Olympia Die Russen fühlen sich durch die IOC-Entscheidung ungerecht behandelt

Moskau / Von Stefan Scholl 07.12.2017
Russische Athleten dürfen bei den Winterspielen in Südkorea nur unter neutraler Flagge starten. Moskau stellt den Sportlern die Teilnahme frei.

Russland gibt sich ungefähr so wütend wie der Krallen und Zähne zeigende Bär, den der Blogger Andrei Esaulow ins Netz gestellt hat. Unterschrift: „Unser Land konnten die amerikanischen Terroristen weder in der Ukraine noch in Syrien zerbrechen, die Sanktionen des IOCs zerbrechen uns auch nicht.“ Eine von über 8000 Reaktionen, die laut der Agentur Ria Nowosti schon in den ersten sechs Stunden nach der Entscheidung in Lausanne unter dem trotzigem Hashtag „No Russia, no Games“ auf Twitter auftauchten.

Am Dienstag sperrte das IOC das russische NOK für die Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang. Nur russische Sportler, denen eine internationale Kommission bescheinigt, „sauber“ zu sein, dürfen starten. Und nur in neutralen Trikots, ohne russische Flagge und Hymne. Eine Entscheidung, die in Russland viele befürchtet hatten. Stimmen für oder gegen einen Boykott werden laut. Aber fast alle eint beleidigte Unschuld.

„Eine abscheuliche Entscheidung. Zweifellos ist sie Teil der Generallinie des Westens zur Eindämmung Russlands“, schimpft der Senator Konstantin Kosatschjow auf Facebook. „Sie haben Verräter angeworben, gezielt nur Reagenzgläser eines Landes durchgeschüttelt, Hysterie in den Medien organisiert.“ Und die russische Menschenrechtsbeauftragte Tatjana Moskalkowa sekundiert: „Die IOC-Entscheidung ist diskriminierend, ungerecht und erniedrigend für die nationale Würde unseres Landes.“ Die staatliche TV-Gesellschaft ­WGTRK und die staatlich kontrollierte Holding „Gasprom-Media“ wollen sämtliche Olympia-Übertragungen streichen.

Das offizielle Russland reagiert nicht zufällig so heftig. Zwar versicherten TV-Kommentatoren und Politiker am Mittwoch wiederholt, das IOC habe in Lausanne öffentlich zugegeben, dass in Russland nie ein staatliches Dopingsystem existiert hat. Eine glatte Lüge. Der Strafenkatalog des IOC zielt auf den russischen Staat. „Seine Symbole und Vertreter sind ausgeschlossen worden“, konstatiert die Zeitung Wedomosti, „Fahne, Hymne, Nationaltrikots und Beamte“. Ex-Sportminister Witali Mutko, inzwischen zum Vizepremier befördert, und sein Ex-Stellvertreter Juri Nagornych wurden lebenslang für Olympia gesperrt, der NOK-Vorsitzende Alexander Schukow aus dem IOC ausgeschlossen.

Sie alle bestreiten den skrupellosen Missbrauch des Heim­rechtes bei den Winterspielen in Sotschi zum Austausch frischer Dopingproben vehement. „Die Bestrafung unschuldiger ist unmoralisch“, tönte Schukow noch in seiner Rede vor dem IOC in Lausanne.

Sportler und Trainer weisen die Doping-Vorwürfe ähnlich heftig zurück. Aber während Parlamentarier laut über einen Boykott nachdenken, plädiert der zweifache Biathlonweltmeister Sergei Tschelikow dafür, den Sportlern den Start in Südkorea zu gestatten: „Ich sehe das Feuer in den Augen der Athleten, das ist das Ziel ihrer sportlichen Karriere, sie haben sich darauf vorbereitet und wollen nun den Gipfel stürmen.“ Man müsse ihnen die Chance geben, sich selbst zu realisieren. Ex-Tennisprofi Jewgeni Kafelnikow verkündete sogar, er würde selbst gegen den Willen Wladimir Putins nach Südkorea fahren. „Olympische Spiele sind mehr als der Präsident.“

Bei einer Umfrage des Nachrichtenportals newsru.com sprachen sich 53,4 Prozent der Teilnehmer für einen Start russischer Sportler unter neutraler Flagge aus, nur 36,9 Prozent für einen Boykott. Der Kremlberater Sergei Markow aber sagte unserer Zeitung, er sei für einen Boykott, der allen Sportlern, die starten wollten, doch eine Teilnahme ermöglicht. „Aber wir müssen diesen Menschen erklären, dass sie dort kein ehrlicher sportlicher Kampf erwartet.“

Ein offenes Geheimnis

In Russland gilt Doping im vaterländischen Leistungssport als offenes Geheimnis. Gleichzeitig herrscht die Überzeugung, auch andere Sportnationen arbeiteten mit leistungsstärkenden Mitteln.

Der Kreml selbst zögerte lange mit einer Stellungnahme. Schließlich meldete sich Staatschef Wladimir Putin zu Wort, er stellt den Sportlern einen Start bei den Olympischen Winterspielen 2018 frei. „Wir werden zweifellos nicht diejenigen blockieren, die teilnehmen wollen“, sagte der Kremlchef der Agentur Tass zufolge.

Er sorge sich sehr um die Leute, die von dem Ausschluss betroffen seien. Sie hätten ihre ganze Karriere darauf ausgerichtet, deshalb sei eine Teilnahme sehr wichtig. „Die meisten Anschuldigungen basieren auf Vorwürfen, die in keiner Weise bestätigt wurden und zumeist keine Grundlage haben“, sagte Putin. Diese kämen in erster Linie von Personen, deren moralische und ethische Prinzipien in Frage zu stellen seien.

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