Essay Der Islam im Krieg gegen sich selbst

Mit der Geiselnahme in der großen Moschee in Mekka 1979 (gefangene Geiselnehmer) begann das Wüten sunnitischer Terroristen.
Mit der Geiselnahme in der großen Moschee in Mekka 1979 (gefangene Geiselnehmer) begann das Wüten sunnitischer Terroristen. © Foto: Katharina Eglau, afp  
Kairo / MARTIN GEHLEN 24.10.2015
Seit 36 Jahren befindet sich der Islam gegen sich selbst. Die Auseinandersetzung gipfelt in der Zerstörung, die wir gerade im nahen Osten beobachten können. Die Anatomie einer kulturellen Katastrophe. Ein Essay von Martin Gehlen

Im Westen ist das Datum längst vergessen, für die Welt des arabischen Islam aber war der 20. November 1979 eine Zäsur mit katastrophalen Folgen. Mit ihr begann - wie es Navid Kermani bei seiner Friedenspreisrede in Frankfurt formulierte - der Krieg des Islam gegen sich selbst, der fast vollständige Bruch mit seiner Tradition, der Verlust des kulturellen Gedächtnisses, seine zivilisatorische Amnesie. Der multiethnische, multireligiöse und multikulturelle Orient sei untergegangen, diagnostizierte Kermani, "den ich in seinen großartigen literarischen Zeugnissen aus dem Mittelalter studiert und während langer Aufenthalte in Kairo und Beirut, als Kind während der Sommerferien in Isfahan (. . .) als eine zwar bedrohte, niemals heile, aber doch quicklebendige Wirklichkeit lieben gelernt habe".

Am 20. November 1979 besetzten 500 radikale Gotteskrieger die große Moschee in Mekka. Zwei Wochen dauerten die Kämpfe, hunderte Pilger starben, am Ende lag das zentrale Heiligtum des Islam teilweise in Trümmern. Das saudische Königreich, die Heimat des Propheten Mohammed, war bis in die Grundfesten erschüttert und reagierte mit einem ebenso fundamentalen wie folgenschweren Kurswechsel. Die Gewalttäter exekutieren, ihre geistigen Brandstifter dogmatisch befrieden, lautete die doppelte Marschroute.

Und so wurde in punkto sittlicher Strenge und religiöser Eindeutigkeit kräftig nachgearbeitet. Fortan ging ein Drittel der Schul- und Studienzeit mit Koranauslegung und Scharia-Unterricht drauf. Statt Vokabeln zu lernen und sich Formeln einzuprägen, büffelten saudische Schüler heilige Suren und Episoden aus dem Leben des Propheten. Frauen mussten sich verschleiern, Männer ließen sich Bärte wachsen, selbst auf den Dörfern erschienen plötzlich Religionspolizisten. Bald waren die Jungen konservativer als die Alten.

In der Religionsgeschichte gehört der Nahe und Mittlere Osten zu den kreativsten und farbigsten Regionen der Welt. Hier lebten Menschen fast aller muslimischen, christlichen und jüdischen Glaubenskulturen zusammen. Über Jahrtausende hinweg entwickelte sich ein faszinierendes Ineinander von Gottesdienst und Kulturen, von Gelehrsamkeit und Dialog, von Bräuchen und Festen. Mit der innersaudischen Wende vor 35 Jahren jedoch begann das religiöse Koordinatensystem des Nahen Ostens immer heftiger zu oszillieren - zwischen dem alten Pol der gelassenen Pluralität und dem neuen Pol der ultraorthodoxen Eindeutigkeit. Für die einen ist Vielfalt im Glauben ein Reichtum, für die anderen ein Missstand - ein Antagonismus, der mittlerweile alle Gesellschaften des Nahen Ostens zerreißt. Denn im Zentrum dieses innerislamischen "Krieges gegen sich selbst" steht das Verhältnis von Kultur und Religion.

