Tourismus Die Reiselust der Deutschen ist nicht zu bremsen

Dieter Keller 02.01.2018
Die Terrorgefahr hält die Deutschen nicht vom Reisen ab. Allerdings macht sich die politische Lage in der Türkei bemerkbar.

Verzweifelte Urlauber, die am Flughafen von Mallorca oder Teneriffa gestrandet sind und nach der Pleite von Air Berlin und Niki nicht wissen, wie sie in die Heimat zurückkommen – solche Bilder waren im vergangenen Jahr nicht gerade die beste Urlaubswerbung. Aber die Reiselust der Bundesbürger konnten sie nicht bremsen. Um mindestens zwei Prozent haben die deutschen Reiseveranstalter ihre Umsätze 2017 gesteigert, in der Sommersaison sogar noch stärker. „Wir leben in bewegten Zeiten, doch der Wunsch nach Urlaub ist bei den Deutschen ungebrochen hoch“, freut sich der Präsident des Deutschen Reise­verbands (DRV), Norbert Fiebig.

In diesem Jahr dürfte es ähnlich gut weitergehen. Dafür sprechen zumindest die Vorbuchungen – und daran kann auch die Angst vor Terroranschlägen nichts ändern. „Tourismus steht gerade für Weltoffenheit und kulturellen Austausch und kann einen wichtigen Beitrag zu mehr Verständnis untereinander leisten“, macht Fiebig seiner Branche Mut.

Dabei gibt es erstaunliche Widersprüche: Einerseits hält nur knapp die Hälfte der Bundesbürger Spanien für ein Land, in dem sie sich im Urlaub wohl und sicher fühlen, ergab eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts GfK. Andererseits ist das südeuropäische Land mit Abstand das beliebteste ausländische Urlaubsziel der Deutschen, zumindest wenn sie bei einem Reiseveranstalter buchen.

Mehr als jeder vierte Euro, den Deutsche für ihren Urlaub ausgeben, wandert laut GfK nach Spanien. Dabei gibt es auffällige Unterschiede: Die Kanaren und das spanische Festland gewinnen, während die Balearen verlieren, allen voran Mallorca. Offenbar haben gestiegene Hotelpreise und die extreme Überfüllung Deutsche abgeschreckt, zumindest wenn sie die Insel im Reisebüro buchen. Dafür gewann diese Gäste, die ihren Urlaub individuell organisieren.

Spanien profitierte vom gewaltigen Einbruch der Türkei, die binnen zwei Jahren fast die Hälfte der deutschen Urlauber verlor. Grund war wohl nicht nur die Terrorgefahr, sondern auch die politische Lage mit dem unberechenbaren Präsidenten Recep Tayyip Erdogan – ausgerechnet im Urlaub ist das manchem nicht geheuer. In der Reisebranche sorgte dies für erhebliche Probleme, schon weil es kaum ein Ersatzziel mit so günstigen Preisen gerade für junge Familien gibt.

Begehrtes Griechenland

Hauptgewinner war der direkte Nachbar: Griechenland. Dank eines Umsatzplus von 30 Prozent wurde er im Sommer 2017 das zweitstärkste Urlaubsland nach Spanien. Knapp 3,6 Millionen Deutsche reisten zu den Helenen, deutlich mehr als Briten.

Noch größere Wachstumsraten verzeichnete Ägypten, allerdings nur prozentual, nachdem es zuvor extrem verloren hatte. Zeitweise fuhr so gut wie kein Kreuzfahrtschiff auf dem Nil. Nach den derzeitigen Buchungen ist Ägypten wieder das zweitwichtigste Winterziel nach den Kanaren. Auch Tunesien holt langsam auf. In diesem Jahr hofft das Land auf 185.000 deutsche Gäste. Vor einigen Jahren waren es allerdings mehr als eine halbe Million.

Für die Reisebranche bedeuten solche kurzfristigen Verschiebungen große Herausforderungen. Denn sie müssen beim Einkauf von Hotelkapazitäten und Flügen deutlich flexibler sein als früher. Dazu kommen unplanbare Ereignisse wie die Pleite von Fluglinien. „Die Insolvenz zeigt die Vorteile der Pauschalreise: Gäste, die bei einem Reiseveranstalter gebucht haben, können sich auf ein Rundum-Sorglos-Paket verlassen“, wirbt DRV-Präsident Fiebig für seine Branche. Wer Flug und Hotel getrennt bucht, ist im wahrsten Sinn des Wortes auf sich allein gestellt. Der günstigere Preis kann sich rächen.

Wichtigstes Fernreiseziel bleiben die USA, auch wenn es einen Umsatzrückgang von 17 Prozent gab. Der DRV führt dies nicht nur auf den ungünstigen Wechselkurs zurück, sondern hält auch einen „Trump-Effekt“ für möglich, obgleich er sich nicht genau beziffern lässt. Immer neue Rekorde fahren dagegen Kreuzfahrten ein: Inzwischen gehen jedes Jahr zweieinhalb Millionen Deutsche an Bord eines Hochsee- oder Flusskreuzfahrtschiffes.

Nicht nur bei den Urlaubsländern gibt es große Veränderungen, sondern auch, wie Pauschalreisen gebucht werden. Zwar läuft immer noch das meiste über die rund 10.000 Reisebüros, die mit ihrer individuellen Beratung werben. Doch der Strukturwandel ist rasant: Der Vertrieb über Onlinereisebüros und die Reiseportale der Veranstalter wächst kräftig. 2016 wurde deutlich mehr als jede dritte Urlaubsreise im Internet gebucht. Ende des Jahrzehnts könnte es jede zweite sein.