Der Krach um den Lärm

Stau auf der Piste: So voll ist es am Flughafen München trotz Wachstums und immer mehr Abflügen selten. Foto: dpa
Stau auf der Piste: So voll ist es am Flughafen München trotz Wachstums und immer mehr Abflügen selten. Foto: dpa
IRIS HILBERTH 21.04.2012
Gegner und Befürworter der geplanten dritten Startbahn am Flughafen München werden lauter. Im Juni gibt es einen Bürgerentscheid. Die Menschen, die in der Nähe wohnen, dürfen aber nicht mitstimmen.

Ein leidenschaftlicher Fußballfan verzeiht seinem Verein vieles. In guten wie in schlechten Zeiten. Dieter Janecek aber ist richtig sauer, nicht wegen verschossener Elfmeter oder einem verlorenen Finale. Für den Landesvorsitzenden der Grünen geht es um Lärm, um Abgase, um Bodenversiegelung, um Wegzüge und um Dörfersterben. Es geht um die geplante dritte Startbahn des Münchner Flughafens. Und dass ausgerechnet sein Verein, der FC Bayern - und übrigens auch der TSV 1860 - sich dem Bündnis der Befürworter eines solchen Ausbaus angeschlossen hat, findet er, der aus Liebe zu den Roten als Bub sogar in FC-Bayern-Bettwäsche schlief - unerhört.

Als das Bündnis der Ja-Sager sich vor einigen Wochen gründete und mit dem Logo der Fußballer warb, schrieb Janecek erzürnt in seinem Internet-Blog an den "Lieben FC Bayern München: Du bist ein Fußballverein und keine politische Kampforganisation, dachte ich immer." Er wolle den Verein nicht weiter unterstützen und kündigte das Ende seiner Mitgliedschaft an.

Janecek hat einigen Beifall für seine Entscheidung erhalten. Aber auch Beschimpfungen. Die Emotionen in der Region München kochen hoch, wenn es um die Erweiterung des Flughafens im Erdinger Moos geht. Der Flughafen sei sehr viel schneller an seine Kapazitätsgrenze gestoßen als vermutet, sagt Geschäftsführer Michael Kerkloh. "Wir planen mit sehr moderatem Wachstum, aber es ist völlig klar, das es dieses Wachstum geben wird, weil das Mobilitätsverhalten mit steigendem Wohlstand wächst." Es ist ein Aprilabend im Münchner Augustiner-Keller und Kerkloh wirbt in einer wortgewandten Rede für den 1,2 Milliarden Euro teuren Ausbau seines Flughafens, der weiter in der Championsleague spielen wolle, der Arbeitsplätze schaffe und eine Visitenkarte für München und Bayern sei. Der Beifall ist ihm sicher, die rund 350 Menschen, die hier auf Einladung der Bürgerinitiative "München pro 3. Startbahn" zusammengekommen sind, sagen eh "Ja".

Es sind noch genau zwei Monate bis zum Bürgerentscheid. Am 17. Juni stimmt München darüber ab, ob die Stadt in den zuständigen Gremien der Flughafen GmbH - ohne sich an den Kosten zu beteiligen - dem Projekt zustimmt. So lautet die Frage des Ratsbegehrens. Das Bürgerbegehren zur Verhinderung der dritten Startbahn stellt gleichzeitig zur Abstimmung, ob die Stadt alle Möglichkeiten nutzen solle, um den Bau zu verhindern. Die Stadt München ist zu 23 Prozent an der Flughafen-GmbH beteiligt, 51 Prozent gehören dem Land, der Rest dem Bund. Nur wenn alle drei Gesellschafter zustimmen, kann die Startbahn auch gebaut werden.

Das Bündnis der Befürworter hatte sich gegründet, weil "die Argumente der Startbahngegner schon viel zu lange öffentlich präsent sind", wie Sprecher Bernhard Loos findet. Er ist überzeugt davon, "die schweigende Mehrheit" hinter sich zu haben. Der Flughafen habe der Region und der Stadt einen Aufschwung beschert, der noch in den 70er Jahren nicht für möglich gehalten worden sei. Mit der dritten Startbahn würde München ein echtes Drehkreuz, könne bessere Verbindungen schaffen und unnötige Flugbewegungen sowie Warteschleifen einsparen.

Das finden sowohl die Stadtratsfraktionen von SPD, CSU und FDP als auch verschiedene Wirtschaftsunternehmen und Einzelpersonen. Sogar Extrembergsteiger Reinhold Messner zählt zu den Unterstützern. Die großen Münchner Konzerne, die das Bündnis mit ins Boot holen wollte, halten sich hingegen zurück. Zu den 2000 Fans auf Facebook und 500 Mitgliedern der "Bürgerinitiative München pro 3. Startbahn", die mit einer Million Euro von der Flughafengesellschaft unterstützt wird und eine große Werbeagentur mit der Kampagne beauftragt hat, zählt bislang keines der ganz großen Unternehmen. Wegen der "Boykottaufrufe" der Startbahngegner sei das schwierig, heißt es bei den Bündnis-Organisatoren.

Vergleichsweise bescheiden fällt das Budget der Ausbaugegner aus. Rund 60 000 Euro haben sie für ihren Kampf um den Erhalt ihrer Heimat, ihrer Lebensqualität und ihrer Gesundheit gesammelt. Sie wissen die Grünen hinter sich, auch die Freien Wähler.

Die SPD hat derzeit ein großes Problem bei diesem Thema. Denn deren designierter Spitzenkandidat für die Landtagswahl, Christian Ude, ist als Münchner Oberbürgermeister bekennender Startbahnbefürworter, während sein Landesverband sich dagegen ausgesprochen hatte. Mit dem Bürgerentscheid will Ude aus dieser Bredouille herauskommen. Denn wie auch immer die Entscheidung am 17. Juni ausfällt, die SPD kann dann argumentieren, dass diese schließlich Bürgerwille sei. Allerdings: Die tatsächlich betroffenen Menschen in den Gemeinden nördlich von München dürfen gar nicht mit abstimmen. Der Bürgerentscheid ist eine reine Angelegenheit der Münchner, da es um die Positionierung der Stadt in der Flughafen-GmbH geht.

In Fahrenzhausen, wenige Kilometer westlich des Flughafens, stößt das auf Unverständnis: "Es ist doch kein demokratisches Verfahren, wenn die betroffenen Bürger nicht gefragt werden" Was wissen die Münchner schon über ihre Sorgen und Nöte hier in der lauten Einflugschneise? Gut 300 Mal am Tag donnern die Flugzeuge über den Ort hinweg, mit der dritten Startbahn würden es doppelt so viele.

In dem Ort, der den Protest an jeder Straßenecke mit großen Plakaten sichtbar macht, ist der Grüne Landtagsabgeordnete Christian Magerl als Redner zu Gast, einer der sich an die Spitze der Bewegung gesetzt hat. Die dritte Startbahn sei überflüssig, weil es weitaus weniger Flugbewegungen gebe als prognostiziert, sagt er, ein weiterer Ausbau sei "reiner Größenwahn".

Auch sei die Finanzierung "völlig ungeklärt". "Wir haben die Argumente auf unserer Seite", sagt er und verweist auf Artikel 151 der Bayerischen Verfassung: "Die wirtschaftliche Freiheit des Einzelnen findet ihre Grenze in der Rücksicht auf den Nächsten und auf die sittlichen Forderungen des Gemeinwohls."

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