Interview Dürre: Bauernpräsident sieht 2,2 Milliarden Schaden

Berlin/Heilbronn / Mathias Puddig 01.08.2018
Bauernpräsident Joachim Rukwied macht sich große Sorgen: Die Hitze hat auf dem Feld immensen Schaden angerichtet.

In manchen Gegenden haben die Landwirte seit zwei Monaten keinen Regen mehr erlebt. Joachim Rukwied, der Präsident des Deutschen Bauernverbands, fordert im Interview, dass die Länder den Notstand ausrufen.

Herr Rukwied, ich erreiche Sie gerade auf Ihrem eigenen Hof. Wie sieht es bei Ihnen vor Ort aus?

 Joachim Rukwied: Ich bin in der Region Heilbronn zu Hause. Hier war die Getreideernte unterdurchschnittlich: Bei der Wintergerste sind es minus 10, beim Weizen minus 15, bei der Braugerste bis zu minus 20 Prozent. Der Raps hat 30 Prozent weniger. Es wird von Tag zu Tag trockener. Sogar jüngere Weinreben leiden schon unter der Trockenheit.

Und deutschlandweit?

Die Lage ist dramatisch, insbesondere im Norden und im Osten. Wir haben jetzt die zweite Erntemeldung korrigiert. Die erste lag beim Getreide bei 41 Millionen Tonnen. Das wären schon sieben Millionen Tonnen weniger gewesen als im Schnitt der letzten fünf Jahre. Das mussten wir aber runterkorrigieren auf 36 Millionen Tonnen. In manchen Regionen hat es zwei Monate lang nicht geregnet. Dort haben wir Ausfälle von bis zu 70 Prozent.

Sie fordern eine Milliarde Euro Soforthilfen. Reicht das denn noch?

Ich habe gesagt, dass das wünschenswert wäre. Man muss ja realistisch bleiben. Am Dienstag habe ich mit einem Landesbauernpräsidenten gesprochen, der nicht glaubt, dass das ausreicht. Aber wir brauchen natürlich auch die Zustimmung in der Politik. Fakt ist: Die Schäden sind weitaus größer. Allein beim Getreide gehe ich eher von Schäden von 2,2 Milliarden Euro aus, und da kommen die Schäden bei Raps, Zuckerrüben, Kartoffeln und Gemüse noch dazu. Auch der fehlende Futteraufwuchs ist ein großer Faktor. In manchen Regionen fielen der zweite und der dritte Grasschnitt aus, und der Mais steht schlecht. Teils ist er nur kniehoch. Insgesamt erwarten wir Schäden von mehreren Milliarden Euro. Aber das können wir noch nicht exakt beziffern.

Haben Sie denn das Gefühl, dass die Politik auf Ihre Sorgen eingeht? Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner wartet erst die Fakten ab.

Die Probleme werden bearbeitet. Ich bin in Kontakt mit der Bundesministerin und verstehe, dass sie valide Daten braucht. Deshalb ist höchste Geschwindigkeit angesagt. Die statistischen Landesämter müssen valide Daten liefern, sodass die Politik schnell entscheiden kann. Da muss man Gas geben.

Frau Klöckner hat angekündigt, das Thema am 22. August nochmal ins Kabinett zu bringen. Ist das schnell genug?

Man muss sich am Machbaren orientieren. Wenn sie am 22. August auf der Basis valider Daten konkrete Dinge vorschlagen kann, dann würde ich das als schnelles Handeln bezeichnen.

Die Ministerin bringt eine Verordnung ein, die die Nutzung ökologischer Vorrangflächen zu Futterzwecken erlaubt. Wie sehen Sie das?

Das ist ein guter Ansatz, allerdings ist auch auf diesen Flächen nicht viel zu ernten, wenn es nicht geregnet hat. Aber: Das ist ein wichtiges Zeichen.

Wo muss mehr getan werden?

In erster Linie sind die Bundesländer gefragt. Die müssen jetzt den Notstand ausrufen, die müssen budgetäre Entscheidungen treffen. Wenn die Bundesländer jetzt das Ganze anschieben, dann bin ich zuversichtlich, dass der Bund das ergänzen wird. Wir erwarten, dass die Länder jetzt erste Zeichen setzen.

Die Grünen erwarten im Gegenzug, dass die Landwirtschaft klima­freundlicher wird. Was können Sie da liefern?

Die Landwirtschaft arbeitet bereits klimafreundlich. Die Emissionen bei der Erzeugung von Milch betragen beispielsweise nur 15 Prozent dessen, was in weniger entwickelten Regionen der Welt ausgestoßen wird. Und das reicht uns noch nicht: Der Bauernverband hat eine Klimastrategie entwickelt und sich selbst Reduktionsziele gesetzt. Das wollen wir zum Beispiel durch bessere Ausbringtechnik beim Düngen erreichen. Da sind wir aber nicht erst seit 2018 dran.

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