Je monolithischer und dogmatischer das fromme Gehabe, desto dekulturierter, argumentiert der französische Islamforscher Olivier Roy und spricht von einer Dekulturation des Religiösen. Vor allem der salafistisch-wahabitische Islam, der nach 1979 in Saudi-Arabien mit aller Staatsmacht neu eingeschärft wurde, ist dezidiert kulturfeindlich und anti-intellektuell. Kultur gilt als unberechenbarer und verführerischer Gegenspieler der reinen Rechtgläubigkeit. Kulturelle Vielfalt ist eine Bedrohung, sie verunklart und verwässert die angeblich eindeutige Botschaft des Koran sowie die gottgegebenen Moralregeln aus der goldenen Vergangenheit des Propheten und seiner Mitstreiter.

Ihre verheerende regionale Wirkung konnte diese hermetische Version des Islam vor allem entfalten, weil sie besonders leicht zu exportieren ist. Sie ist mit keiner Hochkultur verwoben, braucht kaum kulturelle Kontexte und entlastet ihre Anhänger von komplexen, vielschichtigen Aneignungsprozessen. Die fundamentalistischen Missionare der Arabischen Halbinsel locken Glaubenskunden mit einer Handvoll simpler religiöser Marker, mit denen sich ihre Rechtgläubigkeit demonstrieren lässt - in den arabischen Ländern entlang des Mittelmeers genauso wie zunehmend auch in Europa. Mit schnellem Sprung befindet sich der neu Erweckte in einer übersichtlich-strenggläubigen Welt von Eindeutigkeit und Orientierung, mit vermeintlich klaren Unterscheidungen zwischen Gläubigen, Ungläubigen und Irrgläubigen. Die 30 000 ausländischen IS-Krieger in Syrien und im Irak, von denen mindestens 6000 aus Europa, Amerika oder Australien stammen, sind dabei nur ein kleiner, wenn auch besonders virulenter Ausschnitt.

Dagegen lässt sich der inkulturierte Islam charakterisieren als eine mit ihrer Umgebungskultur untrennbar verwobene Glaubenspraxis. In seinem Buch "Die Kultur der Ambiguität" arbeitet der Münsteraner Islamforscher Thomas Bauer heraus, wie positiv fasziniert die islamische Theologiegeschichte in früheren Jahrhunderten von Gegensätzen, geistigen Spannungen, Pluralität und Widersprüchen war. Es dominierte nicht der Wunsch nach einer eindeutigen, unumstößlichen Wahrheit, sondern die Faszination am Vieldeutig-Schillernden, auch verstanden als Indikator für die Grenzen menschlichen Begreifens angesichts der göttlichen Fülle.

Die Wertschätzung von Ambiguität ist eine ausgesprochene Fähigkeit von Hochkultur, sie setzt breites Lernen und tiefe geistige Kenntnisse voraus. Man fühlt sich angezogen und stimuliert von dem, was anders ist, was nicht zusammenpasst. Das macht das Ideal der Ambiguität zu einem Instrument von Toleranz und praktizierter Pluralität.

Seit einer Generation nun wächst in der religiösen Realität des Nahen Ostens der militante Druck dekulturierter Varianten auf die alteingesessene, inkulturierte Lebenspraxis des Islam. Der Schwerpunkt der religiösen Vielfalt lag stets in den Staaten entlang des Mittelmeers und Mesopotamiens, die eine vielschichtige, facettenreiche und tief gestaffelte Kultur- und Religionsgeschichte haben - also Nationen wie Syrien, Libanon, Ägypten, Palästina und Irak.

In diesen Traditionen wird religiöse Praxis von den Eltern an ihre Kinder mimetisch weitergegeben, also vorlebend und nachahmend, und damit zutiefst kulturell getränkt und verwurzelt. In solchen Milieus gehörte die gegenseitige Toleranz zwischen Muslimen, Christen und Juden zum Alltag, weil sich die lokalen Glaubenden durch gemeinsame kulturelle Wurzeln miteinander verbunden fühlten. So berichtete der syrische Intellektuelle Samir Altaqir, in seiner Kindheit vor 60 Jahren seien syrische Juden bei seelischen Problemen bisweilen lieber zum lokalen Scheich als zu ihrem Rabbi gegangen, weil die Scheichs in ihren Augen weltoffener waren.

