Diplomatie Der Nordkorea-Gipfel in Singapur beginnt

Singapur / Felix Lee und Peter DeThier 11.06.2018
Donald Trump und Kim Jong Un gelten als unberechenbar. Wie wirkt sich das auf den Gipfel in Singapur aus?

US-Präsident Donald Trump landete am späten Sonntagabend mit der Air Force One in Singapur. Wenige Stunden zuvor war eine russische Iljuschin gelandet – mt dem Zeichen von Air Koryo am Heck, der nordkoreanischen Fluggesellschaft. Doch von Bord ging nicht Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un. Kim kam mit einer Boeing 747, die ihm Air China zur Verfügung gestellt hatte. Chinas staatliche Fluggesellschaft war dem Diktator offenbar sicherer als ein Flugzeug aus eigenem Bestand.

Ein Tag vor dem mit Spannung erwarteten Gipfel herrscht in Singapur Ausnahmezustand. Der Stadtstaat hat mehrere tausend Polizisten und Soldaten abgestellt. Sie sollen die Sicherheit der beiden Staatschefs gewährleisten. Kims Ankunft am Sonntag war für viele Schaulustige eine Attraktion. Motorradfahrer und gepanzerte Wagen eskortierten die schwere Limousine mit Kim an Bord bis zum Stadtzentrum. Bei Ankunft am Hotel waren Leibwächter in schwarzen Anzügen zu sehen, die Kims Wagen im Laufschritt umringten und finstere Blicke in alle Richtungen warfen. Sie hatten beim Gipfel zwischen Kim und Südkoreas Präsidenten Moon Jae In im April Berühmtheit erlangt. Sinpapurs Präsident Lee Hsien Loong lud Kim und Trump getrennt in den Präsidentenpalast.

Im Streit um Nordkoreas Atomprogramm könnte es erstmals seit Jahrzehnten zu einer Annäherung zwischen Nordkorea und den USA kommen. Washington fordert die komplette Aufgabe aller Atomwaffen. Das Kim-Regime will eine Sicherheitsgarantie, die Aufhebung der Sanktionen und Wirtschaftshilfe.

Streithähne im Nobelhotel

Ende des vergangenen Jahres hatte sich der Konflikt dramatisch zugespitzt. Trump bezeichnete Kim als „kleinen Raketenmann“, Kim den US-Präsidenten als „senilen Greis“. Beide haben gegenseitig mit Vernichtung gedroht. Doch zu Jahresbeginn überraschte der nordkoreanische Machthaber die Welt mit einer Charmeoffensive und erklärte sich zu Verhandlungen bereit. Zu einer Annäherung mit dem offiziell bislang verfeindeten Südkorea ist es seitdem schon gekommen.

Normalerweise werden Treffen dieser Art von Spitzendiplomaten vorbereitet und gemeinsame Erklärungen vorab abgestimmt. Überschungen sollen vermieden werden. Die Staatschefs reisen nur noch an, um letzte Details abzuklären und fürs gemeinsame Foto zu posieren. Doch nicht so Trump. Er hat sich demonstrativ geweigert, den Gipfel vorzubereiten. „Ich denke, ich werde ganz schnell wissen, ob etwas Gutes geschehen wird“, sagte er vor seinem Abflug. „Mein Gespür, mein Gefühl wird es mir sagen.“ Kim hat Zugeständnisse gemacht und US-Geiseln freigelassen. Auch Teile des Atomtestgeländes ließ er sprengen. Doch schon sein Vater und Vorgänger hatte eine Abrüstung zugesagt und ließ trotzdem an der Atombombe weiterbauen.

„Nordkorea ist viel rationaler, als alle denken“, glaubt der amerikanische Nordkorea-Experte Bruce Cumings. „Es wird am Ende etwas Gesichtswahrendes herauskommen“, vermutet Robert Kelly von der Unversität Pusan in Südkorea. „Und das wird Trump gnadenlos für sich ausschlachten.“

Gelegenheit zum „gegenseitigen Abtasten“

Auch wenn der US-Präsident glaubt, mit Kim „etwas Unglaubliches für die Welt schaffen zu können“, sind die Erwartungen der US-Delegation sowie führender Experten realistisch: Man erwartet in erster Linie eine Gelegenheit zum Kennenlernen und „gegenseitigen Abtasten“. Victor Cha, der als Sonderbeauftragter unter Präsident George W. Bush Gespräche mit Pjöngjang führte, sieht in der Begegnung jedenfalls Vorteile für beide Seiten: „Kim glaubt ständig, sich auf dem globalen Parkett beweisen zu müssen, und nun bekommt er eine Audienz mit dem amerikanischen Präsidenten, das ist für sich genommen schon ein Sieg.“ Auch winken für Trump Vorteile: Rund um die Welt hätten die Beziehungen zwischen den USA und den Verbündeten einen Tiefpunkt erreicht. Die Gespräche seien eine Chance, etwas Produktives zu tun „und wie ein echter Staatsmann auszusehen“, sagt Cha.

Die Delegationen wohnen in Hotels, die nur wenige hundert Meter voneinander getrennt sind, Trump im noblen Shangri La, Kim im nicht minder edlen St. Regis. Der Gipfel selbst findet im Luxushotel Capella auf Singapurs vorgelagerter Freizeitinsel Sentosa statt. Gurkhas sollen die Unterkünfte der Streithähne bewachen. Dabei handelt es sich um Elitetruppen aus Nepal, die schon in der britischen Kolonialzeit für Ruhe und Ordnung sorgten. Ihnen wird nachgesagt, der bloße Anblick sei Respekt einflößend. Vielleicht wirkt das auch disziplinierend auf Trump und Kim.

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