Meinung Leitartikel: Die deutsche Einheit ist weiter unvollendet

André Bochow
André Bochow © Foto: Thomas Koehler/ photothek.net
Berlin / André Bochow 02.10.2018
Gleiche Lebensverhältnisse gibt es in Ost- und West-Deutschland nicht. Aber das muss kein Grund für Missgunst sein. Ein Leitartikel von André Bochow.

Auch in diesem Jahr wurde wieder hochoffiziell festgestellt: Deutschland ist kein einig Vaterland und wird es, das kann  man hinzufügen, so schnell nicht werden. Im Grundgesetz ist von gleichwertigen Lebensverhältnissen die Rede. Gleichwertig ist nicht gleich. Das mag schmerzen, aber es ist Zeit, der Wahrheit ins Auge zu sehen und die deutsche Selbstbeschäftigung  einzustellen.

Klar sind Lohnunterschiede vorhanden. Schließlich bleibt auch das Produktivitätsniveau in Ostdeutschland niedriger als in Westdeutschland. Um das zu ändern,  müsste die ostdeutsche Wirtschaft mit größerem Tempo wachsen als die westdeutsche – und das schafft sie nicht. Der Grund und Boden wird noch in Jahrzehnten weitestgehend in westdeutscher Hand sein. Im gesamten Land wohlgemerkt. Und die Unternehmen, in denen die Ossis arbeiten, werden ihnen so bald  nicht gehören. Wessis werden auch weiterhin die Führungspositionen besetzen, weil sie ihre Netzwerke nutzen und einander auf die Posten hieven. Und ja, Biografien und Lebensleistungen von Ostdeutschen werden häufig missachtet. Selbst die Aufarbeitung der DDR-Diktaturgeschichte erledigen größtenteils Menschen, die dort geboren wurden, wo es gar keine Diktatur gab.

Das ist die Realität. Die muss so nicht bleiben, aber es wird lange dauern, sie zu ändern. Wenn es überhaupt gelingt. Dafür haben die Ostdeutschen andere Vorteile. In einem Staat gelebt zu haben, der komplett zusammenbrach und nicht nur seine Ideologie mit auf den Friedhof der Geschichte  nahm, sondern auch die täglichen Gewissheiten –  dieses Erlebnis hatten Westdeutsche nicht. Sie können es auch nicht nachempfinden. Immerhin könnten sie damit aufhören, so zu tun, als seien alle Ostdeutschen Sachsen, Nazis oder beides. Und die Ostdeutschen müssen endlich damit Schluss machen, sich selbst in die Zweitklassigkeit zu reden. Ostdeutschland ist keineswegs auf dem Weg ins Elend. Dort leben kluge und fleißige Menschen, die zu Millionen einen Neuanfang geschafft haben. Die Wessis haben mehr Geld? Dafür  wissen die Ossis wie man mit Brüchen im Leben umgeht. Stolz, nicht Neid sollte sie erfüllen. Und mehr Gelassenheit. Natürlich hatten sich am 3. Oktober 1990 die meisten, die den Arbeiter- und Bauernstaat gegen die freie Marktwirtschaft tauschen wollten, die Sache mit der Einheit anders vorgestellt. Im Westen hätte man es gern billiger gehabt. Aber bei allen Verwerfungen: Es ist am Ende ja doch etwas daraus geworden. Und was klappt schon hundertprozentig?

Im Vergleich zu anderen müssten wir ein überglückliches Volk sein. Immer weniger Arbeitslose, kaum Korruption, ein funktionierender Staat, ein hohes Maß an Sicherheit und Platz für jeden. Unsere Ost-West-Sorgen sind gemessen an dem, was auf dem Planeten los ist, ein Witz. Klima, Kriege und ein zerbröselndes Europa sind nur drei Stichworte. Die Deutschen, auch die Westdeutschen,  haben Verlustängste? Andere haben erst gar nichts zu verlieren. Eine vollendete deutsche Einheit wäre sicher schön. Anderes ist wichtiger.

leitartikel@swp.de

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