Pflege Ferdi Cebi: Der Pfleger, der Merkel die Stirn bot

Paderborn / Elisabeth Zoll 15.08.2018
Seit Jahren wird über Missstände in den Heimen und Krankenhäusern des Landes geklagt. Nur langsam kommt Bewegung in das Thema.

Im Rap finden Freude und Nachdenklichkeit Worte. Ferdi Cebi hat den Sprachgesang für sich entdeckt, um von seinem Alltag als Altenpfleger zu erzählen. Manchmal sogar mit Heimbewohnern zusammen. Das ist aber nicht der Grund, warum es der 36-Jährige zu einiger Berühmtheit gebracht hat. Zu der kam er, weil Kanzlerin Angela Merkel ihn an seinem Arbeitsplatz in Paderborn besuchte, nachdem Ferdi Cebi die CDU-Chefin in einer Wahlkampfsendung auf Defizite in der Pflege angesprochen hatte. Für Stunden wollte sie sein Schatten sein.

Erzählen, was ihn beschäftigt

Wie ist das so, die Bundeskanzlerin vor einen Millionen-Fernsehpublikum mit Missständen im Pflegebereich zu konfrontieren? So viele Gedanken habe er sich darüber gar nicht gemacht. Als in der Sendung „Klartext“ im September 2017 endlich einmal nicht mehr über Flüchtlinge gesprochen, sondern das ebenfalls so wichtige Thema Pflege angeschnitten wurde, wollte Ferdi Cebi loswerden, was ihm, dem Altenpfleger, unter den Nägeln brennt: die schwierigen Arbeitsbedingungen in seinem Beruf, die oftmals schlechte Bezahlung, die Ausbeutung in Schicht- und Wochenenddiensten, die fehlende Wertschätzung gegenüber alten Menschen und – gegenüber denen, die sie versorgen.

Not in der Pflege unübersehbar

Dabei werden gute Pfleger gebraucht. Die Gesellschaft altert. Nach Hochrechnungen wird sich bis zum Jahr 2050 die Zahl der Pflegebedürftigen verdoppeln. Viele der dann Hoch- und Höchstbetagten werden auf intensive Pflege in Heimen angewiesen sein.  Die Zahl pflegender Angehöriger wird mit dieser demografischen Entwicklung nicht Schritt halten. Die Familien werden kleiner und mobiler. Viele erwachsene Kinder leben heute nicht mehr am Wohnort der Eltern. Das spitzt die Lage zu. Dabei ist die Not in der Pflege schon unübersehbar.

„Wenn wir jetzt nicht aktiv werden, ist alles zu spät“, glaubt Ferdi Cebi. Der Altenpfleger, der sich als Musiker „Idref“ nennt,  ist ein Kümmerer aus Leidenschaft. „Die alten Menschen haben der Gesellschaft so viel gegeben“, sagt er. „Sie haben das Land aufgebaut, in dem wir heute leben.“ Respektlosigkeit ihnen gegenüber treibt Ferdi Cebi auf die Palme. Er verarbeitet das auch in seinen Songs:

„Wir gehen gemeinsam und zwar Hand in Hand. Der ein oder andere macht den Beruf schon ganz schön lang. Und wir machen ihn solange es geht, körperlich ist er anstrengend, doch wir haben viel zusammen erlebt! Es gibt so vieles, das wir tun, und wenn du es mit dem Herzen machst, dann liebst du den Beruf. Egal ob Alten- oder Krankenpflege – ich weiß, dass ich immer das Beste  für die Alten oder Kranken gebe.“(*)

Schichtwechsel im Pflegeheim St. Johannis in Paderborn. Ferdi Cebi tauscht mit seinen Kolleginnen noch ein paar Sätze aus. Er ist der einzige Mann in dieser Runde. Die Stimmung ist heiter. Mit frischen Waffeln verabschiedet sich an diesem Nachmittag eine langjährige Kollegin in den Ruhestand. Der süße Duft nach Frischgebackenem wabert durch die langen, in Gelbtönen gestrichenen Flure des krankenhausartigen Baus aus den 70er-Jahren. Manchen Heimbewohner hat die süße Verheißung schon aus dem Zimmer an den Kaffeetisch gelockt.

„Sie wissen eines gewiss: dass es ihre letzte Reise ist. Was genau passiert, weiß man nicht, es können Tage oder Jahre sein. Trotzdem sollen es immer schöne Tage oder Jahre sein.“ 

Freude an den Menschen

Cebi, der Mann mit dem rasierten Charakterkopf, kennt jeden der 110 Bewohner in diesem Haus. Seit 15 Jahren arbeitet er hier. Was hat einen jungen Mann an einen Ort gebracht, an dem  alte und gebrechliche Menschen ihre letzte Lebensphase verbringen? „Die Freude an den Menschen.“ Dabei wollte er ursprünglich etwas ganz anderes lernen: Tischler oder Maler – etwas im handwerklichen Bereich. Der Vater stammt aus der Türkei, seine Mutter kommt aus Polen – Erfahrungen im Pflegebereich hatten beide nicht.  

Doch dann brachte der Zivildienst den jungen Mann in Kontakt mit alten Menschen. „Man kann so vieles von Ihnen lernen.“ Ein Geben und Nehmen sei der Austausch mit ihnen.

