Leitartikel Mannschaft ist Spiegel eines verzagten Landes

„Fußball und Politik sind nicht dasselbe“, betont unser Hauptstadtkorrespondent Guido Bohsem.
„Fußball und Politik sind nicht dasselbe“, betont unser Hauptstadtkorrespondent Guido Bohsem. © Foto: NBR
Berlin / Guido Bohsem 28.06.2018
Dias Nationalteam ist ausgeschieden. Es verlor durch eine Mischung aus Angst und Überheblichkeit, die das Land plagt.

Mit großer Sicherheit hatte Jogi Löw einen Plan, wie er den WM-Titel in Russland verteidigen wollte. Einen Masterplan, sozusagen. Leider erging es seiner Mannschaft genauso, wie es der CSU mit dem Masterplan ihres Chefs ergeht – keiner kennt ihn, und trotzdem finden alle, man sollte das unbedingt so machen. Koste es, was es wolle. So enden Weltmeisterschaften in der Vorrunde, und so werden Regierungen an die Wand gefahren.

Ja, mit ein bisschen Phantasie und gutem Willen lassen sich zahlreiche Parallelen zwischen Fußball und Politik ziehen. Sind Löw und Kanzlerin Angela Merkel nicht vielleicht beide zu lange im Amt, um ihren Job noch vernünftig zu machen? Ist nicht auch die Union ganz wie die Mannschaft von der lähmenden, panischen Angst vor der Niederlage getrieben? Und haben die satten Fußball-Millionäre nicht längstens den Kontakt zu ihren Fans verloren, ganz genauso wie die Politiker in Berlin nicht mehr wissen, wie ihre Wähler ticken?

 Die Wahrheit ist, dass solche Vergleiche in die Irre führen. Fußball und Politik sind nicht dasselbe, ja noch nicht mal das Gleiche. Die Lage des deutschen Fußballs und die Lage der Koalition in Berlin sind ernsthaft nicht vergleichbar. Und doch lässt sich am Abschneiden der deutschen Mannschaft in Russland so einiges ablesen über den Zustand der Gesellschaft, über die Haltung der Nation.

Das Märchen ist zu Ende

Kasan ist das Anti-Sommermärchen. Das  Original zeigte den Deutschen 2006, dass sie anders sein können, sympathischer, netter, unbeschwerter. Es zeigte ihnen, dass sie fest zur eigenen Mannschaft stehen und gleichzeitig ein Fest mit Besuchern aus aller Welt feiern können. Es zeigte ihnen, dass man Fahnen schwenken kann, ohne in dumpfen Patriotismus zu verfallen. In Erfüllung ging das Märchen 2014 in Brasilien. An diesem Mittwoch  in Russland ging es zu Ende.

Und wieder: wie die Mannschaft, so die Gesellschaft. Derzeit erlebt die Welt ein Deutschland, das gleichzeitig satt und unzufrieden geworden ist in seinem Erfolg. Es sonnt sich in bräsiger Gewohnheit an seinen phänomenalen Wirtschaftsdaten und gefällt sich  in einer Art Wohlstands-Nörgelei. Beides zusammen klingt nicht mehr unbefangen, sondern unsympathisch und unappetitlich national – und ja, die aktuelle politische Lage ist eine Konsequenz daraus.

Die Welt schaut verblüfft und ein wenig hämisch auf ein Deutschland, das nicht nur seine Unbefangenheit, sondern auch seine Begeisterungsfähigkeit und sein Selbstvertrauen verloren hat und sich schlafwandlerisch auf den Weg in die Katastrophe begibt. Das Land gefällt sich im Lamento und kümmert sich selbstbezogen vor allem um Nebensächlichkeiten. Der Knall, der einen aus solchen Zuständen reißt, muss in der Regel nur laut genug sein. Hoffentlich war der Knall von Kasan laut genug, um auch die Gesellschaft aufzuschrecken.

Wegstecken, zusammenreißen, konzentrieren und mit guter Energie doppelt stark zurückkommen. Sommermärchen, Teil II. Das wäre es doch.

leitartikel@swp.de

Themen in diesem Artikel
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel