USA Wahlen in den USA: Die weiblichsten Midterms aller Zeiten

Alexandria Ocasio-Cortez  hat überraschend die Kongress- Vorwahlen in ihrem Bezirk gewonnen.
Alexandria Ocasio-Cortez hat überraschend die Kongress- Vorwahlen in ihrem Bezirk gewonnen. © Foto: Fotos: W. B. Plowman/getty, A. Caballero-Reynolds/afp
New York / Britta Sembach 02.08.2018
Nach dem Sieg Donald Trumps gingen Millionen Frauen auf die Straße. Jetzt stellen sich die Demonstrantinnen zur Wahl.

Bilder sagen ja oft mehr als Worte, und diese sprachen Bände: Eine junge Frau reißt erst fast erschrocken die Augen auf, presst beide Hände auf den Mund, nimmt sie wieder runter und schreit:  „Oh, mein Gott!“ Alexandria Ocasio-Cortez, 28 Jahre alt und waschechte New Yorkerin aus der Arbeiterschicht, hatte soeben die Vorwahlen ihrer Partei im 14. New Yorker Wahlbezirk gewonnen. Sie hat den Mann besiegt, der als einer der wichtigsten Abgeordneten der Demokraten in Washington gilt: Joseph Crowley. Wenn sie im November ihren republikanischen Gegner in ihrem Wahlbezirk bezwingt – und die Chancen stehen gut – wird sie als jüngste Abgeordnete in der Geschichte des Landes in den Kongress einziehen

Ocasio-Cortez ist eines der Gesichter einer neuen Bewegung. Und die ist vor allem eines: weiblich. Mit mehr als 500 Kandidatinnen haben sich so viele Frauen wie nie zuvor aufstellen lassen für die Wahlen im November, die sogenannten Midterms. Sie kandidieren als Gouverneurinnen in ihren Bundesstaaten und bewerben sich für Sitze im Senat und im Repräsentantenhaus. Das wird immer zwei Jahre nach der Präsidentschaftswahl gewählt, gleichzeitig wird ein Drittel der Senatoren neu bestimmt.

Die Wahl 2016 hat vor allem unter demokratischen Frauen einiges in Bewegung gebracht. Mit der Präsidentschaft Donald Trumps sei vielen klargeworden: „Politik hat etwas mit mir zu tun. Ich kann nicht immer andere über mich entscheiden lassen“, sagt die Politikwissenschaftlerin Debbie Walsh. Am Anfang standen vor allem  Entsetzen und Enttäuschung, was man beim Womens March direkt nach der Wahl mit Millionen Frauen auf der Straße deutlich sehen konnte. Von dort war der Weg zum aktiven Engagement in der Politik nicht mehr weit.

80 Prozent Männeranteil im Kongress

„Männer wachen oft eines Morgens auf, schauen in den Spiegel und denken sich: Ich wäre ein echt guter Politiker. Und dann legen sie los”, sagt Walsh, die ein  renommiertes Forschungsinstitut zu Frauen in der Politik an der Rutgers Universität in New Jersey leitet. Bei Frauen sei das bislang anders gewesen: Sie mussten oft erst überzeugt werden, dass sie geeignete Kandidatinnen sind. Und sie ließen sich erst aufstellen, wenn sie von jemandem aus der Partei angesprochen und dazu aufgefordert wurden.

Das ist dieses Mal anders. „Viele der Frauen, die zum ersten Mal kandidieren, mussten nicht rekrutiert werden. Sie sind einfach frustriert mit dem Ausgang der Wahl und wollen Leute im Amt sehen, die so sind wie sie“, sagt Walsh. Gehen sie dann ins Rennen, gewinnen sie sogar häufiger als Männer. Dass es absolut aber immer noch so wenig Frauen in der US-Politik gibt – der Frauenanteil im Kongress liegt derzeit bei 20 Prozent und damit unter dem weltweiten Durchschnitt – liegt eher daran, dass sie sich gar nicht erst aufstellen lassen. Dieser Trend scheint nun gestoppt, allerdings sind es vor allem Frauen, die für die  Demokraten antreten; bei den Republikanern ist der Zuwachs nicht so hoch.

Die Frauen, die zur Zeit in den Vorwahlen gewinnen, sind oft nah an ihren Wählern und Wählerinnen. Sie kämpfen für Dinge, die den Menschen wichtig sind: sichere Schulen ohne Waffen, gute Bildung, mehr Gerechtigkeit für Minderheiten. Viele sind Mütter, und sie scheuen sich nicht, mit dieser zusätzlichen Expertise zu werben. Es versteht sich von selbst, dass sie sich ihre Meriten als Rechtsanwältin, Hubschrauberpilotinnen, Krankenschwestern oder Farmerinnen verdient haben. Aber das Muttersein ist eben auch ein Teil von ihnen – und ein Plus. So drehte die vierfache Mutter Kelda Roys, die in Wisconsin Gouverneurin werden will, ein Wahlvideo, in dem sie ihr Baby stillt. Währenddessen spricht sie über ihr politisches Ziel, die gefährliche Chemikalie BPA aus Babyprodukten zu verbannen. Und darüber, wie Wisconsin das als einer der ersten Staaten geschafft hat. In einer Zeit, als sie dort im Parlament saß.

