Porträt Der talentierte Herr Schulz

Martin Schulz, der „Herzens-Europäer“, ist bei den Deutschen beliebter als SPD-Chef Sigmar Gabriel.
Martin Schulz, der „Herzens-Europäer“, ist bei den Deutschen beliebter als SPD-Chef Sigmar Gabriel. © Foto: Imago
Berlin / Gunther Hartwig und Knut Pries 15.12.2016

Auch Peer Steinbrück war kein guter Schüler, auf dem Weg zum Abitur musste er zwei Ehrenrunden drehen. Aber gemessen an Martin Schulz war der ehemalige SPD-Finanzminister als Pennäler fast ein Musterknabe, denn für seine Schule, das private Heilig-Geist-Gymnasium in Würselen, hat sich Schulz nach eigenem Bekenntnis nicht wirklich interessiert: „Ich war damals ein richtiger Sausack.“ Fußballprofi wollte er werden, aber dafür hat es dann doch nicht gereicht.

Kein Abitur? Kein Problem! Für Martin Schulz führte nicht der vermeintliche Königsweg in die Politik – Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal –, sondern der Umweg über eine Buchhändlerlehre. „Die repräsentative Demokratie ist nicht mehr repräsentativ, wenn nur noch Akademiker in den Parlamenten und Regierungen sitzen“, sagt Schulz. Natürlich hat ihn der Weg von unten geprägt. Der 60-Jährige ist eine Kämpfernatur, und er wird das „Ausnahmeleben“, das er führen darf, mit allem, was er hat, verteidigen: „Die Privilegien muss man mit Demut nehmen“, sagt er. Aber einfach hergeben wird er sie nicht.

Als EU-Parlamentspräsident hat er einen engen Zirkel von Vertrauten um sich geschart, auf deren Loyalität er sich blind verlässt. Wenn er demnächst nach Berlin kommt, könnte das zum Problem werden: Denn weder im Auswärtigen Amt noch im Willy-Brandt-Haus warten die Beamten oder SPD-Funktionäre darauf, dass sie plötzlich nach der Pfeife neuer Herren tanzen sollen.

Doch so weit ist es ja noch nicht. Zwar erscheint ziemlich sicher, dass der international erfahrene Politiker Anfang 2017 Bundesaußenminister wird, wenn die Bundesversammlung den bisherigen Amtsinhaber Frank-Walter Steinmeier am 12. Februar zum Bundespräsidenten wählt. Dass Martin Schulz obendrein auch als SPD-Kanzlerkandidat (und Parteivorsitzender) gehandelt wird, falls SPD-Chef Sigmar Gabriel von seinem Erstzugriffsrecht keinen Gebrauch macht, ist für den bundespolitischen Quereinsteiger Chance und Risiko zugleich. „In meiner bisherigen politischen Karriere“, so lautet die Selbstauskunft des forschen Spitzeneuropäers, „hat man mich nicht zum Jagen tragen müssen.“ Soll heißen: Wenn der SPD-Boss nach 2013 auch dieses Mal nicht Kanzlerkandidat werden will, muss man Schulz nicht lange bitten. „Einer von uns beiden muss es machen“, so sollen sich Gabriel und Schulz vor einiger Zeit verabredet haben.

Mit großer Kraft die Sucht überwunden

Das Problem freilich ist: Je offensiver Schulz seine Ambitionen vertritt, desto spannungsreicher wird sein zuvor freundschaftliches Verhältnis zu Gabriel, der im jüngst erschienenen Buch über Schulz („Vom Buchhändler zum Mann für Europa“) noch geäußert hatte: „Selbst wenn er in die deutsche Innenpolitik käme, werden wir ganz sicher keine Konkurrenten.“ Tatsächlich vergaß Schulz nie, dass Gabriel nach seinem Machtverlust in Niedersachsen nicht auf das Angebot Gerhard Schröders eingegangen war, SPD-Spitzenkandidat bei der EU-Wahl zu werden, sondern zugunsten des „Herzens-Europäers“ verzichtet hatte.

Nun aber fühlt sich Gabriel von Schulz herausgefordert, zumal der rheinische Genosse weit populärer ist als der Vizekanzler aus dem Harz. Gegen Angela Merkel (CDU) hätte Schulz aus Demoskopen-Sicht eine kleine Chance, Gabriel nicht mal die. Dass Schulz, wie vor vier Jahren Steinbrück, von den Medien erst zum Hoffnungsträger hochgejubelt und dann fallengelassen wird, ist dabei nicht ausgeschlossen. Auch könnte erst im Wahlkampf deutlich werden, wie wenig trittsicher er in der Innenpolitik ist.

Dass er allerdings ein formidables Talent hat, die eigene Existenz mit großen und größten Zusammenhängen zu verknüpfen, steht außer Frage. Wenn er von seiner Familie im Dreiländereck Deutschland, Belgien, Holland erzählt, deren Mitglieder in den Kriegen des 20. Jahrhunderts  gegeneinander kämpfen mussten, kommen auf dem Podium selbst politischen Konkurrenten die Tränen. Und wenn er in Gemeindesälen, Kirmeszelten oder auf Marktplätzen mit rheinischem Tremolo  verkündet, wo es lang gehen muss im vereinigten Europa, dann werden aus Abwehr-Germanen Internationalisten.

