Die Hitze weicht erst abends, die Luft wird samtweich, Himmel und Meer scheinen einander zärtlich zu küssen. Aus der Nachbarpension russische Frauenstimmen: "Kommt runter zu uns! Wir haben Speck und Wurst." "Und wir Kognak, sollen wir noch Wodka besorgen?" "Wir trinken", ruft ein Mann, "alles, was fließt." Gelächter, das von einem MiG-Kampfjet übertönt wird. Er fliegt langsam über die Dächer und den Strand und das Schwarze Meer, auf die silbrige Mondsichel zu.

Der Sommer war nicht schlecht, aber auch nicht wirklich gut. 3,8 Millionen Krim-Urlauber zählten die Behörden Ende September, mehr als im gesamten Vorjahr. 2013, im letzten Jahr unter der Ukraine, waren es noch sechs Millionen Touristen.

Im März 2014 überschwemmten Truppen ohne Erkennungszeichen, die sich später als russische Soldaten herausstellten, die Halbinsel. Es folgte ein sehr sowjetisch organisiertes 97-Prozent-Ja-Stimmen-Referendum und die Krim war wieder russisch. Nur zehn UN-Mitgliedstaaten haben den Anschluss anerkannt, die USA und die EU erließen Sanktionen, untersagten westlichen Firmen Geschäfte mit der Krim. Die Halbinsel ist "Unland" geworden.

Ukrainische Touristen trauen sich kaum noch hierher, und Russen fürchten die Autofahrt durch die Ukraine. Eine Landverbindung nach Russland gibt es nicht, nur Fähr- oder Flugverkehr. Kiew droht sporadisch mit Strom- und Wasserboykott, seit mehreren Wochen blockieren exilierte Krimtataren die Grenzübergänge zur Ukraine, aus Protest gegen die Annexion.

Die Krim aber tut, als wäre nichts passiert. Fast nichts. Zwar hängen in den Andenkenbuden überall blauschwarze T-Shirts mit russischen Fallschirmjägern und der witzig drohenden Unterschrift: "Russen brauchen keine Visa." Aber diese T-Shirts zieht hier niemand an, die Urlauber bevorzugen frohere Farben und angelsächsische Parolen: "Every Season ist perfect."

Der Taxifahrer Roman hat bis vergangenen Herbst in Moskau als Lkw-Fahrer gearbeitet. Als seine Firma wegen der Wirtschaftskrise seinen Monatslohn von umgerechnet 860 auf 360 Euro kürzte, kehrte er heim. Der Wiederanschluss bewegt ihn kaum. "Im Vergleich zur Ukraine hat sich nichts geändert. Es wimmelt von Banditen", er meint damit Beamte.

Die Krim ist arm. Das Monatseinkommen beträgt offiziell im Durchschnitt 340 Euro, real oft nur 150 Euro, die Hälfte des russischen Mindestlohns. Die Überlandbusse sind überfüllt, ein russisches Schulmädchen sitzt auf den Knien seiner tatarischen Freundin, eine sehr sowjetisch wirkende Völkerfreundschaft. Dahinter leuchtet das weiße Freizeithemd einer kolossalen Dame aus Sankt Petersburg. Sie umarmt eine halbvolle Bierflasche und erzählt von Deutschland: "Wie schön, wenn am Sonntag alle Nationaltracht tragen. Aber wie schrecklich es jetzt in München ist, mit all diesen Schwarzen." Sie heißt Larissa Iwanowna, arbeitet als Bibliothekarin und kuriert ihre Gelenkschmerzen mit der Heilschlammkur von Saki. Sie seufzt über Petersburger Bausünden, über Korruption auf der Krim, über deutsche Schwulenparaden. "Bei uns gibt es auch Unzucht, aber niemand geht damit auf die Straße."

Die Krim träumt fremde Alpträume und liegt dabei selbst im Dornröschenschlaf. An den Stränden stehen Fahnenmasten mit den verblassenden Nationalfarben der Ukraine, auf den Rathausplätzen sowjetische Lenindenkmäler, der Putz vergessener Jugendstilvillen aus der Zarenzeit pellt sich. Anderes ist erst gar nicht zu Ende gebaut worden und zerfällt schon wieder. Das breite Pflaster einer Uferpromenade endet abrupt, es geht auf grob rissigen Betonplatten weiter.

Man könnte den Dornröschenschlaf auch Depression nennen. Mit der Ukraine ist die Hoffnung auf die Investitionen westlicher Tourismus-Unternehmen verschwunden, Russland hat Milliarden in Sotschi verbaut, steckt in der Wirtschaftskrise, führt Krieg. Was hilft der Krim ihr Duft nach Harz, Honig und Meersalz? Die Zukunft will nicht beginnen. Die Krim-Bewohner fühlen sich alleingelassen.

An Laternenpfählen kleben Zettel: Suchen "nicht trinkende" Ladearbeiter steht auf einem und auf einem anderen "Bieten sofort Bargeld für EC- und Master-Karten". Wegen der Finanzsanktionen funktionieren Kreditkarten an vielen Geldautomaten nicht. BMW-Neuwagen oder Ural-Airlines-Tickets sind über geheime Pfade auf die Sanktions-Krim gelangt. Kleinhoteliers, Taxiunternehmer oder Obsthändler arbeiten lieber schwarz, denn immer häufiger bringen die "Organe" legal gemeldete Geschäftsleute hinter Gitter. Deren Betriebe werden verstaatlicht oder geraten unter die private Kontrolle von Amtsinhabern.

Die halbe Krim kennt Jelena Grizak. Ihr Mann verlor sein Busunternehmen an die Behörden und landete als Steuerhinterzieher im Gefängnis. "Wem geht es jetzt gut auf der Krim? Denen, die auf die Rückkehr nach Russland hofften, und überzeugt waren, dass dann Gerechtigkeit und Gesetz, Korruption und Rechtlosigkeit verdrängen?", räsoniert Jelena auf Youtube. "Nein, gut geht es nur denen, die an der Macht sind, weil sie Korruption und Rechtlosigkeit zum Gesetz gemacht haben." Das Wirtschaftsklima drückt auf die Stimmung, aber man tröstet sich, dass in der Ukraine noch mehr Krise und ähnlich viel Korruption herrsche. Nur ein tatarischer Lehrer sagt: "Du hast das Gefühl, dass Russland die Krim nicht aufgenommen, sondern fallen gelassen hat."

Am Strand des Invalidenverbandes von Jewpatorija sitzt nachts ein einsamer Mann im Rollstuhl. Wladimir heißt er und kommt aus der Grubenstadt Dscherschinsk im Donbass. Ein Putin-Anhänger, im Mai 2014 organisierte er die Volksabstimmung über die Abtrennung von der Ukraine mit. Ende Juni eroberten die Ukrainer Dscherschinsk zurück, wie andere prorussische Aktivisten musste Wladimir fliehen, landete auf der Krim. Wladimir holt einen Flachmann aus der Tasche, Beerenschnaps. "Die Krim ist wunderschön, aber ich habe die Nase voll von ihr. Ich will nach Hause." Er weiß nicht, ob und wann er heimkehren kann. Die Kriegsfront ist erstarrt, Separatisten droht in Dscherschinsk Gefängnis. Wladimir schaut aufs Meer, auf den Himmel und den silbrig glänzenden Mond. Exil ist bitter, auch im Dornröschenschlaf.