Leitartikel Elisabeth Zoll zum Trisomie-Bluttest für Schwangere Der Trisomie-Bluttest macht Selektion zur Routine

Elisabeth Zoll.
Elisabeth Zoll. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Elisabeth Zoll 09.08.2018

Der Pieks verspricht Sicherheit. Seit 2014 gibt es Bluttests, mit denen Frauen bereits in der 9. Schwangerschaftswoche untersuchen lassen können, ob ihr Baby einen Gendefekt hat.  Die Blutentnahme ist harmlos, gefährdet weder Frau noch Fötus. Der Test auf Trisomie 21 selbst ist es nicht. Denn er zielt auf einen zentralen ethischen Konflikt: Wie soll sich unsere Gesellschaft zu Abweichungen stellen? Trägt sie absehbare gesundheitliche Einschränkungen als Solidargemeinschaft mit – oder erhöht sie den Erwartungsdruck auf Betroffene, Embryonen mit genetischen Auffälligkeiten abzutreiben und damit Kosten für die Gemeinschaft zu minimieren?

Derzeit beraten Ärzte, Kliniken und Krankenkassen, ob der Bluttest zur Regelleistung der Krankenkassen wird. Das Thema ist brisant. Es gehört in den Bundestag.

Es geht dabei auch um Kosten für die Versichertengemeinschaft und die Eltern selbst. Im Gegensatz zur Fruchtwasseruntersuchung, die ein Risiko für den Embryo birgt, müssen Schwangere die mehrere hundert Euro für den risikoärmeren Bluttest selber tragen. Das ist unlogisch und auch nicht fair. Weniger finanzkräftige Frauen sind in ihrer Entscheidung damit eingeschränkt.

Doch folgert daraus ein Bluttest als Kassenleistung für alle? Die Gefahren, die damit verbunden sind, sind groß. Eine Standardleistung erzeugt Druck, dieses Angebot auch wahrzunehmen – und im Falle von Auffälligkeiten die scheinbar notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Das Recht einer Schwangeren, nicht zu wissen und ein Kind anzunehmen so wie es ist, rückt in den Hintergrund. Mehr Frauen als bisher werden nach einer Regeluntersuchung in den Konflikt geraten, sich bewusst für oder gegen ein Kind mit Chromosomenabweichung zu stellen. Schwangerschaftsabbrüche sind die Folge. Das legen Erhebungen in Belgien und Dänemark nahe. Seit dort der Bluttest als Routine-Check angeboten wird, kommen kaum mehr Neugeborene mit Down-Syndrom zur Welt.

Die routinemäßige Selektion von Leben außerhalb einer fiktiven Norm kann nicht im Interesse einer Gesellschaft sein, die humanitäre Ansprüche erhebt. Sie würde eine Spirale antreiben, die nur noch schwer zu stoppen ist. Denn welches Leben hätte danach Wert – nur noch das von Gesunden oder Starken? Und wie würde das den Blick auf kranke und alte Menschen prägen? Welche von der Medizin immer genauer zu bestimmenden Abweichungen würden mit der Zeit noch toleriert, welche nicht? Und wie würden knappe finanzielle Ressourcen die Abwägung bestimmen? Eine Gesellschaft, die dem Leitbild eines perfekten Menschen frönt, folgt einer gefährlichen Illusion. Sie lebt vom Ausschluss und nicht vom Miteinander Verschiedener. Doch nicht die Achtung von Leistungsstarken zeichnet eine Gemeinschaft aus, sondern Respekt und Wertschätzung gegenüber Schwachen.

Paaren nimmt niemand die Entscheidung ab, wenn sie erfahren, dass  ihr Kind einen Gendefekt trägt. Doch sie sollten sicher sein, dass die Solidargemeinschaft sie unterstützt, gleich wie sie sich entscheiden.

leitartikel@swp.de

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