Zivilschutz Deutschland: Auf Krieg und Krisen schlecht vorbereitet

Berlin / Stefan Kegel 05.12.2018
Seit dem Ende des Kalten Krieges hat Deutschland zu wenig getan, um ein Schutzsystem für Krisen aufzubauen.

Das Nato-Manöver kürzlich in Norwegen hat gezeigt, dass wieder für einen Kriegsfall trainiert wird. Und Russland testet atomare Mittelstreckenraketen, die Berlin oder Hamburg treffen können. Aber was würde im Krisenfall mit Deutschlands Bevölkerung geschehen? Experten und Behörden sind sich einig: Das Land wäre kaum darauf vorbereitet.

Vor 30 Jahren war in der alten Bundesrepublik alles für den Fall geregelt, wenn sowjetische Truppen oder Soldaten des Warschauer Pakts gekommen wären. Die Bonner Hardthöhe hätte die Bundeswehr in Marsch gesetzt und Nato-Truppen angefordert. Für den Schutz der Bevölkerung stand ein ausgeklügeltes System bereit. In riesigen Kellern lagerten Getreide und Konserven, über Notbrunnen wären Menschen mit Wasser versorgt worden, Industrie und Verkehr hätten Mineralöl aus geschützten Tanklagern erhalten. Sogar für wertvolle Kunstschätze wurden unterirdische Stollen bereit gehalten.

Frieden machte nachlässig

Dann kamen die 1990er-Jahre. Die DDR war plötzlich ein Teil der Bundesrepublik, Russland streckte die Hand zur Versöhnung aus. Die Gefahr eines Krieges schien für Jahrzehnte gebannt. Der Frieden machte nachlässig. Denn seitdem ist nicht mehr viel passiert, um die Bevölkerung im Verteidigungsfall zu schützen. Die Brunnen verfielen, Schutzräume gerieten in Vergessenheit. 25 Jahre lang wurde das Zivilschutzsystem nur notdürftig am Laufen gehalten.

„Die befriedeten 90er sorgten dafür, dass das System der Gesamtverteidigung auch danach nicht an die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen angepasst wurde“, sagt René Du Bois, der im Bundesinnenministerium für das Krisenmanagement zuständig ist. In vielen Bereichen fehlen die Ressourcen für den  Zivilschutz:. „Viele Leute, die das können, sind inzwischen in Rente oder Pension.“

Der Staat gab wichtige Bereiche per Privatisierung aus seinen Händen: die Telekom, die Post, die Bahn. Das beschränkt seinen Zugriff im Krisenfall. Aber auch andere Fragen treiben die Krisenmanager in Bund und Ländern um. Zum Beispiel erörtern sie, ob die Ernährungsdepots – deren genaue Lage geheim gehalten wird – mit den richtigen Vorräten gefüllt sind. Dort lagern vor allem Rohprodukte wie Getreide und Hülsenfrüchte. „Es stellt sich die Frage, ob man bei einem großflächigen Stromausfall überhaupt die Möglichkeit hat, diese Produkte zum Verzehr zuzubereiten“, wendet Du Bois ein. Im Bundeslandwirtschaftsministerium wird überlegt, stattdessen halbfertige oder auch andere Nahrung einzulagern.

Kann eine große Zahl verletzter Menschen versorgt werden?

Genauso sieht es bei Sanitätsmitteln aus, die an sieben Stellen in Deutschland bevorratet werden und der Versorgung von akut Kranken oder Verletzten dienen sollen. „Sind das noch die richtigen Dinge – und sind sie an den richtigen Stellen gelagert?“, fragt Du Bois. Dass solche zentralen medizinischen Vorräte im Krisenfall wichtig sind, bestätigt Giorgio Ravioli vom schweizerischen Bundesamt für Bevölkerungsschutz aus seiner internationalen Erfahrung. Krankenhäuser seien  eine große Schwachstelle im Krisenfall. „Sie sind sehr von Lieferanten abhängig.“ Falle die Telekommunikation aus, breche die Bestellkette ab.

Ungeklärt ist, wie eine große Zahl von Verletzten behandelt werden sollen. Vor allem auf dem Land sei es schwierig, schnell große Kapazitäten aufzubauen, sagt Du Bois. Vor der Wiedervereinigung habe es im Westen ein System von Hilfskrankenhäusern gegeben, eingemottete Kliniken – zum Teil in Bunkern. Dafür fehle heute ehrenamtliches Personal.

Unterschiedlich sind auch die  5000 Notbrunnen verteilt – in Ostdeutschland gibt es auf dem Land keine flächendeckende Versorgung. Schutzräume soll es dem Bundesinnenministerium zufolge für ein bis zwei Prozent der Bevölkerung geben. Aber: „So weit sind wir noch nicht“, warnt der Präsident des Bonner Bundesamtes für Katastrophenschutz, Christoph Unger.

Bund und Länder diskutieren gegenwärtig Schwerpunkte im Zivilschutz. Ob und wie diese Dinge bezahlt werden, sei eine politische Aufgabe, sagt Krisenmanager Du Bois. Das Geld könne nur einmal ausgegeben werden – und es hänge auch sehr stark davon ab, wie stark das Bedrohungsgefühl in der Bevölkerung sei. Konkrete Schätzungen über die nötigen Maßnahmen gibt es nicht. Die Experten gehen von mehreren hundert Millionen Euro aus.

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Wie kann man sich selbst versorgen?

Eine Broschüre des Bundesamtes für Katastrophenschutz gibt Auskunft darüber, was Privathaushalte für Notfälle bereithalten sollten. Sie geht von einer zehntägigen Notversorgung aus. Dazu gehören pro Person zum Beispiel:
20 Liter Wasser,
3,5 Kilo Getreideprodukte, Nudeln, Reis und Kartoffeln;
4 Kilo eingewecktes Gemüse (am besten vorgekocht, um Wasser zu sparen); 2,5 Kilo Obst (lagerfähig oder in Dosen); 2,6 Kilo Milch und Milchprodukte; 1,5 Kilo Fisch, Fleisch in Dosen, Volleipulver; 350 Gramm Fette und Öle.
Dazu kommen nach Belieben jedes Einzelnen andere Lebensmittel wie Fertiggerichte, Schokolade, Salzstangen oder Instantbrühe.

Darüber hinaus sollten wichtige Dokumente und die Hausapotheke griffbereit sein, ein Grundvorrat an Hygieneartikeln von Seife bis zum Toilettenpaper, ein batteriebetriebenes Radio mit Ersatzbatterien sowie Kerzen, eine funktionierende Taschenlampe und Streichhölzer.

Es gibt einige Warn-Apps für das Handy, mit denen man über aktuelle Notlagen informiert wird, zum Beispiel „Katwarn“, „Nina“ und „Biwapp“. skg

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