Ulm / UTE GALLBRONNER "Für die Lehrer und die anderen Eltern war Tim der Störer. Das Kind, das weg muss." Kerstin Kasts Worte begleitet ein bitteres Lachen. Die Geschichte eines Neunjährigen, bei dem bisher vieles schief gelaufen ist.

Draußen spielen die kleinen Nachbarskinder. Kerstin Kast (alle Namen geändert) schaut durchs Fenster, dreht ihre Teetasse in den Händen. "Tim kam hier immer gut zurecht. Wir hatten nie Probleme", sagt sie. Tim ist neun. Eigentlich sollte er jetzt in der Grundschule sein. Doch da war er schon seit zwei Monaten nicht mehr. Tim ist in einer Reha-Klinik. Er soll dort lernen mit seinem Asthma und vor allem mit der Schule zurechtzukommen.

Als Tim 2012 in die Schule eingeschult wird, ist die Welt noch in Ordnung. Vater, Mutter und Oma posieren stolz mit dem Jungen samt Schultüte fürs Foto. "Morgens hab' ich ihn mit dem Auto gebracht, mittags abgeholt. Dann haben wir Hausaufgaben gemacht. Ganz normal", sagt Kerstin Kast. Ein paar Beschwerden wegen des Verhaltens habe es gegeben. Nicht mehr als bei anderen, ist sich die Mutter sicher.

Christiane Müller ist Tims erste Klassenlehrerin. 26 Kinder sind in seiner Klasse, darunter zwei ohne Deutschkenntnisse. Optimal ist das nicht, aber auch nicht ungewöhnlich. Früh fällt Müller auf, dass Tim schwer Anschluss findet. "Viele Kinder liefen gemeinsam zur Schule oder waren im Verein. Er war nirgends dabei", sagt die Lehrerin. Der Schulweg von fast einem Kilometer, war Kerstin Kast zu lang. Sport habe Tim durchaus probiert. "Aber nach drei, vier Wochen hat er immer die Lust verloren, und zwingen kann ich ihn ja nicht", meint die Mutter.

Nach einem halben Jahr fängt Tim an zu "bocken", wie es Christiane Müller nennt. Immer öfter gibt es Phasen, in denen er sich verweigert. Die Lehrerin denkt, das geht vorbei. Im Sommer will Tim beim Schulsport nicht mehr mitmachen. "Ich habe angeboten, dass ich sein Spray mitnehmen könnte. Ich bin selbst Asthmatikerin", sagt die Lehrerin. Doch Kerstin Kast hat Angst. Sie besorgt Tim ein Attest.

Stephan Prändl kennt ähnliche Geschichten. Er ist Vorsitzender des Verbands der Sonderpädagogen und leitet die Heinrich-Brügger-Schule, die Krankenhausschule der Rehabilitationskliniken in Wangen. Immer wieder gebe es einzelne Kinder, die aus verschiedenen Gründen im Klassenverband schwer zurechtkommen. Eine chronische Krankheit könne ein Auslöser sein. "Die Ängste von Eltern chronisch kranker Kinder nehmen wir sehr ernst", sagt Prändl: "Das darf man nicht so abtun." Deshalb sei es von großer Bedeutung, die Kinder nicht alleine zu behandeln, sondern die Eltern einzubeziehen. "Wichtig ist aber immer eine genaue Diagnostik, die über die organische Krankheit hinausgeht", betont Prändl. Eine solche Diagnose gibt es bei Tim noch nicht.

Zum Ende des ersten Schuljahres fasst der Junge langsam Vertrauen zu Christiane Müller. Macht die Klasse einen Ausflug, will er nur noch mit ihr laufen. Alle paar Wochen geht Kerstin Kast in Müllers Sprechstunde. Es läuft nicht rund, aber es läuft. Als sich die Kinder am Ende der zweiten Klasse von Christiane Müller verabschieden, weinen viele. Tim nicht. Er reißt am Nachmittag alle Bilder seiner Klasse von der Wand des Klassenzimmers.

Im neuen Schuljahr eskaliert die Lage. Tim leert anderen Kindern die Ranzen aus, wirft Tische um, gibt bei Tests leere Blätter ab. Die Lehrerin ignoriert er einfach. Man hofft, dass er sich gewöhnt. . . Tim fängt an, sich im Unterricht zu prügeln. "Die junge Kollegin war völlig verzweifelt", sagt Christiane Müller.

Es ist der Zeitpunkt, an dem die Schulleiterin eingreift. Sie empfiehlt der Mutter, sich beim Schulpsychologen oder einer Beratungsstelle Hilfe zu suchen. Ein Krisengespräch jagt das nächste. Tims Vater wird aufgefordert, zu einem Gespräch zu kommen. Christiane Müller soll vermitteln. Sie erinnert sich. "Mein Sohn ist weder blöd noch behindert", habe der Vater gebrüllt. Auch die Mutter wollte "keinen Stempel" fürs Kind. Zwingen kann die Schule die Eltern nicht.

