Es ist, als kehrten Schatten aus düsterer Vergangenheit zurück. 18 Jahre nach Auflösung der linksterroristischen Roten Armee Fraktion (RAF) tauchen Spuren der Terroristen wieder auf. Die letzten gesuchten RAF-Mitglieder Daniela Klette (57), Ernst-Volker Staub (61) und Burkhard Garweg (47) sollen vergangenes Jahr zwei Raubüberfälle auf Geldtransporter in Stuhr nahe Bremen und Wolfsburg unternommen haben - beide scheiterten.

Müssen die Überfälle als Hinweis auf neue terroristische Aktivitäten gelesen werden? Oder sind da nur drei Kriminelle nach Jahren im Untergrund in Geldnot geraten?

Die Staatsanwaltschaft geht in beiden Fällen davon aus, dass kein terroristischer Hintergrund vorliegt, sondern die Taten wohl der Finanzierung des Lebens im Untergrund dienen sollten. Denn das Trio aus der "dritten RAF-Generation", gegen das die Bundesanwaltschaft seit Anfang der 90er Jahre ermittelt, ist seit Jahren untergetaucht.

Bei dem Überfall in Stuhr hatten drei Maskierte einen gepanzerten Geldtransporter am helllichten Tag mit einem VW-Bulli blockiert und mit einem Schnellfeuergewehr auf den Transporter geschossen, in dem eine Million Euro lagen. Die Täter gelangten aber nicht ins Auto und flüchteten ohne Beute. In Wolfsburg fingen die Täter den Beifahrer des Geldtransporters außerhalb des Fahrzeugs ab und bedrohten ihn mit einer Pistole. Der Fahrer flüchtete aber überraschend mit dem Transporter, die Räuber gingen wieder leer aus.

Nicht so 1999: Nach Recherchen des NDR wurden Spuren des Trios bereits damals nach einem Überfall auf einen Geldtransporter in Duisburg entdeckt, der nach ähnlichem Muster verlief. Damals erbeuteten sie gut eine Million D-Mark.

Die Täter gingen professionell vor. In beiden Fällen 2015 kamen Sturmgewehre und mindestens eine Panzerfaust zum Einsatz. Laut NDR benutzten die Täter wahrscheinlich sogenannte Hohlladungsmunition, die auch größere Widerstände durchdringt.

Berüchtigt wurden die drei Untergetauchten und mutmaßlichen Angreifer 1993. Nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft sollen sie damals als Kommando "Katharina Hammerschmidt" einen Bombenanschlag auf die im Bau befindliche Justizvollzugsanstalt im hessischen Weiterstadt verübt haben. Schaden: 123 Millionen D-Mark. Daniela Klette wird zudem verdächtigt, an zwei weiteren RAF-Anschlägen beteiligt gewesen zu sein. Sie soll 1990 gemeinsam mit weiteren Terroristen einen Sprengstoffanschlag auf das Verwaltungsgebäude der Deutschen Bank in Eschborn nahe Frankfurt versucht haben, doch die Zündvorrichtung des in einem Auto versteckten Sprengstoff versagte. Außerdem soll Klette 1991 an einem Anschlag auf die US-Botschaft in Bad Godesberg beteiligt gewesen sein. Dabei sollen von der gegenüberliegenden Seite des Rheins mindestens 250 Schüsse auf das Gebäude abgegeben worden sein.

1998 hat die RAF ihre Auflösung verkündet. Kehrt sie nun zurück und besorgt schonmal Geld? Hinweise auf eine Wiederkehr des Linksterrorismus gab es immer wieder. 2001 gab es Berichte, wonach RAF-Aktivisten die Logistik der Terrorgruppe nutzten, vor allem Waffendepots. Zu der neuen Gruppe, berichtete damals der "Spiegel", gehörten auch Klette und Staub. Von einer "Vierten Generation der RAF" war die Rede. Aber die Befürchtungen einer neuen Welle des Linksterrorismus bestätigten sich nicht.

Im November 2015 berichtete die "Ostthüringer Zeitung" von einer anonymen Gruppe namens "RAF 4.0", die 40 Morde an Richtern, Staatsanwälten, Polizisten und Politikern angekündigt habe. Als Motiv wurde das Staatsversagen bei den Ermittlungen gegen die rechte NSU-Terrorzelle genannt. Schon hieß es in diversen Medien: "Die RAF ist wieder da." Doch mehr hörte man nicht von der "RAF 4.0"

Fachleute sind sich in der Bewertung der jüngsten Nachrichten uneins. Der RAF-Experte Butz Peters hält Sorgen vor einer neuen Welle der politischen Gewalt von links für unbegründet. Er sagt zwar: "Früher vor Anschlägen gab es immer eine Beschaffungsphase. Da hat die RAF Banken überfallen, konspirative Wohnungen angemietet, sich Autos beschafft für die Anschläge." Trotzdem glaube er nicht, "dass jetzt eine vierte Generation losmarschiert", sagt Peters. Der Rechtsanwalt und Publizist geht davon aus, dass es dem Trio in erster Linie um seine Altersvorsorge ging. Denn: "Wer viele Jahre im Untergrund gelebt hat, kann halt in keine Rentenversicherung einzahlen oder sich Ähnliches aufbauen."

Der Sicherheitsexperte Wolfgang Petri indes spekuliert: "Es geht nicht nur um die reine Geldversorgung. Die alte Idee lebt fort." Petri, der 16 Jahre als Kriminalpolizist gearbeitet hat, verweist auf die brachiale Gewalt der Überfälle, die brutale Kommandoaktion: "Der modus operandi trägt eindeutig die Handschrift von Profis." Und er warnt: Angesichts des islamistischen Terrorismus sei der Staat "in einem sehr angeschlagenen Zustand". Linke Terroristen könnten versuchen, dies auszunutzen - ob man sie nun die dritte oder die vierte RAF-Generation nennt.