Gesundheit Der kurze Schlaf am Arbeitsplatz

Berlin / Dorothee Torebko und Dieter Keller 13.08.2018

Es ist 13 Uhr, das mitgebrachte Butterbrot ist verspeist und das Büro ist wegen der Mittagspause leise und leergefegt. Jetzt kurz für 20 Minuten den Kopf auf dem Schreibtisch ruhen lassen, die Augen schließen und einnicken – das wär’s. Doch leider ist das Nickerchen in vielen deutschen Unternehmen verpönt. Ein Unding, meinen Schlafforscher. Denn es hebt nicht nur die Stimmung, sondern steigert auch die Leistungsfähigkeit.

Der Schlafmediziner Ingo Fietze von der Berliner Charité kann über die Mentalität in den Firmen nur den Kopf schütteln. „Das Nickerchen ist gesünder als die zehnte Tasse Kaffee am Tag. Wenn man Leuten ihre Zigarettenpause zugesteht, warum dann nicht eine Schlafpause?“, fragt der Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums. Unternehmen müssten Arbeitnehmern Schlafräume zur Verfügung stellen. Denn wer minutenlang einschlummert, der ist gesünder und produktiver.

Das haben Studien bewiesen. 2007 veröffentlichten Mediziner aus Athen und der US-Elite-Universität Harvard eine Erhebung, bei der die Schlafgewohnheiten von 23 000 Griechen untersucht wurden. Teilnehmer, die eine Siesta einlegten, konnten sich mehr merken als ihre wachbleibende Vergleichsgruppe. Außerdem stellten die Wissenschaftler fest: Wer sich dreimal pro Woche für mehr als eine halbe Stunde hinlegt, verringert das Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben, um 37 Prozent. Vergleichbare Studien gibt es in Deutschland bisher nicht.

Powernapping

Dabei ist Schlaf nicht gleich Schlaf. Fietze unterscheidet zwischen dem bis zu 30-minütigen Nickerchen und dem Mittagsschlaf, der bis zu 1,5 Stunden dauern kann. Beide machen vor allem dann Sinn, wenn die Schläfer nachts nach 5 Stunden aus dem Bett gescheucht werden. „Der Mensch braucht sieben Stunden. Dabei ist es egal, ob er sie sich gesplittet holt oder nachts am Stück“, erläutert der Berliner Mediziner. Jan Teut, der ein Ingenieurbüro für Windkraftanlagen in Brandenburg betreibt, ist Befürworter des Powernapping (Englisch für Schläfchen, um Kraft zu tanken). „Wenn ein Mitarbeiter auf mich zukommt und das gern ausprobieren möchte, weil er sich nach dem Nickerchen fitter fühlt, sage ich nicht Nein.“ Auch bei Lufthansa sollen sich die Piloten zum Ausruhen einen Powernap gönnen.

„Wenn es der Arbeitgeber mitmacht, dürfen Sie alles“, beleuchtet Roland Wolf vom Arbeitgeberverband BDA die rechtliche Seite. Im Prinzip muss ein Angestellter in der Arbeitszeit immer arbeitsbereit sein – es sei denn, er hat Pause. Die steht ihm nach dem Gesetz spätestens nach sechs Stunden zu. Ob die mindestens 30 Minuten, die dann mindestens fällig sind, fürs Mittagessen, für Einkäufe oder für Powernapping genutzt werden, kann jeder frei entscheiden.

Doch wo schlafen, wenn der Arbeitnehmer keinen Raum offeriert? Das Unternehmen „Nickerchen“ aus Berlin hat eine Lösung. Inmitten eines Bürokomplexes zwischen Optiker und Blumenladen können gestresste Hauptstädter sich eine halbe Stunde lang für 15 Euro aufs Ohr hauen. Wer in seiner Stadt keinen solchen Ort hat, der muss sich nicht nur mit seiner harten Tischplatte begnügen. Im Internet können Schlafsuchende ein Powernapping-Kissen bestellen. Das gibt es für 79 Euro und sieht aus wie ein antiker Taucherhelm aus Stoff. Den ziehen die Angestellten über den Kopf, an der Seite stecken sie ihre Hände rein, legen den Kopf auf die Platte und schon geht die Träumerei los. Wem das zu teuer ist, bekommt für knapp die Hälfte eine lichtundurchlässige Kombination aus Schlafmaske und Kissen.

Fehlende Akzeptanz

Für Windkraftanlagen-Ingenieur Jan Teut wäre das keine Option. Er befürchtet, dass sich zu viele vom auf dem Tisch ruhenden Schläfer anstecken lassen und dann das Büro für eine halbe Stunde stillstehen würde. „Der kurze Schlaf wird mit Faulheit assoziiert“, begründet Mediziner Fietze die fehlende Akzeptanz. Der Forscher schlägt vor: „Betriebe müssen Angestellten, die länger als sieben Stunden schlafen, eine Prämie zahlen.“ In den USA gibt es das bereits. Da kontrollieren die Firmen das mit einer App. Wer nicht auf die Stundenzahl kommt, muss seinen Kopf für paar Minuten auf den Schreibtisch sinken lassen – und ins Land der Träume entfliehen.

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