Opfer Breitscheidplatz: Angehörige fühlen sich alleingelassen

Berlin / Von Maria Neuendorff 19.12.2017
Die Angehörigen der Terroropfer lebten in den Monaten nach dem Anschlag im Ausnahmezustand. Sigrid Rheinsberg erfuhr erst nach drei Tagen vom Tod ihrer Tochter.

Die Rheinsbergs aus Brandenburg sind eine große Familie, die weit verstreut ist. Wenn ein Mitglied etwas bewegt, tippt er es in die gemeinsame WhatsApp-Gruppe. Als die Bilder vom Terroranschlag in Berlin am Abend des 19. Dezember die Nachrichten bestimmen, schreibt Sigrid Rheinsberg: „Dorit und Janine – hoffentlich seid ihr heute nicht auf dem Weihnachtsmarkt.“ Von ihrer Enkelin Janine kommt bald eine Antwort. Das Profil ihrer Tochter Dorit dagegen bleibt für immer stumm.

Das Bild ihrer ältesten Tochter im Wohnzimmer in Premnitz ist ein Jahr danach wie ein Altar geschmückt. Die Eltern haben das Foto mit einem Herzen versehen und eine Kerze daneben gestellt. Dorit Krebs, 53 Jahre, kurze rötliche Haare, lächelt darauf. „Sie war ein lebensfroher Mensch. Jemand, der sich immer um alles und jeden gekümmert hat. Zuverlässig“, sagt ihre Mutter.

Doch an jenem Montag kurz vor Weihnachten meldet sich Dorit nicht. Ihre Tochter Janine fährt noch am späten Abend in das Haus der Mutter nach Eichwalde, kurz hinter dem Stadtrand. Das Auto steht in der Garage. Das Handy liegt auf dem Tisch. Darauf entdeckt die 28-Jährige, dass ihre Mutter nach der Arbeit mit einer Freundin um 18 Uhr auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz verabredet war.

Jahrelang hat Dorit Krebs bei der Deutschen Bank in Tempelhof gearbeitet. Erst eine Woche vor dem Anschlag ist sie in eine Filiale an den Kurfürstendamm gewechselt. Dort bestätigen die Kolleginnen am Morgen nach dem Anschlag die Verabredung von Dorit Krebs auf dem Breitscheidplatz. Sie hätten selbst um 20 Uhr nachkommen wollen, berichten sie der Tochter.

Bei der Polizei-Hotline sagt man der Tochter, sie solle sich keine Sorgen machen, ihre Mutter stehe nicht auf der Liste der Toten, sie liege verletzt in einem Wilmersdorfer Krankenhaus. „Doch als Janine dort ankam, gab es da keine Dorit Krebs“, sagt Sigrid Rheinsberg.

Wenn sie nun ein Jahr danach von den Tagen quälender Ungewissheit berichtet, ist ihre Stimme fest, ab und zu klingt völliges Unverständnis durch. In den Tagen nach dem Anschlag habe sie einfach weiter funktioniert und die Familie mit Essen versorgt, erinnert sich die 73-Jährige. „Ich habe mich einfach dermaßen für alle verantwortlich gefühlt.“

Ihre Enkelin Janine fährt damals von Klinik zu Klinik. Findet aber nur die Freundin der Mutter, die im Koma liegt. „Wir haben gedacht, dass  Dorit vielleicht irgendwo geschockt herumläuft“, sagt Sigrid Rheinsberg. Während am Dienstag, einen Tag nach dem Anschlag, in der Gedächtniskirche ein Trauergottesdienst mit der Bundeskanzlerin stattfindet, bangt die Brandenburger Familie immer noch um das Schicksal ihrer Tochter, Mutter, Schwester. Als Sigrid Rheinsberg am Nachmittag erneut bei der Polizei nach ihrer Tochter fragt, reagiert man da schon ungehalten: „Reden Sie doch mit Ihrer Enkelin.“

Die ist von der erfolglosen Suche inzwischen völlig verstört. Als ein Beamter des Landeskriminalamts um eine Zahnbürste ihrer Mutter bittet, fragt sie ihn: „Wozu?“. „Das können Sie sich doch denken“, antwortet der Polizist trocken.

