Die Frau an Trittins Seite

GUNTHER HARTWIG 31.08.2012
Erstmals entscheiden alle Mitglieder der Grünen, wer die Partei in den Bundestagswahlkampf 2013 führt. Bei der Urabstimmung könnte es zu einem Durchmarsch von Claudia Roth und Jürgen Trittin kommen.

Schuld ist Claudia Roth (57). Hätte die Parteichefin nicht frühzeitig ihre Bewerbung für einen Platz im Spitzenduo der Grünen für den Bundestagswahlkampf 2013 verkündet, wären dem Schatzmeister die Kosten für eine Urabstimmung (mindestens 100 000 Euro) womöglich erspart geblieben. Denn zuvor ging eine realistische Rechnung so: Spitzenkandidaten der Grünen werden die beiden Fraktionsvorsitzenden Renate Künast (56) und Jürgen Trittin (58), gegen die weder Roth noch ihr Ko-Vorsitzender Cem Özdemir (46) etwas einwenden können, weil sie im Doppelpack die beiden maßgeblichen Quoten erfüllen - Frau/Mann, Realo/Links.

Während sich Özdemir an dieses Kalkül von Anfang an hielt, weil er im Duell um den Männer-Platz gegen Trittin ohnehin keine Chance gehabt hätte, wollte sich seine schwäbische Kollegin Roth dem scheinbaren Nominierungsautomatismus zu Gunsten der beiden Fraktionschefs nicht kampflos fügen. Mit dem Ergebnis, dass es inzwischen sechs Bewerber für das Wahltandem gibt und damit eine Urabstimmung durch die knapp 60 000 Parteimitglieder unausweichlich geworden ist. Am Sonntag wird der Länderrat in Berlin grünes Licht für das vom Parteivorstand einmütig empfohlene Verfahren geben.

Neben Roth, Trittin und Künast kandidiert auch Katrin Göring-Eckardt (46), Bundestagsvizepräsidentin und Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Dazu stoßen zwei bundesweit eher unbekannte Grünen-Politiker aus Bayern und Baden-Württemberg, Franz Spitzenberger (Kreisverband Oberallgäu) und Werner Winkler (Ortsverein Waiblingen). Chancen werden bloß den vier Bundestagsabgeordneten eingeräumt, aber wer am Ende die Nase vorn haben wird, ist offen. Das Ergebnis soll nach den Plänen der Parteiführung spätestens am 9. November feststehen - eine Woche vor dem Parteitag in Hannover.

Nach einer Forsa-Umfrage an der Parteibasis der Grünen könnte es schließlich doch auf das Duo Künast/Trittin hinauslaufen, doch Kenner der Szene halten das nicht für ausgemacht. Theoretisch wären sogar zwei Frontfrauen denkbar, aber kaum jemand zweifelt daran, dass Ex-Umweltminister Trittin einen der beiden Spitzenränge belegen wird. Der Parteilinke gilt über Strömungsgrenzen hinweg als unbestrittene Führungskraft, regierungserfahren und medientauglich. Gesucht wird eigentlich nur noch - die Frau an seiner Seite.

Und die muss keineswegs Renate Künast heißen, die eine verkorkste Spitzenkandidatur bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl vor einem Jahr hinter sich hat. Und weil es zudem parteiintern Zweifel daran gibt, ob die bisweilen etwas abgehobene Erfurterin Göring-Eckardt die geborene Wahlkämpferin sein würde, spricht manches für Claudia Roth als lachende Dritte im Wettstreit gegen die beiden Kontrahentinnen vom Realoflügel. Die "Mutter Courage" der Grünen genießt an der Basis große Sympathien, sie heimst auf Parteitagen oft den stärksten Beifall und die besten Wahlergebnisse ein, sie gilt trotz zuweilen schriller Auftritte als sehr authentisch.

Geht das aber - zwei ausgewiesene Repräsentanten des linken Flügels als Spitzenduo bei der nächsten Bundestagswahl? Tübingens OB Boris Palmer, der sich für Katrin Göring-Eckardt starkmacht, hält es ebenso wie andere prominente Parteifreunde aus dem Ländle für unklug, das personelle Angebot der Grünen im Bund auf zwei Exponenten einer bestimmten Ausrichtung zu verengen. Daher hatten einige Parteistrategen dafür plädiert, statt des Tandems ein mehrköpfiges Team zu bilden, das neben den Berliner Oldies auch jüngere Talente heraushebt und die volle Bandbreite inhaltlicher Positionen widerspiegelt. Im Klartext: Während Roth und Trittin für Rot-Grün stehen, könnte Göring-Eckardt auch ein schwarz-grünes Signal an die Wähler aussenden.

Das liegt nun in den Händen der Parteimitglieder, denen sich die sechs Kandidaten in den nächsten Wochen noch ausgiebig vorstellen werden, in regionalen Veranstaltungen quer durch die Republik. Das Risiko, dass es jetzt zu einem kräftezehrenden Machtkampf kommt, zu einem unberechenbaren Showdown mit Verlierern und Verletzungen, ist nicht von der Hand zu weisen. Andererseits wäre es sonderbar, wenn ausgerechnet die Grünen den Akt einer direktdemokratischen Entscheidung scheuen würden.

Deshalb hofft der baden-württembergische Grünen-Chef Chris Kühn, "dass die Personaldebatten nach der Urwahl ein Ende haben". Nicht zuletzt mit Rücksicht auf die Parteifreunde in Niedersachsen, die vor einer wichtigen Landtagswahl im Januar 2013 stehen.