Gesundheit Die elektronische Patienakte fehlt noch immer

Die Gesundheitskarte gehört zum Arztbesuch. Sie soll es bald in einer elektronischen Variante geben.
Die Gesundheitskarte gehört zum Arztbesuch. Sie soll es bald in einer elektronischen Variante geben. © Foto: IMAGO
Berlin / Hajo Zenker und Igor Steinle 23.03.2018
Wechselwirkungen von Medikamenten können tödlich sein. Die elektronische Patientenakte könnte solche Fälle verhindern.

Medikamente können töten, wenn sie mit anderen unverträglichen Arzneien eingenommen werden. Der sogenannte Lipobay-Skandal zeigte 2001, wie gefährlich es ist, wenn ein Arzt von der Verschreibung eines anderen Mediziners nichts weiß. Recht schnell kam die Idee auf, die neuen digitalen Möglichkeiten zu nutzen, und eine elektronische Patientenakte (ePA) einzuführen. In ihr könnten alle Behandlungen und Verschreibungen auf einer Versicherten-Chipkarte hinterlegt werden. Das minimiert Risiken und vermeidet  Doppelbehandlungen. Der Gesetzgeber legte Ende 2003 die Einführung auf Anfang 2006 fest. Im Jahr 2018 gibt es die elektronische Patientenakt – nach Investitionen von 1,7 Milliarden Euro – bundesweit noch immer nicht.

Der neue Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will das „weltgrößte IT-Projekt“, wie es sein Vorgänger Hermann Gröhe (CDU) nannte, aus dem Dornröschenschlaf erwecken. 200 000 Arztpraxen und Krankenhäuser sollen nach seinem Willen in den kommenden dreieinhalb Jahren vernetzt werden. Spahn hofft, „dass wir das Ding endlich so kriegen, dass Patienten, Ärzte, Pflegekräfte einen Mehrwert spüren.“

Der ehemalige gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion lehnt sich damit weit aus dem Fenster: Mit Ulla Schmidt (SPD), Philipp Rösler, Daniel Bahr (beide FDP) und Gröhe haben sich vier Minister an dem Thema abgekämpft – ohne Resultate. So manch einer glaubt, dass Merkel Spahn genau deswegen den Posten des Gesundheitsministers gegeben hat: Soll der junge Aufmüpfige sich doch verschleißen an dem Thema und genauso wie seine Vorgänger wieder von der Bildfläche verschwinden.

Ganz unwahrscheinlich ist das nicht. Denn dass es in der Regierungszeit der neuen Großen Koalition damit noch etwas wird, glaubt auch Josef Hecken nicht. Der leitet den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), das höchste Gremium der Selbstverwaltung des Gesundheitswesens, in dem Vertreter von Kassen, der Ärzteschaft und von  Krankenhäusern sitzen. Der ehemalige saarländische Gesundheitsminister hatte vor einigen Tagen gesagt, die elektronische Patientenakte werde man „in den nächsten drei Jahren nicht erleben“. Und hat damit für Aufsehen gesorgt.

Heute ergänzt er auf Anfrage, man solle zwar die ehrgeizigen Ziele beim Ausbau der Digitalisierung im Gesundheitswesen nicht aufgeben. Aber „die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass konkrete Zeitpläne bei Projekten, bei denen es um Datenschutz und Datensicherheit geht, kaum zu halten sind.“

Zumindest Karin Maag, die neue gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, glaubt an ihren Gesundheitsminister. Sie wolle „ohne elektronische Patientenakte nicht aus der Legislaturperiode herausgehen“.

Was in Skandinavien oder dem Baltikum längst Selbstverständlichkeit ist, hat hierzulande bisher nur Zeit und Geld gekostet. Das Problem ist, dass die deutsche Herangehensweise technisch längst überholt ist: Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken sollen über ein eigenes Netz verbunden werden. Dabei ist ein sicherer Austausch medizinischer Daten längst über das Internet möglich. Per Smartphone-App können Patienten schon heute in ihre Daten schauen, statt sie sich wie bisher vom Staat geplant nur in einer Ecke der Arztpraxis ansehen zu können. Eigentlich müsse man längst über die übernächste Plattform nachdenken. „Wenn wir das jetzt nicht endlich hinkriegen, werden private Anbieter wie Google oder Apple den Markt überrollen“, warnt Helmut Platzer, der 20 Jahre lang Chef der AOK Bayern war. „Dann haben wir keinen Einfluss mehr darauf, wie Daten geschützt werden. Davor habe ich eine heilige Scheu.“

Das nächste Etappenziel in Deutschland ist, bis Ende 2018 alle Praxen und Kliniken mit Geräten für das Auslesen der Gesundheitskarte auszustatten. Aber eine solche, an sich schon technisch überholte Infrastruktur alleine wäre meilenweit entfernt von einer elektronischen Patientenakte. Wer seine Gesundheitskarte in ein Lesegerät beim Hausarzt steckt, gleicht nur seine Versichertendaten mit der Zentrale seiner Kasse ab.  Keine Spur von Diagnosen oder Verschreibungen. Oder Warnungen vor Wechselwirkungen.