Jürgen Resch Der Mann, vor dem die Autokonzerne zittern

Jürgen Resch im Verwaltungsgericht Schleswig. Der Prozess hat ausnahmsweise mal nur einen Tag gedauert.
Jürgen Resch im Verwaltungsgericht Schleswig. Der Prozess hat ausnahmsweise mal nur einen Tag gedauert. © Foto: dpa
Radolfzell / Martin Hofmann 21.12.2017
Die Aufarbeitung des Abgasskandals hat ein Gesicht: Jürgen Resch legte sich in diesem Jahr besonders heftig mit Autokonzernen, Regierungen und Kommunen an.

Der drückt mal kurz und kräftig aufs Gaspedal, misst einen hohen Schadstoffausstoß  und bewirft dann den nächsten Autobauer mit Dreck – so sehen ihn seine Kritiker und sagen dann Dinge wie: „Tiefgrüner Ideologe, Dieselhasser.“ Seine Bewunderer kontern: Endlich bietet einer den Mächtigen die Stirn, stellt die Großkonzerne, was keine Kanzlerin, kein Minister wagt. Jürgen Resch ist Heilsbringer oder Persona non grata, dazwischen kommt lange nichts. Denn diesem 57-Jährigen vom Bodensee, der so unscheinbar wirkt, ist es in diesem Jahr gelungen, die deutsche Automobilindustrie vor sich herzutreiben.

Resch ist Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), einem kleinen Umwelt- und Verbraucherverband mit Sitz in Radolfzell, Berlin und Hannover. Als solcher sitzt er an einem Vormittag im Dezember an einem großen Tisch und zieht Bilanz: „Ich möchte dieser Bundesregierung ein eindrucksvolles Versagen attestieren.“ Wenn Resch zuhört, wirkt er fast abwesend und ein bisschen spröde. Wenn er spricht, wird er zu einem eindringlichen Kämpfer für den kleinen Mann mit der Wohnung an der Hauptverkehrsstraße. Er klingt dann sehr kampfeslustig. In den USA, sagt er dann, da würden Manager für die Abgasüberschreitungen ihrer Autos ins Gefängnis kommen und in Deutschland gebe es Politiker, die sich damit rühmen, bei Abgasvorschriften ein Auge zuzudrücken. „Was machen Sie bei einem Bankraub, wenn Sie feststellen, dass die Polizei die Bank ausraubt?“ Dann habe die Zivilgesellschaft die Aufgabe, für Gerechtigkeit zu sorgen. Resch macht das, indem er immer und immer wieder klagt. Gegen die Konzerne. Gegen den Staat. 18 Verfahren laufen, 42 sind vorbereitet.

Manchem Zeitgenossen erscheint Reschs Auftreten anmaßend, doch das wird ihm nicht gerecht. Der Mann mit den schneeweißen Haaren und der viereckigen Brille liebt den Disput. Er redet gern Klartext, aber „ganz ohne Schaum vor dem Mund“. Er weiß, jede falsche Behauptung landet im Zweifel vor Gericht. Seit drei Jahrzehnten führt er den gemeinnützigen Verein, den Gerhard Thielcke Mitte der 1970er Jahre gegründet hat. „Wir kämpfen für saubere Luft. Das gehört schon immer zu unseren Kernzielen“, sagt Resch. Es ist seine Agenda im Abgasskandal. Sie klingt fast banal.

Jürgen Resch ist in Friedrichshafen aufgewachsen. Jetzt lebt er in Radolfzell. Doch wenn man durch das ganze Land reist, um ein Verfahren nach dem anderen durchzufechten, ist man natürlich selten zu Hause. „Vergangene Woche habe ich einen seltenen Pluspunkt bei meiner Frau gesammelt.“ Ein Verfahren in Schleswig hat nur einen statt zwei Tage gedauert. Da konnte er einen Tag länger Zuhause zu sein. „Es war ein anspruchsvolles Jahr“, sagt er.

Ein jahrzehntelanger Kampf

Die Landschaft am Bodensee habe früh das Interesse für seine  Um- und Mitwelt geweckt. Jungvögel habe er aufgepäppelt, eine Igelstation betreut, sich später im Ortsverein des BUND und in der DUH engagiert. Schließlich fragte ihn ein Verantwortlicher, ob er nicht einsteigen wolle als Referent mit Aussicht auf einen Leitungsjob. Resch willigte ein und baute den Verein, der vor allem durch sein Informationsmaterial zu Wasser, Boden, Luft oder Waldschäden bekannt war, kontinuierlich aus.

Im Jahr 2017 erhielt die DUH so viel Aufmerksamkeit wie nie. Kritiker werfen ihr vor, auf den Abgas-Skandal aufgesprungen zu sein. Tatsächlich setzte der Verband schon vor 20 Jahren zusammen mit der Autoindustrie und gegen die Mineralölkonzerne schwefelarmen Kraftstoff durch. „Ein gigantischer Erfolg.“

2003 startete die DUH zur Internationalen Automobilausstellung (IAA) eine Kampagne für Rußpartikelfilter. Resch und seine Mitstreiter verteilten an die Autobauer – je nach Filter-Ausstattung – grüne, gelbe und rote Karten.

Und den heutigen Abgasskandal sah die Umwelthilfe bereits im Jahr 2007 voraus. Damals konfrontierte die DUH die Autobranche zur IAA mit massiven Vorwürfen: Sie umgingen die Abgasvorschriften mit Abschalteinrichtungen. ­Zykluskennung hieß dies damals. Die Fahrzeuge hielten nur im Zulassungstest die Schadstoffnormen ein.

