Leitartikel Elisabeth Zoll zur Irland-Reise von Papst Franziskus Der Papst auf heikler Mission in Irland

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Elisabeth Zoll 25.08.2018

Heikler Besuch für Papst Franziskus: Heute wird er in Dublin erwartet. Es ist eine Reise ins Zentrum eines kirchenpolitischen Tsunami. In den 90er Jahren wurde die katholische Kirche in Irland von einem Missbrauchsskandal erfasst. Seine Folgen reichen bis in die Gegenwart. Viele Gläubige haben sich von der Kirche abgewandt. Deutlich wurde das im Frühjahr, als eine Mehrheit der Iren bei einem Referendum dem Kurs der katholischen Kirche in der Abtreibungsfrage nicht mehr folgte. Die einst so mächtige Instanz ist schwach geworden.

Nicht nur in Irland. Auch im US-Bundesstaat Boston, in Australien, Chile und aktuell im US-Bundesstaat Pennsylvania ist die katholische Kirche mit abscheulichen Verbrechen konfrontiert. Kirchenmänner vergingen sich an Kindern, Jugendlichen und Frauen. Ihre Vorgesetzten kehrten oft unter den Teppich, statt zu bestrafen. So amalgamierte der Machtmissbrauch zur Ausübung der Verbrechen mit dem Machtmissbrauch zur Vertuschung zu einem zerstörerischen Gift. Papst Franziskus hat das gerade in einem Brief an die 1,3 Milliarden Gläubigen benannt.

Das Schreiben ist so ungewöhnlich wie hilflos. Das Kirchenoberhaupt bittet Laien, aufmerksam zu sein zum Schutz von Kindern. Der Institution allein scheint der Papst nicht mehr zu trauen. Das liegt am Klerus. Noch immer lehnen manche Kirchenverantwortlichen es ab, sich den dunklen Seiten eines überhöhten Priesterbildes und einer lange ungebremsten Machtfülle zu stellen.

Doch ausgerechnet der Papst sendet irritierende Signale. Bei seinem Besuch in Chile verunglimpfte er Anschuldigungen gegenüber einem ihm vertrauten Bischof  als Denunziation. Er musste sich korrigieren. Auch bei der Auswahl engster Vertrauter zeigt Franziskus Schwächen. Aus dem mächtigen neunköpfigen Beraterkreis, der Vorschläge zur Reform der Kurie erarbeiten soll, sind zwei Kardinäle mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert: der Australier George Pell und der Chilene Francisco Javier Errazuriz Ossa.

 Für seinen Kampf gegen sexuellen Missbrauch braucht Franziskus mehr als Mitgefühl und gute Absichten. Die Weltkirche muss sich der Frage stellen, warum Täter so lange unbehelligt in der Kirche leben und agieren konnten. Das zielt über das Versagen Einzelner hinaus. Die katholische Kirche muss ihr Verhältnis zur Sexualität hinterfragen, Verjährungsfristen zu Gunsten der Opfer überdenken und das unverantwortliche Nachsehen gegenüber jenen, die Täter schützten, beenden.

Anfänge hat sie gemacht. Im Gegensatz zur evangelischen Kirche, die sich wegen ihrer landeskirchlichen Organisation in die Rolle der Unwissenden flüchtet.

Nützen wird das niemandem. Am Umgang mit Missbrauchsverbrechen entscheidet sich Glaubwürdigkeit. Dublins  Erzbischof Martin brachte es für seine Kirche auf den Punkt: „Die Katholiken haben ihre Geduld mit uns verloren und die Gesellschaft ihr Vertrauen in uns.“ In Irland hat man die Tragweite des Themas verstanden.

leitartikel@swp.de

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