Leitartikel Tanja Wolter zu den Folgen der Schnelllebigkeit Die neue Fahrigkeit

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Autorenfoto © Foto: Könneke Volkmar
Ulm / Tanja Wolter 13.08.2018

Jeder kennt das Pingpong im Kopf. Den Zustand, wenn die Konzentration nachlässt und die Gedanken hin- und herspringen wie ein Tischtennisball. Schüler, die ihren Tagträumen nachhängen, Gesprächspartner, die den Faden verlieren, ein Leser, der abdriftet – bedenklich ist das alles nicht. Unsere Fähigkeiten, Informationen aufzunehmen und aufmerksam zu sein, sind begrenzt. Der Geist ist nun mal ein kleiner Anarchist. Für Kreativität kann das sogar unabdingbar sein: Albert Einstein zum Beispiel schöpfte seine Genialität auch daraus, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, mitunter ganze Tage lang.

Unsere Gesellschaft zeigt dagegen zunehmend Symptome einer krankhaften Konzentrationsschwäche. Die Reiz-Reaktions-Maschine dreht sich immer schneller. Ein kurzer Input, ein flüchtiger Gedanke – und schon erfordert die nächste Sache das Augenmerk. Das gilt nicht nur für sogenannte „Smombies“, die eine untrennbare Symbiose mit ihrem Smartphone eingegangen sind und im pausenlosen Informations- und Bilderfeuer die reale Welt ausschalten. Auch Dauerstress, Arbeitsverdichtung, permanente Veränderungsprozesse, Bewegungsmangel oder Schlafprobleme zehren – medizinisch erwiesen – an der Aufmerksamkeit. Vieles davon bedingt sich gegenseitig. Irgendwann greift die mentale Überforderung um sich. Für den Einzelnen kann das schwere Folgen haben, etwa einen Unfall aus Unachtsamkeit oder einen Burnout.

Doch auch die Gesellschaft leidet. Denn Konzentration ist die Fähigkeit, Handlungen bewusst zu steuern und auch zu kontrollieren. Wer eine Aufgabe oder ein Problem angehen will, agiert bestenfalls immer nach dem Muster: erst wahrnehmen, dann denken, dann handeln.  Das gilt gleichermaßen für den Alltag wie für die großen Konflikte der Welt. Nur im Teenager-Alter gerät diese Reihenfolge oft durcheinander.   Inzwischen  wirkt aber selbst die Politik oft nur noch pupertär, impulsiv und fahrig, getrieben vom medialen Strohfeuer und der Sucht nach Aufmerksamkeit. Dafür braucht es gar keinen Donald Trump, der ständig im Affekt agiert. Dass unreflektiertes Handeln schnell außer Kontrolle geraten kann, hat auch das Berliner Sommertheater vor dem Berliner Sommerloch gezeigt. Die Union badet das an Hysterie grenzende Spektakel rund um das überhöhte Thema Flüchtlingsabweisung jetzt mit miesen Umfragewerten aus. Hätten die Beteiligten doch nur mal innegehalten und nachgedacht!

Einer unkonzentrierten Gesellschaft geht aber nicht nur die Kompetenz verloren, die wirklichen Probleme zu erkennen und zu lösen.  Es wirkt sich auch auf das soziale Gefüge aus, wenn sich viele Menschen nur noch in ihrer eigenen Blase bewegen und ihrer Umgebung keine Aufmerksamkeit mehr schenken. Zu einer Kultur des Zusammenlebens gehört es, auch auf die anderen zu schauen. Doch dafür muss man nicht nur körperlich präsent sein.

Konzentration ist allerdings Arbeit. Und Arbeit erfordert Pausen. Das ist so altbekannt wie logisch, und trotzdem tritt niemand auf die Bremse. Warum eigentlich? Für diese Erkenntnis muss man kein Einstein sein.

leitartikel@swp.de

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