Resch kann mit Dutzenden solcher Vorfälle aufwarten. „Ich habe nichts gegen den Diesel“, sagt er. Technisch könnte er längst sauber sein. Wenn aber offizielle Quellen zeigten, dass vom Start der Euro-1- bis zum Start der Euro-6-Norm mehr Schadstoffe aus den Auspufftöpfen strömten als zuvor, müsse das thematisiert werden. Da meldet sich sein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit, den er von seinem Vater geerbt habe. „Er hielt daran fest, selbst wenn das mit persönlichen Nachteilen verbunden war“, sagt er. Deshalb zieht der 57-Jährige vor die Gerichte, wohl wissend, dass Recht und Gerechtigkeit nicht das gleiche sind, und Einzelne es selten wagen, mit Weltkonzernen einen Rechtsstreit auszufechten.

Nach Opel, Daimler, VW samt Töchtern hat er sich jetzt mit BMW angelegt. Im Ausland unterstützte die DUH mit ihren Testergebnissen Partnerorganisationen, die sich General Motors, Renault oder Nissan vorknöpften. Mit dem Bundesverkehrsministerium und dem für die Pkw-Zulassung zuständigen Kraftfahrtbundesamt kreuzt er auch die Klingen.

Die DUH hat seit 2012 erfolgreich gegen Darmstadt, Düsseldorf, Berlin, München, Reutlingen und Stuttgart geklagt, die es seit Jahren gegen alle Vorschriften versäumen, für bessere Luft zu sorgen. Die Bürger hätten ein Anrecht darauf. 90 deutsche Kommunen hielten die Luftreinhaltewerte nicht ein. Die DUH vermutet, dass die Menschen in 300 Gemeinden zu stark belastete Luft einatmen. „Dort wird nur nicht gemessen“, sagt Resch.

Dabei haben alle Verwaltungsgerichte bestätigt, dass die Gesundheit der Bürger vorgeht. Sie fordern Fortschritte, im Zweifel auch Diesel-Fahrverbote. Doch nicht alle interessiert das. „Der Freistaat Bayern ignoriert seit 2012 Urteile, selbst einen Beschluss des Verwaltungsgerichtshofs“, sagt Resch. Die DUH versucht Zwangsgelder zu erwirken. Wenn sie sich durchsetzt, könnte dem Kabinettsmitglied, das man für die Versäumnisse verantwortlich machen kann, Ende Januar 2018 Zwangshaft drohen.

Ihr Engagement vor Gericht hat der Umwelthilfe einen Ruf eingebracht: Prozesshansel seien Resch und seine Kollegen, die DUH ein Abmahnverein. Vorwürfe wie von BMW, Autos in „untypischen Fahrweisen“ zu testen,  „bekommen wir immer“,  sagt Resch. „Wenn wir so messen würden, müssten wir rasch Insolvenz anmelden.“ Da genügt eine verlorene Klage auf Schadenersatz. Das Budget des Verbands beträgt gut acht Millionen Euro. Privat wäre Resch auch ruiniert. Den Geschäftsführer setzen die Autokonzerne stets mit auf die Anklagebank. Fehler kann sich die kleine Truppe nicht erlauben, wiewohl Resch einräumt: „Natürlich machen wir welche.“

Mit Attacken geht er offen um

Mit persönlichen Anfeindungen und angeblichen Enthüllungen geht der Mann vom Bodensee offen um. „Ja“, sagt er, „ich habe das Studium der Verwaltungswissenschaften nicht abgeschlossen. Ich schmücke mich also nicht mit falschen Titeln.“  Ja, der japanische Autobauer Toyota sei ein Sponsor der DUH. Der untere fünfstellige Betrag unterstütze etwa den europäischen Klimaschutzpreis, den sein Verband vergebe, und die jährliche Umfrage, mit welchen Dienstwagen Minister in Bund und Ländern kutschiert werden. Nein, er verfüge nicht über ein geheimes Netzwerk, sei aber gut vernetzt, und sein Verein sei auch nicht ferngesteuert. Ja, die DUH habe nur 270 stimmberechtigte und 2500 Fördermitglieder. Doch so sei sie gegründet worden. Greenpeace werfe man, wenigstens zurzeit, auch nicht vor, noch weniger Mitglieder zu haben. Und natürlich sei er offen für Gespräche mit Unternehmen, Politikern, Behörden und Bürgern.

„Wir wollen an unserem Kampf für saubere Luft, unbelastetes Wasser, gesunde Böden, schonenden Umgang mit Ressourcen gemessen werden“, sagt Resch.  Ein Argument zu Autoabgasen darf nie fehlen. Also dann: Studien zeigen, dass in Europa pro Jahr mehr als 400 000 Menschen vorzeitig an den Folgen der Schadstoffbelastung sterben. Schlechte Luft erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen.

Internationales Engagement

Viel Aufhebens um seine Person macht Jürgen Resch nicht. Der am 31. März 1960 in Plochingen geborene Vater dreier Kinder setzt sich international für den Erhalt der Artenvielfalt auf unserem Planeten ein. Er ist Mitbegründer der Stiftung Euronatur, der Bodensee-Stiftung und des Global Nature Fund. Dessen Projekt Lebendige Seen (Living Lakes) liegt ihm sehr am Herzen. Er gründete die europäische Expertenplattform Mehrwegschutz. Dass der Wildlandpark im südafrikanischen St. Lucia und das Okovango Delta in Botswana zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt wurden, geht auf seine Initiative zurück. fm

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