„Alte Menschen sind noch weiser als Bücher, von ihnen kannst du viel lernen, deshalb schreib ich darüber. Außerdem tut es gut, die Schmerzen zu nehmen, und es ist ein schönen Gefühl, wenn man die Herzen bewegt!“

Lukrative Rendite auf Kosten der Beschäftigten

Wären nicht die 15 Berufsjahre, könnte man versucht sein, den jungen Mann einen Phantasten zu nennen. Pflege hat in Deutschland keinen hohen Stellenwert, was sich auch in der Bezahlung der Fachkräfte niederschlägt. Rund 2000 Euro verdient Cebi netto, was vor allem in Heimen, die nicht tarifgebunden sind, keine Selbstverständlichkeit ist. Die Versorgung alter Menschen ist zu einem Geschäft geworden. Dort, wo Finanzinvestoren in den Pflegebereich eingestiegen sind, muss sie lukrative Rendite bringen. Das geht meist nur auf Kosten der Beschäftigten. Die Politik hat Mitte der 1990er-Jahre private Anbieter mit anderen Trägern gleichgestellt und damit spekulativen Fonds ein neues Geschäftsfeld aufgetan. Laut Statistischem Bundesamt  sind mehr als 40 Prozent aller Heime inzwischen privat. Freigemeinnützig – also in der Hand von Wohlfahrtsverbänden – sind 53 Prozent. Der Rest hat einen öffentlichen Träger.

Doch es geht nicht nur ums Geld. Ferdi Cebi erinnert sich, als er seinen Kumpeln von seinem Berufswunsch erzählte. „Die haben blöd geguckt.“ „Was machst Du? Du wäscht alte Menschen, entfernst Ausscheidungen und Dreck?“

Pfleger, Seelsorger und Kummerkasten

„Wir machen so viel mehr. Wir sind Köche, Seelsorger, Friseur, Spaßmacher und Kummerkasten.“ Ferdi Cebi erzählt von einem alten Mann, der ihn an Weihnachten mit einer Frage überraschte: „Und, was schenken Sie ihren Geschwistern?“ Die Frage hatte einen traurigen Unterton. Der Mann selbst hatte nach dem Krieg den Kontakt zu seiner einzigen Schwester, die in der DDR geblieben war, verloren. Ob sie noch lebte, wusste er nicht.

Ferdi Cebi ließ das keine Ruhe. Er suchte, telefonierte, hakte nach, bis er die Frau ausfindig machen konnte. Nach 50 Jahren Funkstille haben die beiden hochbetagten Geschwister dann erstmals wieder miteinander telefoniert. „Wenn ich davon erzähle, bekomme ich noch immer Gänsehaut.“

„Wir alle wollen ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern, auch wenn die Zeit knapp ist, lange muss es nicht dauern.“

Tausende Stellen unbesetzt

Sich anrühren lassen und zuhören. Dort wo der Personalschlüssel stimmt, ist ein kurzer Austausch auch im stressigen Alltag möglich. Der stimmt nicht überall. Vielerorts werden Fachkräfte zuerst ins Burn-out hinein und dann aus dem Beruf herausgeschunden. Weit verbreitet sind Zwölf-Tage-Schichten,  die mit Körperpflege, Ankleiden, Essensgabe, Medikamentenversorgung, Toilettengängen, Wundversorgung, Arztgesprächen, Dokumentation und Organisation vollgestopft sind. Dazu kommen  oftmals schlecht besetzte  Nachtdienste. 25.000 Stellen sind bundesweit derzeit unbesetzt.

Es fehlt an Bewerbern. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will zwar den Personalschlüssel anheben, doch geeignete Kräfte müssen erst ausgebildet oder – was ebenfalls angedacht ist –  im Ausland angeworben werden.

Auch das Johannisstift kämpft um neue Mitarbeiter. Und doch eröffnet der Mix aus Pflegerinnen, festen Nachtkräften, Alltagsbegleitern und Ehrenamtlichen Freiräume. „Wenn jemand Zeit braucht, dann nehme ich sie mir“, sagt Ferdi Cebi. Das gilt auch für Sterbende. Ihnen das Gefühl zu geben, dass sie nicht alleine sind, ist dem Altenpfleger Cebi wichtig.

„Wir würden hier so gerne bleiben. Aber das können wir nicht entscheiden. Denn jeder Mensch muss gehen. Und dieser Moment tut weh. Ich hoffe nur eins, dass Gott sie befreit.“

Kollegen inspiriert

Der selbstverständliche Umgang mit dem Tod habe ihn schneller erwachsen werden lassen, sagt der Vater eines vierjährigen Jungen und eines vier Monate alten Mädchens. Er versuche den Bewohnern, die letzte Phase so schön wie möglich zu machen. Auch mit seiner Musik. In Videoclips begleiten ihn coole Alte an Bass und Schlagzeug.

Solch unkonventionelle Auftritte machen nicht nur den Älteren Spaß, sie ermutigen auch Junge. Wegen ihm – Ferdi Cebi – sei er überhaupt erst neugierig auf diesen Beruf geworden, schrieb ihm vor gar nicht langer Zeit ein angehender Kollege. Cebi ist stolz auf seine Rolle als Motivator. Schließlich will auch er gut versorgt werden, wenn er eines Tages Hilfe braucht.

Wie er selbst einmal alt werden möchte? Da lacht der Altenpfleger über das ganze Gesicht: „Ich wünsche mir so versorgt zu werden, wie ich es selbst getan habe.“ Wenn das keine Ansage ist.

*Aus Songs von Ferdi Cebi. Im Oktober erscheint eine neue Produktion von ihm.

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