Ehemalige Tschechoslowakei Lída Rakušanová: Die Stimme des Prager Frühlings

Prag / Hans-Jörg Schmidt 18.08.2018
Als Soldaten 1968 in Prag einmarschierten, war für Lída Rakušanová schnell klar, dass sie nicht bleiben kann.

Mitte Dezember 1989, die Samtrevolution ist noch im Gange, erleben die Zuschauer der Abendnachrichten des Prager Fernsehens etwas höchst Ungewöhnliches: Da sitzen drei Studiogäste, die zwar jeder kennt, aber kaum einer leibhaftig gesehen hat. Der Geschäftsmann Tomáš J. Bata ist aus Toronto angereist, der geistige Vater der ökonomischen Reformen des Prager Frühlings, Ota Šik, kam aus Zürich und aus München die Redakteurin des tschechoslowakischen Programms von Radio Freies Europa, Lída Rakušanová. Vor wenigen Monaten wäre das noch undenkbar gewesen.

„Václav Havel, der Theatermann, hatte unser Kommen regelrecht inszeniert“, sagt Lída Rakušanová heute. „Unsere Anwesenheit sollte den Leuten zeigen, dass sich in unserem Land tatsächlich gerade Grundsätzliches ändert.“ Nach der Sendung hat ein Freund aus Budweis sie angerufen und gesagt: „Ich habe während der Sendung auf dem Boden gekniet und still gebetet, dass ich nicht träume.“

Lída Rakušanová ging es ähnlich. Für sie ist dieser Dezembertag der erste seit mehr als zwei Jahrzehnten, den sie wieder in ihrer Heimat verbringen kann. Verlassen hatte sie die Tschechoslowakei mit ihrem Freund Josef am 28. Oktober 1968, kurz nach der Niederschlagung des Prager Frühlings, nach diesen Tagen, die das Land für Jahrzehnte verändern sollten.

Einmarsch in die Tschechoslowakei

Etwa 500 000 Soldaten der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens marschierten in der Nacht vom 20. zum 21. August 1968 in die damalige Tschechoslowakei ein. Das Land wurde zuvor von einer Reformstimmung erfasst, die bis in die oberste Riege der Kommunistischen Partei (KPC) reichte. Generalsekretär Alexander Dubcek wollte einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, wollte Meinungsfreiheit zulassen und zum Parlamentarismus zurückkehren. Nur: Die anderen Länder des Ostblocks wollten das nicht zulassen.

„Die Besatzer hatten nach 22 Uhr eine Ausgangssperre verhängt“, erzählt Rakušanová über die Tage nach dem Beginn der Invasion. An einem Abend kamen sie und Josef von einem Besuch bei Freunden nicht rechtzeitig zurück. Sie liefen durch die menschenleeren Straßen, als ihnen eine Kolonne von Fahrzeugen mit sowjetischen Soldaten entgegenkam. „In seiner Wut griff Josef nach ein paar Pflastersteinen und warf sie in Richtung der Autos. Es war klar, dass das keine Lösung sein kann. Und es war auch klar, dass wir hier nicht mehr länger bleiben konnten.“

Mehr als 160 000 Tschechoslowaken verlassen in diesem Jahr das Land – auch wenn es schwerfällt. „Meiner Mutter ging es gesundheitlich nicht gut. Dass ich ihr womöglich keine Hilfe werde sein können, hat mich gequält“, sagt Rakušanová. Doch die Entscheidung steht. Sie lässt sich für ein Jahr vom Studium an der Karlsuniversität beurlauben und reist mit Josef nach Paris. Von dort aus weiter nach Frankfurt am Main. Sie haben Glück, finden Arbeit, montieren Lampen für die Straßenbeleuchtung. Das erspart ihnen die Sammellager, in denen die anderen Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei leben.

In ihrer Heimat werden alle ­Reformen, die während des Prager Frühlings angestoßen wurden, rückgängig gemacht. 500 000 Mitgliedern der KPC wird das Parteibuch entzogen. Die neue Parteiführung lobt im Mai 1969 die Invasion als „brüderliche Hilfe“ und bedankt sich dafür in Moskau.

Widerstand im Exil

An diesem Tag verliert Rakušanová die letzte Hoffnung. Sie und Josef stellen ihren Asylantrag. Dann ziehen sie nach München und schließen sich den Widerständlern im Exil an. 1975 schließlich geht Rakušanová den Schritt, der sie in ihrer Heimat  berühmt werden lässt: Sie beginnt in der tschechoslowakischen Redaktion von Radio Freies Europa, dem für die Herrschenden schlimmsten „Feind im Äther“, zu arbeiten. Fans von ihr bemalen 1987 die Rückwand eines Buswartehäuschens im Böhmerwald: „Es lebe Lída Rakušanová! Die KPC lügt, hat immer gelogen und wird immer lügen!“

So gut, wie Rakušanovás berufliche Laufbahn verlief, so schmerzhaft verlief jenseits des Eisernen Vorhangs der tschechoslowakische Alltag. „Die Leute haben sich unglaublich schnell mit der militärischen Besatzung ihrer Heimat abgefunden.“ Als sich im Januar 1969 der 20-jährige Jan Palach auf dem Wetzelplatz selbst verbrennt, denkt Rakušanová kurz darüber nach, zurückzukehren. „Er wollte ein Zeichen gegen diese Lethargie setzen“, sagt sie. Josef kann sie in letzter Minute von der Rückreise abhalten.

Tschechen und Slowaken ziehen sich in die innere Emigration zurück. Wer Geld hat, kauft sich ein Wochenendgrundstück, pflegt einen Garten und trifft dort Gleichgesinnte. In der Abgeschiedenheit kann man über alles reden. Auf der Arbeit oder anderswo in der Öffentlichkeit nicht. „Das ist auf die Dauer sehr erniedrigend. Die Invasion und alles, was darauf folgte, hat dem ganzen Land das Rückgrat gebrochen“, sagt Rakušanová.

