Bundestagswahl Die schwere Kunst des Abschieds

Berlin / GUNTHER HARTWIG 30.07.2016
Scheiden tut weh - gerade in der Politik. Nur wenigen Amtsträgern gelingt es, zum richtigen Zeitpunkt freiwillig zu gehen. Ein Jahr vor der Bundestagswahl kündigen sich jetzt die ersten Rückzüge an.

Ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl packen die ersten Abgeordneten schon mal langsam ein – mehr oder weniger freiwillig, aber selten leichten Herzens. Heinz Riesenhuber (CDU) zierte sich lange, ehe er mit 80 Jahren endlich seinen Rückzug aufs Altenteil verkündete. Immerhin 72 Jahre alt ist der SPD-Außenpolitiker Gernot Erler aus Freiburg, der jetzt seinen Verzicht auf eine erneute Kandidatur bekannt gab.

Peer Steinbrück (69) hört bereits im September auf, seine SPD-Genossin Brigitte Zypries (62) im Herbst 2017, ebenso die amtierende CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt (66) und Jan van Aken (55), Rüstungsexperte der Linksfraktion. Dagegen wollen Wolfgang Schäuble (73) und Volker Kauder (66) noch nicht abtreten, sondern als Direktkandidaten in ihren Wahlkreisen Offenburg und Rottweil/Tuttlingen wiedergewählt werden.

Ja, (Aus-)Scheiden tut weh, gerade in der Politik. Die süße Droge Macht kann, wie schon Konrad Adenauer wusste, „zum Laster werden, wenn man sich ihr zu sehr ergibt“. Die Insignien und Privilegien von politischen Ämtern sind allzu verlockend. „Die Furcht vor dem Ende der öffentlichen Wirkung“, schrieb der Politik-Professor und Ex-Bundestagsabgeordnete Gerd Langguth (CDU), „ist die stärkste Triebkraft, um keinen Preis loszulassen.“ Vorbilder für einen gelungenen Abgang zum richtigen Zeitpunkt sind rar: die Bundespräsidenten Gustav Heinemann (SPD), Roman Herzog (CDU) und jetzt Joachim Gauck, die Ministerpräsidenten Ole von Beust (CDU) und Matthias Platzeck (SPD).

„Es gibt auch ein Leben nach der Politik.“ Dieser Satz gehört zum Phraseninventar unserer politischen Elite  – und ist in den meisten Fällen eine glatte Lebenslüge. Schon vor drei Jahrzehnten hat der unvergessene Rolf Zundel in der „Zeit“ angemerkt: „Politik ist in der Regel, jedenfalls in der Endphase, ein Versuch, dem Abschied zu entgehen. Ein oft verzweifelter, jedenfalls ein hoffnungsloser Versuch.“

Einmal traf ich einen langjährigen Bundestagsabgeordneten und Landesminister, der wenige Monate zuvor durch Wahlen sein Amt verloren hatte. Gleich in den ersten Minuten unseres Gesprächs sagte er mehrfach ungefragt: „Ich vermisse nichts. Entzugserscheinungen? Keine Spur.“ Da wusste ich sofort, dass der arme Mann in Wahrheit unendlich litt.