Landwirtschaft Die Mär vom kleinen Bauernhof

Ulm / Simone Dürmuth 25.08.2018

Drei Schweine, fünf Kühe, eine handvoll Hühner, die in einem Gärtchen mit Tomaten, Gurken und Kopfsalat herumscharren. So möchte man sich die Landwirtschaft gerne vorstellen, die unsere Nahrungsmittel produziert. In etwa so mag sie auch in den 50er Jahren noch ausgesehen haben. „Damals hat man alles probiert, was Geld bringt“, versucht Hubert Kucher, Landwirt in Schrezheim (Ostalbkreis) eine Erklärung. Und sein Vater Richard Kucher sagt: „Es ging vor allem darum, dass man selbst etwas zu essen hatte.“ Besonders profitabel war das aber nicht.

Seither ist der Hof stark gewachsen. Das war notwendig, um sinnvoll wirtschaften zu können. Vielen Bauern geht es ähnlich – sie müssen wachsen oder aufgeben. Im Laufe der Jahrzehnte sind die Lebensmittel-Produzenten so immer weniger geworden. Noch extremer verläuft diese Entwicklung auf Konzern­ebene. Sei es die Übernahme des Saatgut-Konzerns Monsanto durch den Chemie-Riesen Bayer oder die Aufteilung der Supermärkte von Kaiser’s/Tengelmann zwischen Rewe und Edeka: Auf allen Stufen der Lieferkette vom Acker bis zur Ladentheke finden Konzentrationsprozesse mit einer enormen Dynamik statt.

Seit den 70er Jahren geben knapp zwei Prozent der Landwirte jedes Jahr auf, vor 2007 waren es sogar drei Prozent, heißt es im aktuellen Situationsbericht des Deutschen Bauernverbandes. Zwischen 2007 und 2016 haben 46 200 landwirtschaftliche Betriebe dichtgemacht, 275 400 sind noch übrig.

Jeder zweite Schweinebauer gibt auf

Besonders hart trifft es derzeit die Schweinebauern. Seit 2010 haben mehr als die Hälfte der Betriebe aufgegeben. Und während jeder Sauenhalter 1996 noch im Schnitt 45 Tiere hatte, waren es 2017 bereits 227. Schuld daran seien unter anderem immer strengere Vorgaben, schreibt der Bauernverband. So wird das Kupieren der Schwänze geduldet, ist aber eigentlich  verboten. Ein Verbot, das laut der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) kaum umzusetzen ist, weil sich die Tiere sonst gegenseitig die Schwänze abbeißen.

Hinzu kommt, dass die Kastration der männlichen Schweine ohne Betäubung ab 2019 nicht mehr erlaubt ist. Eine  Betäubung durch einen Tierarzt hält der Verband aber für nicht praktikabel, weil das das Schweinefleisch zu sehr verteuern würde. Laut einer Umfrage der ISN denkt mehr als die Hälfte der deutschen Schweinehalter darüber nach, in den nächsten Jahren hinzuwerfen. Nur 22 Prozent nennen dafür wirtschaftliche Gründe, mehr als 70 Prozent beklagen die vielen Auflagen. Je kleiner der Betrieb, desto häufiger will er aufgeben.

Der Hof der Kuchers besteht seit mindestens sechs Generationen. Der Vater hielt dort Hühner, Schweine und zwölf Milchkühe. Im Ort gab es 35 Höfe – alle funktionierten nach einem ähnlichen Prinzip. Doch in den 60er Jahren setzte ein Strukturwandel ein. Weil die Mischhöfe kaum Geld verdienten, suchten sich die Bauern Arbeit und betrieben die Landwirtschaft nur noch im Nebenerwerb. Von dort war es ein kurzer Schritt, den Hof endgültig aufzugeben. Heute werden bundesweit fast 60 Prozent der Landwirtschaftsfläche von Großbauern mit mehr als 100 Hektar bewirtschaftet.

Der Hof der Kuchers ist der letzte in Schrezheim. Mit 100 Milchkühen liegt der Viehbestand deutlich über dem Schnitt von 47 Tieren in Baden-Württemberg (bundesweit: 65). Kuchers produzieren heute mehr Milch als früher alle Höfen im Ort zusammen, erklärt Hubert Kucher. Es schwingt ein wenig Stolz in seiner Stimme mit.

Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), bereitet diese Entwicklung Sorgen: „Mit jedem Hof, der aufgegeben wird, verlieren wir ein Stück Tradition und Agrikultur.“ Solange es aber bei den rund zwei Prozent bleibe, die jährlich aufgeben, biete dieser Strukturwandel auch Chancen für junge Menschen, die ihre Zukunft in der Landwirtschaft sehen. „Wenn er aber bei einer Größenordnung, wie beispielsweise in der Ferkelerzeugung liegt, dann ist das eine dramatische Entwicklung. Hier droht ein kompletter Bereich der Landwirtschaft wegzubrechen.“

Diese Konzentrationsbewegungen gibt es aber nicht nur bei den Höfen, sondern auch bei den Konzernen. Zu Beginn des Jahres 2017 dominierten sieben Unternehmen die weltweite Produktion von Pestiziden und Saatgut. Inzwischen sind es nur noch vier: Die US-Konzerne DuPont und Dow Chemical haben fusioniert, ChemChina hat Syngenta aus der Schweiz gekauft und Bayer hat den US-Hersteller Monsanto übernommen. Die drei Konzerne beherrschen mehr als 60 Prozent der Märkte für kommerzielles Saatgut und für Agrarchemikalien, so steht es im „Konzernatlas 2017“, der unter anderem von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) herausgegeben wird.