Ulrike Mühlbayer-Gässler ist Sonderschullehrerin. Sie leitet die Ulmer Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule und kennt diese Angst der Eltern. Für Eltern, deren Kinder keine sichtbare Behinderung hätten, sei der Schritt an die Sonderschule, und sei es nur zur Beratung, ebenso schwer wie der zum Jugendamt. Schon das Gespräch mit einem Schulpsychologen empfänden viele als Eingeständnis, versagt zu haben. "Man muss erst einmal weg von diesem Schuldgedanken", sagt sie. "Es geht nicht um die Frage: Wer ist schuld, sondern darum, wie man den Leidensdruck nehmen und die Situation verbessern kann." Die des Kindes, seiner Lehrer und der anderen Schüler.

In Tims Klasse wird die Lage immer verfahrener. Fast täglich kracht es. Wenn Tim keine Lust hat, macht er nicht mit - im besten Fall. Es kann auch sein, dass er einfach raus geht. Er schmiert Schimpfworte quer über sein Heft. Andere Kinder fangen an, die Schwäche der Lehrerin ebenfalls auszunutzen. Sie weiß sich nicht mehr anders zu helfen, als den Störenfried in andere Klassen zu schicken. Dann ist Ruhe.

In Kerstin Kasts Augen ist die neue Lehrerin schuld an dieser Eskalation. Ihr Mann will von den Problemen nichts hören: "Er ist halt ein Junge. Die sind so", sagt er. Die Schule und die Eltern hören auf, miteinander zu reden. "Ich konnte nicht begreifen, warum es auf einmal nicht mehr funktioniert hat", sagt Kerstin Kast.

Eines Tages wird die Mutter wieder mal in die Schule bestellt. "Wir müssen etwas tun, hat die Schulleiterin gesagt und mir dann von der Unterschriftenliste erzählt", sagt die 39-Jährige. Ihre Hände zittern. Auf Initiative einer Mutter forderten mehrere Eltern Tims Rauswurf. "Ich war regelrecht geschockt, als ich das gelesen habe", sagt auch Christiane Müller. "Der Störer muss weg", zitiert sie den Text.

Eine Unterschriftenliste sei sicher nicht der richtige Weg, meint Ulrike Mühlbayer-Gässler: "Doch die Ängste dieser Eltern kann man schon nachvollziehen. Sie wollen ihre Kinder schützen." Auch die hätten ein Recht auf Unterricht.

Als Tim an diesem Tag aus der Schule kommt, geht die Mutter mit ihm zum Arzt. Der schreibt den Jungen erst einmal krank. Nicht ohne Kerstin Kast zwei Tage später wieder einzubestellen. Er nimmt sich Zeit und überredet die Mutter, sich endlich Hilfe zu suchen. Er macht einen Termin in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie für sie aus.

"Es gibt bei uns viele Möglichkeiten - auch außerhalb des schulischen Systems", sagt Sonderpädagoge Stephan Prändl. Es sei sehr wichtig, dass Eltern in einer solchen Situation nicht alleine gelassen werden. Dass Schule und Eltern in Tims Fall aufgehört haben, miteinander zu reden, sei das Schlimmste, was passieren kann. "Wir nehmen immer Kontakt mit den heimischen Schulen auf, wenn ein Kind zu uns in die Reha kommt", sagt Prändl. Da geht es nicht nur um den Schulstoff, sondern in erster Linie um die Frage, wie das Kind wieder integriert werden kann.

Tim wird nicht an seine Schule zurückkehren. Sein Vater hat die Familie vor einem Monat verlassen. "Er kommt mit der Situation nicht zurecht", sagt Kerstin Kast. Sie zieht mit Tim zu ihrer Schwester in den Norden: "In der Reha sagen sie, dass sie ein Netz für ihn knüpfen." Inzwischen geht Tim täglich in eine Schule der Reha-Klinik. Er ist höflich, stört nicht, macht gute Fortschritte. Allerdings sitzt er nur mit vier oder fünf anderen Kindern in einem Raum. Alltag ist das nicht. "Ich hoffe, er trifft eine verständnisvolle Lehrerin und auf Kinder, die nicht jeden seiner Fehler aufschreiben", sagt Kerstin Kast. Sie selbst werde auch einiges ändern müssen. Sie hat bereits mit einer Erziehungsberaterin Kontakt.

Christiane Müller hat sie noch mal im Supermarkt getroffen. "Sie ist die einzige, die Tim verstanden hat", sagt die Mutter. Die Lehrerin sieht das nicht ganz so: "Ich weiß nicht, wie ich mit der Situation zurechtgekommen wäre, wenn ich Tims zweite Lehrerin gewesen wäre. Der Junge braucht Hilfe. Ich hoffe, er bekommt sie jetzt."

Auslöser sind vielfältig

Gründe Massives Stören des Unterrichts hat immer einen Grund - doch den zu finden, ist für Lehrer oft schwer. Es können etwa private Probleme sein, der Unterricht kann ein Kind über- oder unterfordern. Auch Krankheiten wie die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder Autismus können der Auslöser sein.

Hilfe Wichtig ist, dass Eltern und Schule zusammenarbeiten. Erster Ansprechpartner ist der Klassenlehrer, zudem gibt es Beratungs- oder Vertrauenslehrer und die Schulleiter. Viele Schulen haben auch Sozialpädagogen, zudem gibt es schulpsychologische Beratungsstellen. Ebenso kann man sich an Jugendämter oder gemeinnützige Organisationen wenden. Egal, mit wem man spricht: Alles ist vertraulich.