Verarbeitung Angstforscher: Warum die Strategie der Terroristen nicht aufgeht

Göttingen / Von Antje Berg 19.12.2017
Je weniger wir uns vor Anschlägen fürchten, desto eindrucksvoller demonstrieren wir unsere gesellschaftliche Stärke, sagt der Göttinger Professor für Psychiatrie.

Herr Professor Bandelow, der Berliner Terror-Anschlag vor einem Jahr scheint die  Deutschen nicht in Angst und Schrecken versetzt zu haben. Woran liegt das?

Borwin Bandelow: Die ersten Terror­anschläge in Europa, denken Sie an den November 2015 in Paris, haben uns noch heftig bestürzt und erschrocken, ja auch furchtsam zurückgelassen. Da war, auch in den Medien, immer der Gedanke: Wo schlagen die Terroristen als nächstes zu? Das war insofern typisch, als uns neue Gefahren, die unbeherrschbar erscheinen, stärker ängstigen als Gefahren, die wir schon lange kennen. 

Das heißt, wir haben uns inzwischen an diese Anschläge gewöhnt?

Ja, auf jeden Fall, so schrecklich das für jene Menschen klingen mag, die davon betroffen sind. Inzwischen haben wir aber auch realisiert, dass das Risiko, Opfer eines Anschlags zu werden, sehr, sehr gering ist. In unserem Alltag lauern ganz andere Gefahren: Eher kommen wir bei einem Verkehrs-, Haushalts- oder Freizeit­unfall ums Leben, so wie das in Deutschland jedes Jahr 21 000 Menschen widerfährt, als durch eine Terrorattacke.

Hat dieser Gewöhnungseffekt auch einen Sinn?

Zunächst einmal ist wichtig, dass eine abnehmende Betroffenheit nicht heißt, dass wir eine verrohende, herzlose Gesellschaft sind. Denn letztlich ist dieser Gewöhnungseffekt auch eine Art Selbstschutz. Denken Sie an die Menschen, die in Bagdad oder Kabul leben, wo der Terror im Alltag allgegenwärtig ist. Selbst sie verdrängen die Gefahr. Täten sie das nicht, würden sie in einer Art Schockstarre ihr Leben nicht mehr bewältigen können.

Kann zu viel Angst eine Gesellschaft verändern?

Letztlich bauen Terroristen auf diesen Prozess, sie wollen unser gesellschaftliches Gefüge aus dem Lot bringen, es destabilisieren. Je weniger ängstlich wir sind, desto eindrucksvoller  demon­strieren wir, dass diese Strategie nicht aufgeht. Dass Angst eine Gesellschaft verändern kann, sehen wir an Menschen, die in totalitären Regimen leben. Im schlimmsten Fall führt Angst zu völliger Unterwerfung.

Die Politik reagiert auf den Terror nicht nur mit verschärften Sicherheitsgesetzen, sondern auch an Ort und Stelle, etwa mit Absperrungen auf Weihnachtsmärkten.

Ja, beides soll uns in einer Sicherheit wiegen, die es nicht gibt. Letztlich sind es Beruhigungspillen beziehungsweise kosmetische Korrekturen. Vor ein paar Tagen war ich  auf einem Weihnachtsmarkt, und ich habe mich sehr darüber geärgert, dass Terroristen uns dazu bringen, diese Schutzwälle zu errichten.

Was bringen diese Schutz-Vorkehrungen?

Wir wissen doch alle: Wenn diese Fanatiker morden wollen,
werden sie andere Gelegenheiten finden. Letztlich dienen diese Poller in erster Linie der Politik, die sich nicht vorwerfen lassen will, untätig geblieben zu sein. Mehr als einen symbolischen Charakter haben die Absperrungen nicht.