Ähnlich deutlich wie Alexandria Ocasio-Cortez in New York hat die afro-amerikanische Gesundheitsexpertin Lauren Underwood die Vorwahlen in ihrem Wahlkreis in Illinois schon im März gewonnen: „Das ist eine Kampagne für alle, die für Veränderungen in Washington bereit sind“, erklärt sie. Und fügt hinzu: „Ich war nie zuversichtlicher was die Zukunft dieser Gemeinde und dieses Landes angeht.“

Underwood leidet selbst seit ihrer Kindheit an einem Herzfehler und kennt die Tücken des amerikanischen Gesundheitssystems aus eigener Erfahrung. Sie studierte Gesundheitswesen, übernahm danach Lehraufträge in diesem Feld und half der Obama-Administration, ihr Konzept einer verpflichtenden Krankenversicherung („Obamacare“) umzusetzen. „Ich bewerbe mich für den Kongress, weil in diesem Moment in der Geschichte mutige Leute aufstehen und dafür kämpfen müssen, dass unsere Stimmen in Washington wieder gehört werden“, erklärt sie leidenschaftlich. Zudem ist sie überzeugt, dass die Unversöhnlichkeit zwischen den beiden Parteien im Kongress aufhören muss, und die Parteien im Interesse aller Amerikaner wieder besser zusammenarbeiten müssen.

Jede Wahl ist wichtig

Dass genau dafür Frauen besser geeignet sein könnten, dafür hat Professorin Walsh sogar Belege. Ihren Studien zufolge sind Frauen in der Politik oft kooperativer, suchen eher die Gemeinsamkeiten und sind sach- und lösungsorientierter als ihre männlichen Kollegen. Und eine Anekdote hat sie neben den harten Fakten dazu auch noch parat: Nur die Frauen beider Parteien im Kongress schaffen es seit Jahren, sich regelmäßig zu einem Dinner und damit zum informellen Austausch zu treffen. Sie bleiben im Gespräch, das sei doch etwas, das Amerika zur Zeit äußerst dringend brauche.

Würde Politik anders aussehen, wenn mehr Frauen sie betrieben? „Klar“, sagt Debbie Walsh. „Jeder Mensch bringt ja seine Lebensgeschichte und seine ganz persönlichen Erfahrungen mit. Das prägt Werte und Prioritäten.“ Außerdem seien Frauen im Kongress oft weniger auf öffentlichkeitswirksame Manöver und mehr auf wirkliche Resultate fokussiert.

Bei aller Begeisterung über die Rekord-Zahlen dämpft die Politikwissenschaftlerin allerdings auch allzu große Hoffnungen. Wegen des komplizierten US-Wahlsystems wird es vor allem im Senat sehr schwierig, eine signifikante Zahl von Sitzen für die Demokraten hinzuzugewinnen und dort die Mehrheit zu stellen. Walsh fürchtet, dass die jetzige Euphorie nach den Wahlen wieder in Mutlosigkeit umschlagen könnte. Dafür stehen die Chancen für eine Mehrheit im Repräsentantenhaus wesentlich besser. Und auch schon jetzt sei viel gewonnen: Mehr Frauen engagierten sich in der Politik, unterstützten andere Kandidatinnen und spendeten mehr Geld. Sie hofft, dass die jetzige Situation den Frauen zeigt: Jede Wahl ist wichtig, egal für welches Amt man antritt, auf lokaler oder eben nationaler Ebene. Denn bei der nächsten Wahl werde vielleicht ein Posten weiter oben frei – und dann habe man schon die nötige Erfahrung gesammelt, um durchzustarten.

So wie Alexandria Ocasio-Cortez. Sie hatte sich das politische Geschäft als Helferin in der Kampagne des Demokraten Bernie Sanders angeschaut – und dann ihre Erfahrungen als Aktivistin in einen fulminanten Sieg verwandelt. Aufgewachsen in der Arbeiterklasse, intelligent, ambitioniert, von klein auf politisch – ihre Mutter sagt mit einem Augenzwinkern: Sie hat schon immer gerne diskutiert. Es war schwer, sie still zu kriegen. Sie hat an einer hervorragenden Uni studiert, um nach dem Abschluss wieder ganz unten Politik zu machen.

Ocasio-Cortez hat Klinken geputzt und für ihren Wahlkampf nur ein Zehntel von dem Geld gehabt, das ihr Kontrahent Crowley ausgab. Sie hat als Kellnerin gearbeitet und Kinderbücher herausgegeben, die zeigen, wie schön das Leben in der Bronx sein kann. Kurz: Sie kennt ihre Wählerinnen und Wähler. In ihrem Wahlkampfspot sagte sie gleich zu Beginn: „Frauen wie ich sollten eigentlich gar nicht kandidieren. Ich bin nicht in eine reiche oder mächtige Familie hineingeboren worden. Die Mutter aus Puerto Rico, der Vater aus der Bronx. Ich wurde an einem Ort geboren, an dem deine Postleitzahl über deine Zukunft entscheidet.“ Sie hat es trotzdem getan. Und die demokratische Partei ordentlich durchgeschüttelt. Man braucht nur politischen Mut, sagt sie. Den hat sie offensichtlich. Und viele ihrer neuen Mitstreiterinnen auch.

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