München Diplomatie in Suite und Sauna

WILHELM HÖLKEMEIER 04.02.2013
Aus der ursprünglichen diskreten Kaminrunde der Nato-Verteidigungsminister ist die Münchner Sicherheitskonferenz geworden. 400 Entscheidungsträger beraten über aktuelle Entwicklungen.

Ausnahmezustand bei Lodenfrey - wenn im Februar im Bayerischen Hof die Internationale Sicherheitskonferenz tagt, gehen auch für Münchens Topadresse für Trachten- und Designermode die Uhren anders. Wer im Traditionshaus am Dom einkaufen will, muss sich erst an einer Polizeisperre ausweisen und wird gelegentlich sogar von Sicherheitskräften bis zur Tür begleitet. Dann könnte er auf einen US-General treffen, der erstmals im Leben im Janker posiert. Denn auch aus dem altehrwürdigen Tagungshotel wird reger Shoppingandrang bei Lodenfrey registriert.

Es ist auch das besondere bajuwarische Umfeld, das den Reiz dieser von der einstigen "Wehrkundetagung" zur "Internationalen Sicherheitskonferenz" mutierten Veranstaltung ausmacht. Und niemanden an eine Verlegung in eines der üblichen großen, aber mehr oder minder seelenlosen Konferenzzentren denken lässt - obwohl alljährlich für ein Wochenende die Münchner City schier lahmgelegt wird.

So zerschnitt eine gewaltige Fahrzeugkolonne am Samstagmorgen die Stadt, als US-Vizepräsident Joe Biden vom Flughafen zum Nobelhotel am Promenadeplatz chauffiert wurde. Abends werden schon mal die Autos rund um die "Käfer-Schenke" an der Prinzregentenstraße abgeschleppt, wo ansonsten allenfalls ab und zu ein Knöllchen fällig ist. Hochrangige, unter Sicherheitsschutz stehende Kundschaft hatte sich angesagt.

"Hier kann ein Außenminister in 48 Stunden ein Dutzend bilateraler Gespräche führen. Das erspart ihm manche Auslandsreise", sagt selbstbewusst Konferenzchef Wolfgang Ischinger. Der langjährige Botschafter in Washington bringt beste Voraussetzungen mit für die Leitung des Treffens, das traditionell dem transatlantischen Verhältnis besonders zugewandt ist.

An die 400 bedeutsame Menschen treffen sich zu den Foren im großen Konferenzsaal, die aktuellen Themen des Außen- und Sicherheitspolitik gewidmet sind. Euro-Krise, Energiepolitik, die Krisenherde Syrien, Mali, Nahost, das Verhältnis der Nato zu Russland und die zunehmende Bedrohung durch Cyber-Attacken standen diesmal auf dem Programm. Da diskutieren dann Finanzminister Wolfgang Schäuble mit Ex-Weltbankchef Robert Zoellick und Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain über die Schuldenkrise. Oder EU-Kommissar Günther Oettinger mit dem russischen Energieminister Novak und Jorma Ollila, dem Chef von Royal Dutch Shell, über die Entwicklung der Energiemärkte. Und in der allerersten Podiumsrunde der Sicherheitskonferenz ohne einen Europäer Chinas Vize-Außenminister mit dem Außenminister von Brasilien und dem Verteidigungsminister von Singapur über die Rolle der boomenden Schwellenländer.

Es werden keine Beschlüsse gefasst, es es muss kein Blatt vor den Mund genommen werden. Es ist eine private Veranstaltung, an der US-Vize Biden wie Irans Außenminister Ali-Akbar Salehi teilnehmen, die sich offiziell derzeit nicht treffen könnten. In den Zuhörerreihen sitzen Grünen-Chefin Claudia Roth und FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle beieinander. Und bilden sich, wie viele andere Bundestagsabgeordnete, weiter.

Der vielleicht noch größere Wert des Treffens jedoch sind die Gespräche beim Kaffee, an der Bar und - vermutlich - sogar in der 1300 Quadratmeter großen exklusiven Saunalandschaft im siebten Stock.

Und die Treffen in kleinem Kreis in den Konferenzsälen oder in einer der 60 Suiten im Montgelas-Palais, dem historischen Flügel des Hotels. Ausgestattet mit edlen Antiquitäten und neuester Sicherheitstechnik. Das Treffen von US-Vize Biden und dem russischen Außenminister Sergej Lawrow hatte in diesem Jahr die protokollarisch höchste Bedeutung. Die Herren ließen sich ablichten, der Inhalt ihres Gesprächs blieb dagegen im Dunkeln.

Rund 500 Journalisten tragen Informationen über die Konferenz nach außen, die als Kaminrunde der Nato-Verteidigungsminister begann. Sogar die deutschen Soldaten am Hindukusch werden auf dem Laufenden gehalten. "Radio Andernach", das Betreuungsradio der Bundeswehr für die Truppe, ist mit Chefredakteur Oberstleutnant Markus Herholt und Reporter Tobias Bach im Einsatz. Es kann über UKW in den Feldlagern in Afghanistan und im Kosovo empfangen werden.