Der Sozialdemokrat ist ein ungemein effektiver Politikverkäufer, sein Spektrum reicht von der intellektuellen Nachdenklichkeit des Bücherwurms bis zur verbalen Blutgrätsche des früheren Linksverteidigers von Rhenania Würselen. Mit ihm als Spitzenkandidaten kam die SPD bei den Europawahlen Mitte 2014 auf 27,3 Prozent, in diesen harten Zeiten schon fast ein Traumwert.

Deswegen ist es nicht nur schnöselig, sondern auch dumm, wie der journalistische Kopf des Handelsblatt-Verlags den Politiker Schulz unlängst abqualifizierte. Der sei „ein weithin unbekannter Mann, der die Zulassung zum Abitur nicht schaffte, wenig später zum Trinker wurde, bevor er als grantelnder Abstinenzler für 22 Jahre im Brüsseler Europaparlament verschwand“. Umgekehrt wird ein Schulz draus: Die überwundene Schwäche ist eine Stärke. Er stand – Perspektivlosigkeit, Suff, Suizid-Gedanken – am Abgrund und hat die Kraft gefunden und sich aufgerafft, von einem auf den anderen Tag mit Alkohol und Nikotin aufzuhören. Sein Aufstieg war nicht vorgezeichnet, sondern eine Sache des Willens. Das imponiert den Leuten.

Im Europaparlament bringen Freund und Feind von Martin Schulz dessen Kernleistung auf einen Nenner – Visibilität. Das ist entlehnt aus dem Englischen und soll heißen: Der sorgt dafür, dass man uns draußen wahrnimmt. „Schulz hat die Gabe, Visibilität zu entwickeln, auch wo er nichts zu sagen hat“, sagt ein hochrangiger EU-Diplomat. Ob Griechenland-Rettung, Türkei-Deal oder Kanada-Abkommen – Schulz war stets überzeugt davon, dass seine Nützlichkeit weit über seine Zuständigkeit hinausreicht.

Medial allgegenwärtig ist er vor allem in Deutschland, dabei aber kein rein deutsches Phänomen. Der Fachdienst Media Tenor hat ausgewertet, wie EU-Prominenz in den vergangenen Wochen in der Berichterstattung internationaler Fernsehsender und Wirtschaftszeitungen vorkam. Befund: Schulz war nicht nur der Meistgenannte. Er war auch der Einzige, der sich eine überwiegend  lobende Darstellung verdiente.

Dass er dem EU-Parlament ein bis dahin nicht gekanntes politisches Gewicht verschafft hat, erkennen zähneknirschend auch jene an, die im nächsten Atemzug seine Sünden und Fehlleistungen aufzählen: zu viel Kumpanei mit EU-Kommissionschef Jean Claude Juncker, ungenierte Postenbeschaffung für Gefolgsleute, ständige Vermischung von Parteipolitik und Präsidentenrolle, Hinterzimmer-Tricks. Nie sei so recht unterscheidbar gewesen, ob Schulz dem Parlament diente oder umgekehrt.

Ein Tipp von der Konkurrenz

Diese Kritik kommt etwa von Herbert Reul, Chef der CDU/CSU-Gruppe im
Europaparlament: „Schulz hat das Parlament als Institu­tion etabliert. Das ist toll. Aber es ist ein  Unterschied, ob man das als Alleinunterhalter oder in Teamwork macht.“ In seiner sozialdemokratischen S&D-Fraktion war man zuletzt ein wenig enttäuscht von Schulz, dem Wegweiser der mit 189 Abgeordneten zweitstärksten Gruppe im EU-Parlament. Man hatte fest geglaubt, er werde um eine Wiederwahl für weitere zweieinhalb Jahre an der Spitze der EU-Volksvertretung kämpfen. Doch Schulz war auch hier Realist und wusste: Die dazu nötigen Stimmen aus der christdemokratischen EVP würde er nicht bekommen.

Dafür gibt es von der Konkurrenz in der Frage, wer Angela Merkel herausfordern sollte, zum Abschied einen Gratisratschlag: „Ich würde das Kampfschwein nach vorne stellen“, sagt Alexander Graf Lambsdorff, Schulzens FDP-Vize im EU-Parlament und wie der Präsident selbst Diaspora-Fan des 1. FC Köln. „Der Mann hat hier in fünf Jahren das Parlament nach vorne gekämpft – der würde auch die SPD nach vorne kämpfen!“

Vielsprachiger Sozialdemokrat mit steiler Karriere

Zur Person Martin Schulz wird am nächsten Dienstag 61 Jahre alt. Geboren wurde er als jüngstes von fünf Kindern in Hehlrath, heute ein Ortsteil der Stadt Eschweiler. Sein Vater, ein Polizeibeamter, kam aus einer sozialdemokratisch geprägten Familie, seine Mutter war streng konservativ orientiert. Nach der Schule machte Martin Schulz eine Ausbildung zum Buchhändler, von 1982 bis 1994 führte er eine eigene Buchhandlung. Er trat 1974 in die SPD ein und wurde 1987 zum Bürgermeister der Stadt Würselen, nahe Aachen, gewählt. 1994 schaffte er den Sprung ins EU-Parlament,
dessen Präsident er erstmals 2012 wurde. Schulz, der  Französisch, Englisch, Niederländisch, Spanisch und Italienisch spricht, ist
verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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