Weihnachten Leitartikel: Die Kraft der Krippe

Chefredakteur Ulrich Becker.
Chefredakteur Ulrich Becker. © Foto: swp
Ulm / Ulrich Becker 23.12.2017
Islamistische Anschläge haben dieses Land verändert. Doch Abschottung kann nicht die Antwort auf diese Bedrohung sein.

In den Buden auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz glitzert und blinkt es vorweihnachtlich golden wie überall in diesen Tagen in Deutschland. Auf dem Boden, zwischen den Füßen der Passanten, zieht sich ein Streifen quer durch das Pflaster. 16,65 Meter lang, ebenfalls golden glitzernd. Ein Riss, der den Platz teilt. Er ist Teil des Mahnmals, das an die Opfer des Terroranschlags im Advent vor einem Jahr erinnern soll, als an dieser Stelle zwölf Menschen starben – ausgelöscht durch die Tat eines islamistischen Fanatikers, des Tunesiers Anis Amri.

Der Riss symbolisiert nicht nur das Ende von Menschenleben, von Biografien, die schlagartig beendet wurden. Er steht auch dafür, wie dieser Anschlag – und andere – unser Land, unsere Gesellschaft, unser Leben verändert haben. Er steht für die entscheidende Frage: Wie gehen wir mit dieser Gewalt um, in welchem Land wollen wir in Zukunft leben?

Viele Menschen in Deutschland haben diese Antwort für sich schon gefunden, äußern sie auf der Straße und in der Sympathie für rechte Parteien. Die verständliche Furcht vor weiterer Gewalt, noch angefeuert vom skandalösen Versagen der Behörden im Fall Amri, lassen den Ruf nach Abschottung immer lauter werden. Das Fremde, das Unbekannte, das Andersartige muss aus Deutschland vertrieben werden, weil in ihm der Ursprung für Gewalt gesehen wird. Mit einer Wagenburgmentalität, so spukt es in den Köpfen, blieben die Probleme weit weg von unserem Land, weit weg von Europa.

Dieser Haltung entspringen die Parolen der rechten Protestbewegungen, die bewaffnet mit christlichen Symbolen das Abendland und seine Werte gegen die An- und Übergriffe aus dem Morgenland verteidigen wollen. Jetzt, in der Adventszeit, erfolgt dieser Protest gerne auch musikalisch, in Form lauthals und mit Inbrunst vorgetragener Weihnachtslieder.

Dabei ist wohl den wenigsten bewusst, dass die Botschaft des Kindes in der Krippe, dessen Geburt wir feiern, ebenso radikal ist wie ihre eigene – nur genau in die andere Richtung. Der klebrig-süßliche Kitsch, mit dem wir das Weihnachtsfest so gerne überkleistern, verdeckt immer stärker die Kraft, die hinter dieser uralten Geschichte steht. Ganz gleich, ob vom religiösen Standpunkt aus betrachtet oder als Legende interpretiert – die Erzählung von der Suche nach einer Herberge, von Ausgrenzung, von der Stärke des Kleinsten und Schwächsten ist der Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die auf Bedrohung mit Gewalt reagiert.

Wenn wir Weihnachten wirklich ernst nehmen, müssen wir auf andere zugehen, sie annehmen und nicht ausgrenzen – ganz gleich, welcher Religion sie angehören, woher sie kommen, ob sie arm oder reich sind, ob sie unsere Ansichten teilen oder nicht. Dahinter steht ein bedingungsloser Glaube an das Gute, an das Göttliche in jedem Menschen. Das mag heute vielen naiv oder gar weltfremd vorkommen. Doch anders lassen sich Risse oder Gräben weder überwinden noch jemals schließen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen frohe Weihnachten!

leitartikel@swp.de

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