Heilslehren Der Psychosekte entronnen

Von Michael Gabel 10.10.2018

Sie war gerade frisch von ihrem Mann Eros Ramazotti getrennt, hatte eine vierjährige Tochter und fühlte sich „verloren“. „Ich war die ideale Beute für Menschen ohne Skrupel“, schreibt die Fernsehmoderatorin Michelle Hunziker in ihrem neuen Buch „Ein fast perfektes Leben“. Mit 23 Jahren lernte sie eine Frau namens Clelia kennen. Diese drängte sich immer mehr in das Leben des angehenden Unterhaltungsstars, wusste Antworten auf sämtliche praktische Lebensfragen. Doch auf Phasen der „Liebe und Fürsorge“ folgten Momente der Distanzierung. „Ich hätte alles getan, um die symbiotische Verbindung wiederherzustellen, die in meinen Augen die einzig wahre Liebe meines Lebens war“, erinnert sich die Italo-Schweizerin. Was sie erst nach und nach merkte: Sie war in die Fänge einer Psychogruppe geraten, die sich „Krieger des Lichts“ nannte. Clelia war die Anführerin.

Michelle Hunzikers Erlebnis steht für eine Entwicklung, die seit Jahren die Sektenszene immer stärker prägt: Kleine, lokale Gruppen sprießen wie Pilze aus dem Boden und haben in ihrer Bedeutung weltweit agierende Bewegungen wie Scientology abgelöst. Anders als die großen Sekten mit ihren Weltszenarien verzichten die Psychogruppen weitgehend auf einen weltanschaulichen Überbau. Sie wollen auch keine politische Macht ausüben, so wie es sich etwa die Scientologen zum Ziel gesetzt haben, die deshalb in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Unter den Etiketten des Coachings und Heilens geht es Gruppen wie „Krieger des Lichts“ nur um eins: das Geld ihrer Mitglieder.

Der Fall von Sarah Tüder (Name geändert) zeigt, wie manipulativ solche Gruppen vorgehen. Wegen Rückenproblemen suchte die Akademikerin Hilfe bei einer Bewegungstherapeutin. Die Übungen sprachen gut an, die Schmerzen verschwanden. Die Trainerin aber nutzte die Zeit, um ihrer Patientin einzureden, dass deren Probleme in Wahrheit viel tiefer liegen: in ihrer Seele. Am besten helfe ein individuelles Coaching. Kostenpunkt: rund 1000 Euro für eine Wochenendsitzung. Sarah Tüder willigte in regelmäßige Treffen ein. „Ich war soweit, dass ich dieser Person übernatürliche Fähigkeiten zugetraut habe“, sagt sie. Eine Begleiterscheinung der Behandlung war, dass sich Sarah Tüder immer mehr von ihrer Umwelt distanzierte. Den Kontakt zu Eltern und Freunden musste sie abbrechen, und als sie einmal eine Liebesaffäre hatte, warf die Trainerin ihr vor, sie sei „wahrnehmungsgestört“, weil sie nicht merkte, wie sehr ihr diese Beziehung schade.

Sabine Riede, Leiterin der Beratungsstelle Sekten-Info NRW, sieht ein klares Muster in einem solchen Vorgehen. „Der Coach hat ein großes Interesse daran, dass ich hilflos bleibe. Denn er verdient ja gut daran“, sagt sie. „Seriöse Anbieter arbeiten anders. Sie bieten ihre Hilfe nur zu ein, zwei fest umrissenen Themen an“, erzählt Riede. „Psychogruppen dagegen vermischen Privates mit Beruflichem. Die Probleme verschlimmern sich eher, als dass sie gelöst werden.“ Schuld seien alle anderen: Ehepartner, Familie, Freunde, Chefs. „Die Leute schotten sich ab, bis sie nur noch Kontakt zu Gruppenmitgliedern haben – dann ist man in der Gruppe gefangen.“

Doch das Coaching sei nur ein Teil des aktuellen Booms. Hinzu käme eine Vielzahl angeblicher Wunderheiler, die nach Riedes Einschätzung ein oft „noch dramatischeres Problem“ seien, „weil es häufig um Krebs und andere schwerwiegende Erkrankungen“ gehe. Den Menschen werde versprochen, es gäbe alternative, sanftere Heilmethoden. „Dadurch zögern manche den Arztbesuch zu lange hinaus.“ Außerdem werde die in den 1970er-Jahren entstandene Esoterik-Szene zurzeit wieder größer – mit den Spezialitäten Wahrsagen, Pendeln und Rückführungen in frühere Leben.

600 Psychogruppen und Sekten hat Sekten-Info NRW 2017 in Deutschland gezählt, wobei es ein großes Dunkelfeld gibt, wie Riede betont. Deshalb sei es auch schwierig, Namen zu nennen. Die neue Szene sei ständig in Bewegung. Um so größer sei die Gefahr, die von den Gruppen ausgehe. „Vor zehn Jahren hätte ich gesagt, solche Phänomene gehören zum Leben. Inzwischen ist die Situation eine völlig andere: Verschwörungstheorien blühen, und die Gruppen profitieren nicht nur von Verunsicherung, sondern vergrößern sie noch.“

Professor Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen sieht das ähnlich. Die zunehmende Spaltung der Gesellschaft gebe Anbietern von Heilslehren ein gutes Betätigungsfeld. „Wenn in Diskussionen stark mit Feindbildern gearbeitet wird, wenn viele Menschen keine anderen Meinungen mehr gelten lassen, hat es jeder leicht, der sagt, er weiß, wie sich Probleme lösen lassen.“

Als weiteren Grund für den Zulauf sieht Utsch die Technisierung des Lebens. „Trotz aller Freude an Smartphone und Internet merken die Menschen, dass sich die wesentlichen Lebensfragen nicht mithilfe der Technik lösen lassen.“ Man bleibe mit dem „Tragischen, zuweilen Absurden des Lebens“ zunehmend allein.

Michelle Hunziker und Sarah Tüder haben ihre Abhängigkeit überwunden. Beim Fernsehstar hat es bis zum Bruch vier Jahre gedauert, bei Tüder fünf. „Ich musste erst wieder völlig neu lernen, mich auf Menschen einzulassen“, sagt Sarah Tüder. Das sei das Schwerste gewesen: „Sich dem Leben trotz allem zu öffnen.“

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