Annegret Kramp-Karrenbauer Die Machtbewusste: Kampf um Kanzlerkandidatur?

Sie kann nicht nur  zuhören: Annegret Kramp-Karrenbauer agiert zugewandter als Angela Merkel.
Sie kann nicht nur zuhören: Annegret Kramp-Karrenbauer agiert zugewandter als Angela Merkel. © Foto: Söhnke Ehlers
Berlin / Ellen Hasenkamp 12.10.2018
Schon bald könnte sich die CDU-Generalsekretärin entscheiden müssen: Will sie um die Kanzlerkandidatur kämpfen?

Irgendwann ist sie einfach da. Kein Reinrauschen, keine Willkommensmusik, kein Gefolge begleiten die Ankunft der Generalsekretärin. Annegret Kramp-Karrenbauer greift sich ein Glas Wasser und eine trockene Brezel, dann ist sie startklar. Es ist einer der vielen warmen Tage in diesem unendlichen Sommer, noch dazu ein Freitagnachmittag. Anderswo wird nun der Grill angeworfen und das Wochenende eingeläutet. In dieser sanierten Magdeburger Industriehalle aber soll an der Zukunft der CDU gefeilt werden. „So frei und so lebhaft wie möglich“, wünscht sie sich die Debatte mit den erwartungsvollen Mitgliedern.

Kann AKK Kanzlerin?

Die „Zuhör-Tour“ war ihre Erfindung: Kreuz und quer durch die Republik reisen, sich mit der Partei bekannt machen, sich selbst der Partei bekannt machen. An einem Grundsatzprogramm arbeiten und damit vor allem an einem Grundstein arbeiten; einem Grundstein für den entscheidenden weiteren Schritt, auf den spätestens alle lauern seit jenem Moment im Februar, als die bisherige Ministerpräsidentin des Saarlands als neue CDU-Generalsekretärin die Berliner Bühne betrat: Ist sie die künftige Parteichefin? Kann AKK Kanzlerin?

Viel schneller und viel wuchtiger als gedacht sind diese Fragen auf die 56-Jährige zugerollt. Das politische Chaos, der Streit und die Niederlagen der vergangenen Monate haben die Partei durchgerüttelt und auch die einst uneinnehmbare Festung Angela Merkel erschüttert. Unübersehbar sind die Risse im Machtgebälk der Kanzlerin und Parteivorsitzenden inzwischen. Und unüberhörbar ist, mit wie viel Hoffnung der sperrige Name Annegret Kramp-Karrenbauer verbunden ist. Auch bei Merkel selbst.

Wie ein Frühlingswind

Als die CDU-Chefin vor fast acht Monaten ihre neue Generalsekretärin vorstellte, waren von der Meisterin des Understatements geradezu schwärmerische Töne zu hören: Von „großem Glück“ sprach sie und von einer „spannenden Sache“. Kramp-Karrenbauer neben ihr leuchtete in einem beinahe schon unverschämt pink und orange gefärbten Kleid. Wie ein Frühlingswind belebte sie die nach den quälenden Wintermonaten der Koalitionsfindung verunsicherte CDU. Und deren Chefin gleich mit. „Das war eine außerordentlich kluge Entscheidung der Kanzlerin“, lobt selbst ein Mark Hauptmann, der als Chef der jungen Abgeordneten im Bundestag den Kurs Merkels mehr als kritisch sieht.

Eine Woche später kannte der christdemokratische Jubel keine Grenzen mehr, als Kramp-Karrenbauer in ihrer Parteitagsrede den Delegierten ihren inzwischen berühmten Dreisatz „Ich kann, ich will und ich werde“ entgegenschmetterte. Die Formulierung, die wie ein knallharter Machtanspruch klingt, war rhetorisch gut abgepuffert: Es ging um den Dienst in der Partei, um Pflichterfüllung, wenn man gerufen wird. Genau diese Kombination beschreibt die Politikerin Kramp-Karrenbauer vielleicht am besten: Bescheiden, aber machtbewusst, kooperativ, aber kühn. Dass da jemand die Schaltstelle Staatskanzlei verlässt, um den Knochenjob im Maschinenraum der Partei anzutreten, hat ihr vom Ortsverband bis rauf zum Präsidium wertvolle Bonuspunkte beschert.

Bloß nicht zu viel Wirbel

Zugleich ist der Arbeitsplatz klug gewählt; sie selbst hat es Merkel so vorgeschlagen: Natürlich hätte die frühere Landesministerin, die im Saarland von Sport über Familie bis Inneres so ziemlich jedes Ressort einmal betreut hat, auch jeden Posten im Bundeskabinett ausfüllen können. Dann aber wäre sie Teil der Regierung geworden. Und als solcher ist es schwer, in einem Wahlkampf als Spitzenkandidat den Wandel zu verkörpern. Wobei nun auch einmal darauf hingewiesen werden muss, dass Kramp-Karrenbauer selbst auf solche Spekulationen stets mit einem freundlichen „netter Versuch“ reagiert und sich überhaupt von diesem ganzen Kanzlerinnengeraune fernzuhalten versucht.