Der Staatsbürgerschaft beraubt

Auch ihre Mutter, die in einer Ziegelei nach einem Unfall an der Pforte arbeitet, wird zu einem Gespräch vorgeladen, in dem sie sich vom Prager Frühling distanzieren muss. 1969 hatten ihr die Kommunisten noch eine Reise nach Deutschland bewilligt. Anfang der 70er Jahre noch zweimal. Danach nie wieder. Als sie 1981 mit nur 58 Jahren stirbt, lässt man Rakušanová nicht zur Beerdigung einreisen. Ihr selbst wird mitgeteilt, dass sie in Abwesenheit zu einem Jahr Haft verurteilt wurde. Wegen unerlaubten Verlassens der Republik. Dann bekommt das Paar die Zwangsausbürgerung zugeschickt. Es gab nur rund 400 Tschechen und Slowaken, die man einfach so ihrer Staatsbürgerschaft beraubte.

Der Brief ereilt Rakušanová im Bayerischen Wald, wo sie und Josef sich  ein Bauernhaus gekauft haben. Im Haus hängt heute ein gerahmter Brief des früheren US-Präsidenten Bill Clinton von 1994, in dem er Lída persönlich für ihre Arbeit dankt. Radio Freies Europa ist vom US-Kongress gegründet und finanziert worden, „um objektive Informationen in diktatorischen Regimen zu verbreiten“. Lída Rakušanová, so heißt es in dem Schreiben, habe sich „um die Wahrheit verdient gemacht“.

Prager Frühling in Vergessenheit geraten

Nun, 50 Jahre nach der Invasion, die Lída Rakušanová zum Flüchtling machte, redet man kaum noch über diese Zeit. Eine aktuelle Umfrage sagt, ein Viertel der Tschechen kann mit dem Begriff Prager Frühling nichts anfangen. Vor Jahren schon wusste die Hälfte der Schüler am Jan-Palach-Gymnasium nicht, wer der Namensgeber ihrer Schule war.

Unsere Gesellschaft muss anfangen, diese Zeit endlich aufzuarbeiten. So, wie in der alten Bundesrepublik die Zeit des Nationalsozialismus aufgearbeitet wurde“, fordert Rakušanová. Vielleicht beginne man dann auch darüber zu reden, wie es möglich ist, dass die alten Kommunisten wieder eine Hand an der Macht haben. Da laufe etwas schief, sagt sie.

Sie ist nun oft in Deutschland unterwegs, um über 1968 und die Jahre danach zu sprechen. Josef kann sie nicht mehr begleiten. Er ist gestorben. Ein Schlaganfall hatte ihn zuvor gelähmt. Rakušanová pflegte ihn bis zu seinem Tode.  Jetzt, mit 71, ist sie wieder journalistisch aktiv. „Ich kann mir glücklicherweise aussuchen, was ich im Radio oder anderswo kommentiere.“ Bis vor kurzem hat sie sich um die Fortbildung von Journalisten in einem deutsch-tschechischen Verlag gekümmert, an die 400 Leute ausgebildet. Denen musste sie sich nicht vorstellen. Lída Rakušanová ist eine Ikone. Bis heute.

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Chronologie

27. Mai 1963 Die Kafka-Konferenz in Liblice bei Prag gilt als Auftakt für den „Prager Frühling“. Literaten aus dem In- und Ausland diskutieren das Werk Franz Kafkas, der in der Tschechoslowakei als „bourgeoiser Autor“ gilt.

31. Oktober 1967 Studentenproteste in Prag werden von der Polizei gewaltsam aufgelöst. Im Zentralkomitee (ZK) der KPC brechen offen Meinungsverschiedenheiten um Reformen aus.

5. Januar 1968 Das ZK wählt Alexander Dubcek zum Ersten Sekretär. Dessen Vorgänger Antonin Nowotný behält vorerst das Amt des Staatspräsidenten, mit dem kaum reale Macht verbunden ist.

4. März 1968 Die Abschaffung der Zensur führt zu einer explosionsartigen Ausweitung der kritischen Öffentlichkeit. Kommunikation läuft nun nicht mehr nur von oben nach unten. Rundfunk und Zeitungen berichten über das Justizunrecht der 1950er Jahre und über Vetternwirtschaft in der KPC.

5. April 1968 Das ZK beschließt ein „Aktionsprogramm“. Darin gibt die Partei ihren Führungsanspruch zwar nicht auf, räumt aber ein, dass sie nicht mehr die „Vertreterin der ganzen Skala sozialer Interessen sein“ könne. Das Programm garantiert Rechte wie Meinungs- und Versammlungsfreiheit.

27. Juni 1968 Der Schriftsteller Ludvik Vaculik veröffentlicht das „Manifest der 2000 Worte“. Darin heißt es, eine Demokratisierung sei nur außerhalb der KPC möglich. Der sowjetische Staatschef Breschnew spricht nun von „Konterrevolution“ – ein Wort, das er bis dahin stets vermieden hatte.

20. August 1968 Um 21 Uhr marschieren sowjetische, polnische, ungarische und bulgarische Truppen in die Tschechoslowakei ein. Dubcek muss im April 1969 als KPC-Chef zurücktreten.

12. November 1968 Breschnew verkündet auf dem Parteitag der polnischen Kommunisten seine „Breschnew-Doktrin“: Die UdSSR werde auch künftig notfalls militärisch eingreifen, wenn sie die Interessen des sozialistischen Lagers bedroht sieht. Die Warschauer-Pakt-Staaten hätten nur eine begrenzte Souveränität. epd

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