Umwelt Deutsche produzieren mehr Verpackungsmüll

Berlin / Von Michael Gabel 03.09.2018
Immer mehr Verpackungsmüll. Das schadet Menschen und Natur. Industrie, Handel und Verbraucher haben es in der Hand.

Die Bundesbürger sind zwar Vorbilder im Mülltrennen. Doch der Berg an Verpackungsmüll, wird Jahr für Jahr größer. Mehr als 18 Millionen Tonnen waren es zuletzt – genug für eine 13.000 Kilometer lange Lastwagenschlange. Beim Pro-Kopf-Verbrauch liegen die Deutschen sogar an der Spitze aller EU-Länder. Die Recycling-Betriebe kommen mit der Verwertung kaum noch hinterher, und der verbleibende Rest wird verbrannt – mit fatalen Folgen für die Umwelt. Vier Ansätze gibt es, wie man das Problem in den Griff bekommen könnte.

Die Industrie entwickelt neue Techniken. Wenn ab Januar 2019 das neue Verpackungsgesetz gilt, steigt die Recyclingvorgabe bei Verpackungen von jetzt 36 auf 63 Prozent. „Bei Glas und Metall sind die Recyclingquoten schon sehr hoch. Kunststoffe bereiten durch ihre Vielfalt in der Aufbereitung allerdings Probleme“, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Verpackungsinstituts, Winfried Batzke. An der Universität Pforzheim wird erforscht, wie man Kunststoffe vor ihrer Verarbeitung besser identifizierbar macht. Das soll mit einer fluoreszierenden Farbe geschehen, die für das Auge nicht zu erkennen, später für die Sortiermaschinen aber gut zu unterscheiden ist.

Stefan Gäth, Professor für Abfall- und Ressourcenmanagement in Gießen, kritisiert das Festhalten der Unternehmen an Kombi-Verpackungen. Er fordert, dass Recycler und Entwickler von Verpackungen intensiver als bisher kooperieren, „so dass klar wird, was geht und was nicht“.

Bio-Verpackungen keine gute Idee

Keine gute Idee sind Bio-Verpackungen etwa aus Mais, Kartoffeln, Zuckerrohr oder Zuckerrüben. Ihre Produktion verbraucht zu viel Energie, heißt es beim Umweltbundesamt. Zudem verrotten sie nur langsam.

Der Handel setzt Testprojekte konsequenter um. An guten Ideen zur Müllvermeidung mangelt es im Handel nicht. Edeka testet in einer Filiale im schleswig-holsteinischen Büsum die Mehrweg-Dose an der Wurst- und Käsetheke, die Plastikfolien ersetzt. Die Box kostet je nach Größe vier bis fünf Euro. Die benutzte Schachtel geben die Kunden beim Einkauf ab und bekommen dafür eine frische ausgehändigt. Die ersten Erfahrungen sind positiv. Auch bei Rewe können Kunden in manchen Filialen ihre eigenen Mehrwegbehälter mitbringen. Das Problem bei solchen Aktionen: Oft werden sie „vor allem aus Imagepflege“ angeboten, urteilt Professor Gäth. Immerhin: Aldi und Lidl wollen ihre Verpackungsmengen jetzt dauerhaft reduzieren.

Unverpackt-Läden sind ein noch verhältnismäßig neuer Trend. In solchen Geschäften können sich die Kunden ihre Ware direkt aus großen Behältern in mitgebrachte Gläser, Tüten und Beutel füllen. „Das kann funktionieren – aber nur wenn man sich mit einem Sortiment begnügt von etwa 300 Produkten und nicht 50.000 anbieten will, wie es bei den großen Supermärkten üblich ist“, sagt Industrie-Mann Batzke.

Dass die deutschen Handelsriesen – wenn auch auf sanften Druck aus der Politik – durchaus zum ökologischen Umsteuern fähig sind, haben sie mit der Abschaffung der kostenlosen Einkaufstüte gezeigt. Seit sich der Handel vor zwei Jahren dazu verpflichtet hat, für Tüten Geld zu nehmen, ist der Verbrauch um rund vier Milliarden Stück gesunken.

Der Staat führt eine Steuer auf nicht recycelbare Stoffe ein. Das fordert die Deutsche Umwelthilfe (DUH). „Hersteller, die besonders viele Verpackungen produzieren, sollen auch besonders viel dafür bezahlen müssen“, sagt DUH-Experte Thomas Fischer. Frankreich geht diesen Weg. Umwelt-Staatssekretärin Brune Poirson hat angekündigt, ab 2019 eine Sonderabgabe von zehn Prozent auf nicht-recycelbare Plastikprodukte erheben zu wollen. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) betont dagegen, in Deutschland sei keine neue Steuer nötig, sondern „eine intelligente Steuerung, die zu weniger Abfall und mehr Recycling führt“.

Die Verbraucher nutzen Mehrwegangebote besser. „Leider befindet sich Mehrweg in Deutschland auf dem Rückzug“, bedauert Professor Gäth. Er empfiehlt neben wiederverwendbaren Flaschen zum Beispiel auch das Mehrwegglas für Joghurt. Umfragen zeigen, dass neun von zehn Deutschen das Mehrweg-System durchaus schätzen. Sie nutzen es nur zu selten. 95 Prozent plädieren dafür, die Materialmenge bei Verpackungen auf ein Minimum zu reduzieren. Batzke vom Verpackungsinstitut weist aber auf eine ungünstige Entwicklung hin: In unserer Gesellschaft leben immer mehr alte und junge Menschen allein. Sie bevorzugen kleinere Packungen, was zwar Lebensmittelabfälle reduziert. Doch der Verpackungsanteil wird dadurch zwangsläufig erhöht.“

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