Am Mittwoch bleibt der Familie nichts anderes übrig, als sich im Haus von Dorit Krebs in Eichwalde zu versammeln. Und zu warten. Am Nachmittag kommt ein Polizist in Begleitung eines Seelsorgers und überbringt die Todesnachricht. Dorit Krebs wurde am Montag um 21 Uhr in eine Berliner Klinik eingeliefert. Um 22.45 Uhr ist sie dort gestorben. Der Tochter wird eine blutverschmierte Tasche übergeben.

Der Opferbeauftragte der Bundesregierung, Kurt Beck, sagt, die Tatsache, dass die Obduktion bis zu drei Tage dauerte und in dieser Zeit eine Informationssperre verhängt wurde, sei für die Angehörigen ein zusätzlicher Albtraum gewesen. In vielen Fällen hätte die Identifizierung schneller gehen können. Dorit Krebs hatte ein Ausweisdokument in ihrer Brusttasche.

Nach der Todesnachricht fährt Sigrid Rheinsberg zurück in das  100 Kilometer entfernte Premnitz. Bei jedem Lkw auf der Autobahn zuckt sie zusammen. Seit sie aus dem Obduktionsbericht weiß, wie der Laster ihre Tochter traf, hat sie starke Schmerzen in der linken Seite, für die kein Arzt eine körperliche Erklärung findet. Sie hat sich überwunden, von ihrer Tochter im Bestattungsinstitut Abschied zu nehmen. „Es war nicht mehr unsere fröhliche Dorit, aber wir haben sie erkannt. Das war wichtig.“

Dem Bestatter ist die Familie bis heute dankbar. Er weist die Angehörigen erst darauf hin, dass es staatliche Zuschüsse für die Beerdigungskosten geben müsse. „Es hat von Anfang an gar nichts geklappt. Wir wurden vollkommen alleine gelassen“, sagt Sigrid Rheinsberg.

Ihr Mann hat mehrere Ordner mit Artikeln zum Terroranschlag und den Versäumnissen der Behörden gesammelt. Als bekannt wird, dass der Attentäter schon Anfang 2016 als islamistischer Gefährder bekannt war und die Behörden mit 14 verschiedenen Identitäten narrte, kann er nächtelang nicht schlafen.

Das Schmerzensgeld von 10 000 Euro pro Elternteil geben die Senioren direkt an die Enkelin weiter. „Sie wurde ja total aus der Bahn geworfen.“ Janine, die zwei Jahre zuvor schon ihren Vater an den Krebs verloren hatte, zieht in das Haus nach Eichwalde, das mit einer Hypothek belastet ist. „Dorit hätte ja normalerweise noch mindestens zehn Jahre lang weitergearbeitet“, sagt Sigrid Rheinsberg. Wie auch der Opferbeauftragte Kurt Beck findet sie, dass die Entschädigungszahlungen viel zu niedrig sind und die Verfahren viel zu kompliziert. „Wir sind eine große Familie, wir können uns gegenseitig stützen“, sagt Sigrid Rheinsberg. Mit der Zeit lernt sie andere Angehörige kennen, deren Erzählungen sie sehr schockieren. Am meisten berührt sie das Schicksal des Tschechen, der seinem vierjährigen Sohn erklären musste, warum seine Mutter nie wiederkommt. Als alleinerziehender Vater wird er manche Nacht halbstündig vom Sohn geweckt, weil dieser kontrolliert, ob er noch lebt.

„Das waren sehr schlimme Geschichten. Man kann das überhaupt nicht in Worte fassen“, sagt Sigrid Rheinsberg. Über eine WhatsApp-Gruppe informieren und stützen sich die Angehörigen gegenseitig; vom Staat fühlen sie sich zunehmend alleine gelassen. Sie können etwa nicht verstehen, warum es in Deutschland keinen Staatsakt für die zwölf Toten gab. „Mir hätte schon eine kleine schlichte Gedenkfeier mit allen zwölf Särgen in einer kleinen Kirche gereicht, damit man sich würdevoll verabschieden kann“, sagt die pensionierte Lehrerin.

Eine Zeitlang wollte Sigrid Rheinsberg gar nicht mehr mit Angela Merkel reden,  „so groß ist die Wut“. Am Montag nun haben sie und ihre Familie die verspätete Einladung in das Kanzleramt doch angenommen. Was sie am meisten aufregt, ist, „dass weder die Regierung noch die Behörden ein einziges Mal ihre Fehler eingestanden haben.“

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