Die Wohnung gemütlich zu gestalten, das überlassen die meisten Männer ihren Partnerinnen, sagt Wohnpsychologe Uwe Linke. Und er fordert von Männern und Frauen in Sachen Zuhause mehr Mut, die Dinge in Frage zu stellen.

Wie schafft man es, sich in seinen vier Wänden zuhause zu fühlen?

UWE LINKE: Indem man sich mit seiner Wohnsituation auseinandersetzt, in sich hineinhorcht, was einem wichtig ist: Will ich mitten in der Stadt leben? Fühle ich mich eher auf dem Land wohl? Welche Nachbarschaft wünsche ich mir?

Das kann man sich ja nicht immer aussuchen. . .

LINKE: Nein. Aber mit Einschränkungen muss jeder leben. Selbst wer in einem Schloss wohnt, muss mit alter Bausubstanz klarkommen oder kleinen Fenstern. Die Kunst, sich zuhause zu fühlen, ist bedingt durch das, was wir als inneres Zuhause empfinden. Die vier Wände, die wir haben, das ist die Übersetzung dessen, wie es bei uns im Inneren aussieht. Viele Wohnungen sind lieblos und gleichgültig eingerichtet. Lieblos heißt jetzt aber nicht, dass sie nicht schön dekoriert wären. Aber man sieht einfach, dass die Menschen sich nicht damit auseinandergesetzt haben.

Müssen sie das denn?

LINKE: Nein, das ist nicht schlimm, es soll keine Wertung sein. Manche Menschen sagen, da wo meine Freunde sind, ist Heimat. Ich muss dafür keine schönen vier Wände haben. Aber je älter man wird, umso wichtiger wird einem dieses Zuhause-Gefühl. Es gibt seelischen Rückhalt.

Was beeinflusst uns, wenn es ums Einrichten geht?

LINKE: Fürs Wohnen haben wir Vorbilder, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Das ist zum einen die elterliche Wohnung, also das Zuhause, in dem wir aufgewachsen sind. Mochten es unsere Eltern sehr massiv oder eher filigran, waren die Räume zugestellt, gab es große Fenster, einen Garten? All das prägt uns ganz entscheidend. Und natürlich auch unser Umfeld und die Medien.

Was sagt ein Einrichtungsstil über den Bewohner aus?

LINKE: Stil sagt viel über unsere Sehnsüchte aus. Wenn sich Menschen in der Großstadt im Landhausstil einrichten, sehnen sie sich nach einer heilen Welt. Das ist eine innere Sehnsucht. Oder sie inszenieren eine Art "Show" und wollen durch einen bestimmten Stil etwas über sich aussagen, was sie im Grunde aber gar nicht sind.

Wie wir wohnen, zeigt, wie wir sind?

LINKE: Die wenigsten habens drauf, mit der Wohnung zu lügen. Wir lernen schon früh, dass wir durch Frisur, Kleidung oder die Art, wie wir sprechen, anderen ein bestimmtes Bild von uns vermitteln können. In einer Wohnung sehe ich aber, was echt ist. Ich sehe, welche Farben jemand bevorzugt, wie er mit dem Raum umgeht, wofür er sein Geld ausgibt.

Wohnen ist also etwas sehr Intimes?

LINKE: Absolut. Das unterschätzen die meisten. Dabei geht es nicht um die Oberfläche. Für mich ist die Motivation entscheidend. Wenn eine Frau zum Beispiel Parfumflaschen nach Größe und Farbe sortiert, kann dahinter ein krankhafter Zwang stecken. Eine andere macht dasselbe, aber aus dem harmlosen Grund, weil es ihr einfach gefällt, wie die Flaschen da so stehen.

Was kann eine Frau erkennen, wenn sie erstmals in die Wohnung ihres Partners kommt?

LINKE: Darüber habe ich ein ganzes Buch geschrieben. Wichtig ist etwa das Thema "Freiheit". Wie geht jemand mit dem Raum um? Wieviel Platz lässt er einem Gegenstand? Soviel Wertschätzung er einem Gegenstand einräumt, so viel Wertschätzung räumt er auch einem Menschen ein. Für eine Fernsehsendung war ich einmal bei einer Frau, die jede Ecke ihrer geräumigen Wohnung ganz besonders dekoriert hatte. Ich sagte ihr: "Ganz ehrlich, als Mann hätte ich hier das Gefühl, für mich ist kein Platz." Sie war völlig verblüfft und gestand mir, dass ihr Exfreund ihr genau diesen Satz gesagt hatte.

Gibt es beim Einrichten Geschlechterunterschiede?

LINKE: Grundsätzlich überlassen die meisten Männer ihren Partnerinnen das "Häuslichmachen", also alles, was die Wohnung kuschliger, gemütlicher macht. Nicht, dass das Männer nicht könnten, aber sie fühlen sich dafür nicht zuständig.

Gibt es etwas typisch "Deutsches" in Sachen Wohnen?

LINKE: Typisch deutsch ist sicher die Schrankwand. Man hat Buffets in anderen Ländern, alte Kommoden oder Sideboards, aber keine Wand für eine Mischung aus Büchern und Geschirr. Auch Einbauküchen sind total deutsch - und dass die Küche ein geschlossener Raum ist, dass man den Genuss vom Leben abspaltet, also das Essen vom Wohnen.

Gibt es denn eine Einrichtung, mit der man nichts falsch macht?

LINKE: Oh je. Mit Dingen, mit denen man nichts falsch macht, macht man leider auch nicht viel richtig. Man versucht dann nur, nicht anzuecken.

Weitere Fehler, die beim Wohnen gerne gemacht werden?

LINKE: Ganz wichtig ist es, immer wieder zu entmüllen, Dinge zu entsorgen, Gewohnheiten zu hinterfragen. Wir schauen ständig in die Vergangenheit, hängen uns Fotos auf von Orten, an denen wir einmal waren. Wie wäre es, wenn wir Bilder aufhängen würden von Orten oder Zielen, wo wir gerne noch hinreisen möchten, die wir noch erreichen wollen?

Sich zuhause wohlzufühlen ist also nicht nur eine Frage des Geldes?

LINKE: Überhaupt nicht. Meist ist es so, dass das, was da ist, einfach nur verändert werden muss - Möbel umstellen, Räume tauschen. Das lässt sich ausprobieren. Oft fehlt es nur am Mut, die Dinge in Frage zu stellen. Frauen sind übrigens experimentierfreudiger. Männer resistenter. Wie oft im Leben ändert ein Mann schon seine Frisur?

Zur Person vom 8. November 2014

Uwe Linke, Architektensohn und Modedesigner, hatte ein eigenes Einrichtungshaus, arbeitete aber auch als Berater bei der Telefonseelsorge und ließ sich zum Heilpraktiker für Psychotherapie ausbilden. Der 49-Jährige berät Privatleute und Unternehmen in Einrichtungsfragen. Linke hat zwei Bücher geschrieben: "Die Psychologie des Wohnens - Vom Glück, sich ein authentisches Zuhause zu schaffen" sowie "Single-Frau wählt Single-Mann - und schaut sich seine Wohnung an" (Nymphenburger Verlag). Info: www.uwelinke.de

SWP