Dagegen entwickelte sich die Golfregion seit 1979 zu einer Drehscheibe religiöser Militanz mit Saudi-Arabien im Zentrum. Der Missionsdruck salafistischer Prediger mit ihrer puritanischen, anti-modernen Einheitssaga, geschmiert mit Öl-Milliarden, war hoch und zeigte Wirkung. Heerscharen ägyptischer Wanderarbeiter kehrten in den 80-er und 90-er Jahren mit Geld in den Taschen und einem anderem Islam im Kopf aus Saudi-Arabien in ihre Heimat zurück. Als Folge wuchs auch in den Mittelmeeranrainern der Trend zu Intoleranz, Ausgrenzung von Minderheiten und kultureller Monotonie.

Entfesselt durch den Arabischen Frühling zogen Salafisten dann eine Spur der Verwüstung durch Ägypten, Libyen und Tunesien, der hunderte von Sufi-Stätten, Friedhöfen und Pilgermausoleen zum Opfer fielen, ein düsterer Prolog zu der kulturellen Apokalypse, die der "Islamische Staat" jetzt in Syrien und Irak anrichtet. "Kairo schreibt, Beirut publiziert und Bagdad liest", hieß einmal ein arabisches Bonmot. Heute gelten diese traditionellen Kulturmetropolen sämtlich als Krisen- oder Kriegsgebiete - Damaskus, Aleppo, Kairo, Beirut, Bagdad. In Ägypten gewannen die Salafisten nach dem Arabischen Frühling bei der einzigen freien Parlamentswahl 2012 auf Anhieb ein Viertel aller Mandate. Selbst der aktuelle Krieg im Jemen hat seine Wurzeln in der Salafistenmission. Schon bald nach 1979 schickte Saudi-Arabien seine radikalen Prediger ins südliche Nachbarland, wo sie religiösen Unfrieden säten und die Gründung der Houthi-Bewegung provozierten.

Mit dem Wüten des "Islamischen Staates" ist der sunnitische Islam nun, 35 Jahre nach der fatalen Entweihung von Mekka, am absoluten Tiefpunkt angekommen, auch weil die sunnitische Gelehrsamkeit dieser militanten Ausrottung der eigenen Tradition spirituell und geistig nichts entgegenzusetzen hat. Herkömmliche Theologie und Koranausbildung sind den modernen Herausforderungen nicht gewachsen. Die meisten Fatwas beschäftigen sich mit realitätsfremden Trivialitäten. Das Bildungsniveau der Prediger ist viel zu oft miserabel. Viele sind staatlich alimentierte Religionsbeamte, die nur ihren Status genießen und ihre angeblich gottgegebene Autorität zelebrieren.

Entsprechend defensiv wirkt die islamische Geistlichkeit des Nahen Ostens, hilflos und unfähig, in dieser Megakrise Orientierung zu geben und den IS-Wahn erfolgreich zu diskreditieren. Ahmad Mohammad al Tayyeb, der oberste Gelehrte von Kairos Universität Al Azhar, die sich gerne in dem Ruf der wichtigsten Lehranstalt des sunnitischen Islam sonnt, nennt den "Islamischen Staat" bei jeder Gelegenheit eine "zionistische Verschwörung", die die arabische Welt auf die Knie zwingen soll. Eine breite innermuslimische Debatte zu den geistigen Wurzeln der Radikalen findet nicht statt. Und Millionen von Muslimen in Nahost tun mit Verweis auf die innere Pluralität ihrer Religion so, als wenn sie das alles nichts anginge.

Sunnitische Muslime sollten ihre übliche Reaktion "Das ist nicht der wahre Islam" als sinnlos aufgeben, forderte der türkische Intellektuelle Gökhan Bacik in einem Essay mit dem Titel "Was ist los mit dem sunnitischen Islam?" In seinen Augen ist die Megakrise nur zu bewältigen mit einer neuen sunnitischen Theologie, die künftig jede Gewalt kategorisch ablehnt. "Es reicht nicht aus, radikale Gruppen als pathologische Fälle abzutun", argumentiert er. "Wir müssen versuchen zu verstehen, warum unsere Lehrtradition diese Leute so nährt, wie sie es tut."

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