Die Monsanto-Übernahme war der vielleicht spektakulärste Fall der vergangenen Jahre. 56 Milliarden Euro hat Bayer für den heftig kritisierten Konzern gezahlt. Seither ist Bayer der weltgrößte Anbieter von Herbiziden und Saatgut. Laut „Konzernatlas“ beherrscht der Dax-Konzern ein Drittel des globalen Marktes für kommerzielles Saatgut und ein Viertel des Marktes für Pestizide. Und der Konzernatlas nennt weitere Beispiele für die Konzentration der Marktmacht: Fünf Unternehmen dominieren den weltweiten Handel mit landwirtschaftlichen Produkten, und drei Hersteller von Landtechnik bedienen die Hälfte der weltweiten Nachfrage.

Wenn die Zahl der Anbieter von Düngemitteln und Saatgut sinkt, kann das für die Bauern eine schlechte Nachricht sein. Denn in einer Konzentration liegt auch immer die Gefahr, dass wenige Großkonzerne den Markt unter sich aufteilen und Preise absprechen.  „Einen staatlichen Eingriff in die freie Marktwirtschaft lehnen wir vom Prinzip her ab. Dennoch müssen die Kartellbehörden genau darauf achten, dass keine Monopole entstehen“, sagt Bauernpräsident Rukwied.

Vielleicht keine Monopole, aber immer weniger und dafür immer größere Betriebe – so dürfte es aller Voraussicht nach auch auf Ebene der heimischen Landwirte weitergehen. In Schrezheim soll eines Tages Enkel Matthias den Hof übernehmen. Er ist gerade 18 und im zweiten Lehrjahr zum Landwirt. Sein Vater schätzt, dass er den Hof in der aktuellen Größe weiterführen kann. „100 Kühe schafft eine Familie und kann davon leben. Es reicht gerade so“, sagt Hubert Kucher. Aber sollte sein Sohn erweitern wollen, dann müsste er wohl in deutlich größeren Dimensionen denken. „Hier im Ort ist kein Platz mehr.“ Also müsste ein kompletter Neubau im Außenbereich her – eine Investition von schätzungsweise zwei Millionen Euro. Damit sich das rechnet, müssten 200 zusätzliche Kühe her. Was dann aber von einer Familie nicht mehr zu schaffen wäre, und Angestellte müssen bezahlt werden. Dabei leben Kuchers schon jetzt nicht in Saus und Braus. Was genau er verdient, will Hubert Kucher nicht sagen. Nur: „Es reicht.“

Spekulationen mit Agrarflächen

Eine Diskrepanz, die es immer wieder gibt: Die, die unser Essen produzieren, können gerade so davon leben, während Investoren den Agrarsektor längst als Spekulationsobjekt für sich entdeckt haben: Immer mehr Geldgeber investieren direkt oder indirekt in  die Erzeugung und den Vertrieb von Lebensmitteln. Geschäfte rund um Weizen, Kaffee, Kakao und Schweinehälften sind enorm attraktiv – obwohl die Preise auf dem Weltmarkt stark gesunken sind. Denn dank des Bevölkerungswachstums in vielen Schwellenländern steigt die Nachfrage. Dazu kommen die niedrigen Zinsen, die die Hoffnung auf Gewinne in anderen Bereichen sinken lassen. Vor allem in den USA lässt sich dieses Phänomen beobachten: Dort investieren immer häufiger Versicherungen, Pensions- und Hedgefonds in die Branche und verändern so die landwirtschaftlichen Strukturen auf der ganzen Welt. Land wird knapper, Kleinbauern geraten beim Kampf ums Ackerland unter die Räder.

Zwar ist die globale Anbaufläche seit dem Ende des 20. Jahrhunderts um vier Prozent gewachsen. Doch parallel steigt auch die Nachfrage. Denn Palmöl, Zucker und Soja sind längst nicht mehr nur Nahrungsmittel, so die Autoren im Konzernatlas. Sie sind auch „Agrokraftstoff und Rohmaterial für andere Industrien“.

Eine Rückkehr zum Mischbetrieb schließt Hubert Kucher aus. Damit könne man keinen wirtschaftlichen Hof betreiben. Aber ein zweites oder drittes Standbein scheint sinnvoll – sei es eine Biogasanlage oder Ferienwohnungen. Die Kuchers leben neben der Landwirtschaft noch vom Gehalt der Frau, die Teilzeit als Lehrerin arbeitet. „Das gibt schon Sicherheit“, sagt Hubert Kucher. Und das Gute sei, dass sie in ihrem Beruf „immer frei hat, wenn es bei uns viel Arbeit gibt“.

„Die Politik muss die Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft so setzen, dass auch die nächste Generation eine Zukunft als Bauer hat“, sagt Rukwied. Die Betriebe dürften nicht überfordert werden, auch wenn die Anforderungen dem Tierwohl oder der ökologischen Landwirtschaft dienen.

Ob der alte Merksatz „wachse oder weiche“ noch gilt? Viele seiner Kollegen sähen das so, aber Kucher ist skeptisch: „Qualität und Regionalität sind heutzutage wichtiger“, glaubt er. „Und auch mit 200 Kühen kann man scheitern.“ Letztlich müsse die Familie entscheiden, auf welches Pferd sie setzt.

Der Konzentrationsprozess in Zahlen
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