Berlin Die Akte Amri

Anis Amri war den Behörden schon lange bekannt. Nach ihm gefahndet wurde trotzdem erst, als es schon zu spät war.
Anis Amri war den Behörden schon lange bekannt. Nach ihm gefahndet wurde trotzdem erst, als es schon zu spät war. © Foto: dpa
Berlin / abo 19.12.2017
Der Attentäter vom Breitscheidplatz war den Behörden lange bekannt. Es passierten so viele Fehler, dass erste Stimmen laut werden, die sagen: das kann kein Zufall sein.

Am vergangenen Donnerstag haben Spezialeinsatzkräfte der Polizei in Berlin-Neukölln und Charlottenburg mehrere Wohnungen und ein Hotel durchsucht.  Der Berliner Generalstaatsanwalt meldete, man habe „Beweismittel, insbesondere Datenträger sichergestellt“. Die Razzia richtete sich gegen vier Männer zwischen 18 und 21, die zum IS gehören sollen und  von  denen  drei in Syrien oder im Irak vermutet werden. „Der vierte Beschuldigte steht im Verdacht, Beihilfe zur Ausreise geleistet zu haben, indem er die drei Mitbeschuldigten zum Flughafen gebracht hat.“ Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) erklärte, bei zumindest einer Person handele es sich um einen Bekannten des Attentäters Anis Amri. Wären die Behörden im Vorfeld des Anschlags auf dem Breitscheidplatz ähnlich entschlossen vorgegangen, würden die Terroropfer noch leben.

Schon bei seiner Registrierung in Freiburg hätte Amri  ausgewiesen werden können. Aus Italien, wo der Tunesier jahrelang im Gefängnis gesessen hatte,  lag der Eintrag vor, dass Amri im Schengen-Raum nicht geduldet werden dürfe. In Deutschland narrte er die Behörden, indem er sich unter dem Namen „Anis Amir“ registrieren ließ. Viele weitere Alibinamen, die sich Amri zulegte, beruhten auf ähnlichen Buchstabendrehern. Im November 2015 verkehrte der Tunesier in einer extrem radikalen Islamisten-Zelle, in die das LKA Nordrhein-Westfalen einen V-Mann eingeschleust hatte. Der V-Mann regte allerdings selbst Anschläge an. Auch solche mit einen Lkw.

Amri wurde zwar Ende 2015 als Gefährder eingestuft, seine Handys wurden aber trotz bester Gelegenheiten nicht gründlich ausgewertet. Es hätten sich sonst Fotos gefunden, die ihn mit Waffe und als IS-Anhänger zeigen. Später wurde er nicht festgenommen, obwohl er mit gefälschten Pässen gestellt wurde und seine Beteiligung am Drogenhandel bekannt war. Als Amri abgeschoben werden sollte, lagerten die von Tunesien verlangten Hand-Abdrücke unbemerkt in einer deutschen Datei. Die Abschiebung misslang. Amri wurde zwar in Berlin observiert, allerdings nur tagsüber und nicht am Wochenende. Am 15. Juni 2016 wurde die Beobachtung komplett eingestellt, obwohl Amri in IS-Kreisen verkehrte. Am 21. September endete die Überwachung der Telefone zu dem Zeitpunkt, als es eine Anschlagswarnung des marokkanischen Geheimdienstes gab.

Die Fehler und Ungereimtheiten im Fall Amri sind so zahlreich, dass längst der Verdacht aufgekommen ist, dass dahinter mehr als nur Behördenversagen  steckt. Recherchen der „Welt am Sonntag“ legen nahe, dass Amri in- und ausländischen Geheimdiensten als Lockvogel gedient haben könnte, um an Hintermänner des IS zu kommen. Bewiesen ist das nicht. Es würde aber erklären, warum Amri hierzulande fast unbehelligt blieb.

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