Sie hält sich überhaupt gerne fern von allzu viel Gewese. Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Buch. In diesen Tagen ist ein Band erschienen, den zwei Berliner Journalistinnen über die Saarländerin geschrieben haben. Kramp-Karrenbauer hat daran mitgewirkt, spricht darin in ausführlichen Interviews über ihre Jugend als „Papa-Kind“, über ihren Glauben und den Willen zur Macht. Aber eine Buchvorstellung mit Bühne, Kameras und Laudator wollte sie nicht. Der Band mit ihrem Foto auf dem Titel ist – so wie die Generalsekretärin selbst in der Magdeburger Industriehalle  – irgendwann einfach da.

Dieses Verfahren ist auch deswegen bemerkenswert, weil es in scharfem Gegensatz zu dem eines anderen CDU-Politikers steht, dessen Name derzeit ebenfalls häufig fällt, wenn es um die mögliche Nachfolge von Merkel geht: Jens Spahn. Auch über den 38-jährigen Bundesgesundheitsminister liegt seit einigen Wochen eine Biografie in den Buchhandlungen. Und dass das so ist, wurde der Öffentlichkeit in einem gut gefüllten Saal gleich neben dem Brandenburger Tor ausführlich mitgeteilt. Spahn ist nicht nur in Sachen Selbstvermarktung das Gegenteil von Kramp-Karrenbauer. Das Kinn nach vorne gereckt hat er mit seinen Meinungen und Machtansprüchen immer wieder für größtmöglichen Wirbel gesorgt. Viele in der Union sehnen sich – nach der Moderationskönigin Merkel – nach einem solchen Typ. Womöglich aber noch mehr in der Union schreckt diese Breitbeinigkeit ab. „Bekannt bin ich jetzt, beliebt muss ich noch werden“, hat Spahn selbst seinem Biografen gesagt.

Klugheit und Härte

Bei Kramp-Karrenbauer ist es eher umgekehrt. Aber wo der herausfordernde Westfale Spahn vielleicht zu anders ist als Merkel, könnte die Saarländerin als zu ähnlich wahrgenommen werden: Frau, praktische Frisur, schnell im Kopf, nüchtern in der Art. Dabei unterscheidet die beiden Frauen viel: Kramp-Karrenbauer agiert zugewandter und wärmer, ist fest verankert in der westdeutschen CDU, sie ist katholisch – und sie ist Mutter von drei Kindern.

Kramp-Karrenbauer antwortet in dem Buch auf die Frage, was sie an Merkel beeindrucke: „Die Klugheit, mit der sie es zu ihrem Vorteil genutzt hat, dass sie oft unterschätzt wurde. Aber auch die klare Härte, mit der sie sich durchgesetzt hat, als es darauf ankam.“ Das klingt wie eine perfekte Selbstbeschreibung. Wobei das mit der Härte bei der Generalsekretärin womöglich noch ausgeprägter ist als bei der Kanzlerin: Kaltblütig beendete sie 2012 die erste Jamaika-Koalition auf Landesebene bei ihr daheim in Saarbrücken. Übrigens gegen den ausdrücklichen Rat der Kanzlerin und ausgerechnet am Dreikönigstag, als die Liberalen sich traditionsgemäß in Stuttgart feiern wollten.

Auch in der CDU-Parteizentrale räumte die Generalin auf: Sie baute Abteilungen um, holte neue Leute und verbannte die diversen Parteigruppierungen vom Portal der Website. Sie schuf im Übrigen auch das Mittagessen bei der Vorstandssitzung ab. Wer Hunger hat, muss sich nun draußen an einem Servierwagen bedienen. Drinnen soll gearbeitet – und nicht mit Geschirr geklappert werden.

Putzfrau Gretel und Gelbkäppchen

AKK – wie sie inzwischen fast alle in Berlin nennen, während sie in ihrer Familie im Saarland „es Anne“  heißt – kann aber auch holzen. Als es um ihre Wiederwahl 2017 als Ministerpräsidentin ging, untersagte sie publikumswirksam türkische Wahlkampfauftritte, obwohl mit denen an der Saar nun wirklich nicht zu rechnen war. Die AfD bezeichnete sie einmal als Rattenfänger – und nahm auch nach Empörung über diese Wortwahl keine Silbe zurück. Und Kritik teilte sie sogar gegen den Bundespräsidenten aus – wegen dessen Aufrufs zu einem Konzert, bei dem auch eine linke Punkband mit zweifelhaften Texten auftrat. Dass sie selbst einmal ein Festival mit ebendieser Band „einfach nur wow“ fand, quittierte sie mit einem Schulterzucken.

Für Kramp-Karrenbauers Selbstbewusstsein sprechen auch ihre legendären Auftritte als Putzfrau Gretel mit Kopftuch und Kittelschürze. Als Nicht-Saarländer versteht man wenig, aber die Halle tobt. Und auf dem Deutschlandtag der Jungen Union vergangenes Wochenende zog sie sich umstandslos die geschenkte Regenjacke über und stand dann wie ein überdimensionales Gelbkäppchen auf der Bühne. Lächerlich wirkt so etwas bei ihr nie, nur lustig. Auch das hat sie anderen voraus.

Die Frage scheint also längst nicht mehr zu sein, ob diese Frau auch Kanzler kann, sondern ob sie will und ob sie wird. In Bayern wird jetzt gewählt und in Hessen in zwei Wochen. Und je nach Ergebnis wird Kramp-Karrenbauer ihren Teil der Antwort früher geben müssen als eigentlich gedacht.

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