorschriften einhalten. Da erstaunt umso mehr, dass es Konzernen wie VW oder Renault erst Ende des Jahres gelingt wird, alle Neuwagen dem WLTP-Standard anzupassen. Das gilt vor allem für Werte zum Spritverbrauch, der mit dem Ausstoß an Kohlendioxid korrespondiert. Autokäufer jetzt mit einer Zusatzvereinbarung über mögliche Verbrauchswerte zu vertrösten, die noch nicht genehmigt sind, stellt den Konzernmanagern ein Armutszeugnis aus.

Und die Kfz-Steuer? Auch da rächt sich die jahrelange Kungelei der Bundesregierung und ihrer Behörden mit der Autoindustrie. Sie ließen zu, dass die Herstellerangaben zum Spritverbrauch von der Realität abweichen. Käufer von Neuwagen müssen deshalb mit mindestens 20 Prozent höheren Steuerzahlungen rechnen. Folgen sie dem Trend zu schwereren und stärker motorisierten Fahrzeugen, wird der Fiskus noch mehr verlangen. Ein weiterer Grund, über eine Kfz-Steuerreform nachzudenken. Am gerechtesten wäre es, sie abzuschaffen und auf den Spritpreis umzulegen. Dann zahlt nur, wer das Fahrzeug auch nutzt – Spritschlucker mehr, Käufer sparsamer Autos weniger

leitartikel@swp.de

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