Leipzig Die große Reifeprüfung für Sigmar Gabriel

Sigmar Gabriel (Mitte) und andere Genossen am Verhandlungstisch mit der Union: Nur wenn es dem SPD-Vorsitzenden gelingt, CDU und CSU einen Koalitionsvertrag abzuringen, der zweifelsfrei sozialdemokratische Akzente setzt, wird er auch die eigene Basis für ein zustimmendes Mitgliedervotum gewinnen können. Foto: afp
Sigmar Gabriel (Mitte) und andere Genossen am Verhandlungstisch mit der Union: Nur wenn es dem SPD-Vorsitzenden gelingt, CDU und CSU einen Koalitionsvertrag abzuringen, der zweifelsfrei sozialdemokratische Akzente setzt, wird er auch die eigene Basis für ein zustimmendes Mitgliedervotum gewinnen können. Foto: afp
Leipzig / GUNTHER HARTWIG 14.11.2013
Heute stellt sich Sigmar Gabriel in Leipzig zur Wiederwahl als SPD-Vorsitzender. Es ist der Auftakt einer ganzen Reihe von Bewährungsproben für den möglichen Vizekanzler einer großen Koalition.

Am Tag zwischen zwei großen Verhandlungsrunden von Union und SPD trat Sigmar Gabriel (54) in Berlin beim Kongress der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) auf. Ein Heimspiel für den Sozialdemokraten, dem auf Anhieb anzusehen ist, dass er nicht in Askese lebt. Außerdem hat sich Gabriel als junger Mann mal bei einem Bierkutscher verdingt, da gab es ein gutes Taschengeld und obendrein drei Flaschen gratis für den Feierabend.

Bevor der SPD-Boss sich nach seiner Rede vom scheidenden NGG-Vorsitzenden Franz-Josef Möllenberg und den Delegierten verabschiedete, hatte Gabriel nicht nur ein flammendes Bekenntnis zum "Kernauftrag" seiner Partei abgelegt: "das Leben der arbeitenden Menschen und ihrer Familien zu verbessern". Auch versprach er den Gewerkschaftern, nur dann in die große Koalition zu gehen, wenn im Vertrag der schwarz-roten Regierung der flächendeckende Mindestlohn, die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren und die Bekämpfung prekärer Arbeitsverhältnisse verankert sind.

Der Beifall war Gabriel sicher, aber ein Restzweifel blieb bei seinem Publikum. "Zur Glaubwürdigkeit", ermahnte Möllenberg seinen SPD-Parteifreund Gabriel denn auch, "gehört, dass man Zusagen einhält." Vorsichtshalber überreichte der NGG-Chef dem schwergewichtigen Genussmenschen aus Goslar nur eine erste Flasche Rotwein: "Die andere bekommst du, wenn du dein Versprechen eingelöst hast." Der gute Tropfen trägt einen anspruchsvollen Namen: "Revoluzzer".

Nun erwarten nicht einmal die glühendsten Anhänger des SPD-Vorsitzenden, dass er im Bund mit CDU und CSU eine Revolution auf dem Arbeitsmarkt und in der Sozialpolitik auslösen wird. Im Gegenteil: Wo immer Gabriel in den vergangenen Wochen zu seinen Genossen sprach, erinnerte er sie an den Abend des 22. September - an die von der Union nur knapp verfehlte absolute Mehrheit und die enttäuschenden 25,7 Prozent der SPD: "Wir können nicht ernsthaft von Frau Merkel verlangen, dass sie unser Wahlprogramm ohne Abstriche zum Koalitionsvertrag macht."

Frau Merkel also oder die "Frau Bundeskanzlerin" - und nicht mehr "die Merkel", über die sich Gabriel im Wahlkampf so lustvoll wie rüpelhaft hergemacht hatte, ihr abwechselnd "Verfassungsbruch" oder "Wahlbetrug" unterstellend. Seit die SPD mit der Union eine Neuauflage der Elefantenhochzeit anbahnt, ist der Frontmann aus dem Willy-Brandt-Haus kaum wiederzuerkennen - charmant statt rauflustig, zurückhaltend statt unbedacht, berechenbar statt sprunghaft. Und er sagt Sätze, an denen sich andere Sozis noch verschlucken würden: "Ich vertraue Angela Merkel."

Dass der ehemalige Bundesumweltminister und die amtierende Bundeskanzlerin gut miteinander können, ist längst kein Geheimnis mehr. Die beiden obersten Verhandlungsführer teilen ihre Passion für den kleinen SMS-Dienstweg, sie haben in den gemeinsamen Regierungsjahren von 2005 bis 2009 offenbar gute Erfahrungen mit der gegenseitigen Verlässlichkeit gemacht, und sie sind überzeugt davon, dass andere Optionen als die große Koalition für beide Lager mit schwer kalkulierbaren Risiken verbunden wären.

Dennoch weiß gerade Sigmar Gabriel, dass er sich in diesen Tagen auf dünnem Eis bewegt. Viele in der SPD betrachten Schwarz-Rot unverändert mit einem scheelen Blick. So geschickt und behutsam der Vorsitzende die eigenen Truppen an den vormaligen Gegner heranzuführen versucht, so schwer lastet die Vorstellung auf der Partei, dass sie an der Seite der Union wieder nur verlieren kann. Fast beschwörend appelliert Gabriel an den Stolz und das Selbstbewusstsein der SPD: "Wir hatten in den vergangenen 150 Jahren wahrlich mit größeren Schwierigkeiten zu kämpfen als mit Frau Merkel."

Zwar hat der Parteichef "seit dem Wahlabend keinen Fehler gemacht", wie selbst ein notorischer Gabriel-Kritiker einräumt. Aber seine eigentliche Reifeprüfung steht ihm noch bevor. Er muss der Union einen Koalitionsvertrag abringen, der zweifelsfrei sozialdemokratische Akzente setzt, er muss die eigene Basis für ein zustimmendes Mitgliedervotum gewinnen, und er muss dann als Vizekanzler einen schier unmöglich erscheinenden Spagat hinkriegen - nämlich in einer erfolgreichen Regierung die Voraussetzung dafür schaffen, Angela Merkel 2017 mit einem anderen Partner endlich ablösen zu können.

Dass Gabriel neulich erzählt hat, er kenne bereits die Strategie für diesen Husarenritt, verrate sie aber noch nicht, darf man getrost als Rückfall in früheres Maulheldentum verbuchen. In Wahrheit wird der Mann, der die Partei seit November 2009 führt, einen Schritt nach dem anderen tun müssen. Erst will er den Leipziger Parteitag mit einem guten Wahlergebnis (2011: 91,6 Prozent) hinter sich bringen und danach die schwarz-rote Koalition mit dem Segen der SPD-Mitglieder noch vor Weihnachten besiegeln. Im Herbst 2014 wäre Gabriel schon länger im Amt als alle neun Parteivorsitzenden nach Willy Brandt. So viel Standvermögen hätten ihm viele Genossen nicht zugetraut. Vielleicht kommt da ja sogar noch mehr.

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