Nach Chemnitz Groll auf Fremde - wie rechts ist Sachsen?

Chemnitz / Christine Keilholz 28.08.2018
Die Vorfälle in Chemnitz sind nicht die ersten Nachrichten, die einen aufhorchen lassen.

Am Tag nach dem verhängnisvollen Sonntag herrscht in Chemnitz blankes Entsetzen. Am Ort, wo ein 35-Jähriger getötet wurde, liegen Blumen, halten Menschen inne. Am Abend dann prallen erneut zwei Welten aufeinander: Die einen wollen Zeichen setzen für das andere, das bunte Sachsen. Die anderen wollen den Tod des Mannes für ihre Zwecke nutzen. Tausende rechte Demonstranten und Gegendemonstranten stehen sich am Abend gegenüber, von der Polizei getrennt.

Die Staatsanwaltschaft Chemnitz ermittelt gegen einen 23-jährigen Syrer und einen 22-jährigen Iraker, mehrfach ohne Grund auf das Opfer eingestochen zu haben. Ein Toter, zwei Schwerverletzte und zwei festgenommene Ausländer – aber dabei blieb es nicht bei diesem Stadtfest. Auf die Bluttat nach einem Gerangel mitten in der Nacht folgte eine Welle der Gewalt, die am Sonntagabend durch die Innenstadt schwappte. Plötzlich sah sich die Polizei 800 Rechtsextremen und Hooligans samt Mitläufern gegenüber, die sich spontan eingefunden hatten. Videos zeigen, wie Teilnehmer Jagd auf Menschen machen. Die Polizei, zunächst nur mit 50 Leuten vor Ort, musste Verstärkung aus Leipzig und Dresden rufen.

Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) findet kaum Worte für das, was sich auf ihrem Stadtfest abgespielt hat. Sie sieht ihre Stadt nun da, wo schon viele sächsische Orte standen: Im Fokus von allgemeiner Empörung und Entsetzen, weil sich plötzlich Wut und Gewalt gegen Ausländer gerichtet entladen.

Schläger gegen Flüchtlinge

So geschah es in Heidenau, wo sich Rechtsradikale vor einer Asylunterkunft Straßenschlachten mit der Polizei lieferten. Oder in Freital, wo ein von Pegida-Einpeitschern aufgehetzter Mob vor dem Flüchtlingsheim grölte. Oder in Bautzen, wo nächtelang rechte Schläger einfielen, um sich junge Flüchtlinge vorzuknöpfen.

Chemnitz ist ein anderer Fall. Die drittgrößte Stadt und Industrie-Metropole Sachsens ist kein kleines Nest. Die Stadt, die früher Karl-Marx-Stadt hieß, steht mit vielen kleinen Unternehmen für merkantilen Fleiß und für bunte Urbanität. Chemnitz fehlt zwar der Glamour Dresdens und die Coolness Leipzigs, aber hier wird Geld verdient und gut gelebt.

Doch gegen die Stoßtrupps der organisierten Rechtsradikalen konnte sich die Stadt an diesem Wochenende nicht wehren. Landesinnenminister Roland Wöller (CDU) nannte die Gewalt „unerträglich“ und bat seinerseits um Besonnenheit. „Wir haben Spekulationen, wir haben Mutmaßungen, wir haben Falschmeldungen und regelrechte Lügen im Netz“, so Wöller.

Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) leidet noch an den Reaktionen, die er in der vorigen Woche auf eine übereilte und voreilige Äußerung auf Twitter erhalten hat. Dabei will er keinesfalls die Fehler seines Vorgängers wiederholen. Stanislaw Tillich (CDU) brauchte seinerzeit Tage, um sich zu Vorfällen in Bautzen oder Heidenau zu äußern. Chemnitz ist für Kretschmer die erste Herausforderung, von der Tillich einige hatte. Es sei „widerlich, wie Rechtsextreme im Netz Stimmung machen und zu Gewalt aufrufen“, sagte er denkbar knapp.

Unterschwelliger Groll gegen Staat und Flüchtlinge

Die Sachsen gelten als konservativ, heimatverbunden und identitätsbewusst. Das hat es seit der Wende allerdings auch Predigern der radikalen Rechten einfach gemacht, im Freistaat Gehör zu finden. In den frühen 90er Jahren Schauplatz heftigster Auftritte von Skinheads, hatte sich die Situation über die Jahre beruhigt. Das änderte sich, als 2015 die ersten Flüchtlinge kamen.

Plötzlich entlud sich ein unterschwelliger Groll gegen den Staat und die Fremden. Plötzlich waren  die Glatzen und Stiernacken wieder da. In Sachsen betrat die islamfeindliche Pegida-Bewegung 2014 die Bühne – und in Sachsen könnte die AfD bei der Wahl in einem Jahr stärkste Kraft werden. Inzwischen hält die Hälfte das Land für überfremdet.

Chemnitz ist nun ein weiterer Ort in einer langen Reihe. Der SPD-Landtagsabgeordnete Albrecht Pallas sieht in Chemnitz „selbsternannte Heimatschützer“ am Werk, gegen die die Polizei konsequent vorgehen müsse.

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„Der Vielfalt der Stadt Ausdruck verleihen“

Wenig beachtet außerhalb Sachsens – Es gibt eine sehr lebendige Gegenbewegung zu Pegida und Co. Darüber sprach André Bochow mit dem Intendanten des Staatsschauspiels Dresden, Joachim Klement.

Am Samstag gab es im Rahmen der Aktion „So klingt Dresden“ das „Einsingen“ während des Saisoneröffnungsfestes ihres Theaters. Warum?
Joachim Klement:
Es war unter anderem eine Reaktion auf ein Treffen der Identitären Bewegung, die Dresden zur „Hauptstadt des Widerstandes“ erklären wollte und damit ganz bewusst mit Hitlers Inanspruchnahme von München als „Hauptstadt der Bewegung“ kokettiert. Wir finden das ungeheuerlich, unverschämt und dreist.

….die Identitären treten für ein Europa ohne Fremdeinflüsse auf.
...Und zwar unter dem Motto „Europa Nostrum“ – unser Europa. Wir wollten zeigen, dass ihnen weder Europa noch Dresden gehören. Es gibt verschiedene Bündnisse, wie „Weltoffenes Dresden“ oder  „Dresden.Respekt“, die immer wieder zu Veranstaltungen aufrufen. Und am Sonnabend haben wir Dresden zum Klingen gebracht. Bürger, Chöre, die Philharmonie haben ganz unterschiedliche Lieder intoniert, um der Vielfalt der Stadt Ausdruck zu verleihen.

Es ist nicht die erste Aktion, die ein Gegengewicht zu der Pegida-Stimmung in Dresden schaffen soll – was haben Sie noch gemacht?
Wir treten zum Beispiel am 13. Februar, dem Jahrestag der Bombardierung Dresdens, der Instrumentalisierung dieses Tages durch Rechtsextreme entgegen. Nicht nur bei dieser Gelegenheit besetzen wir den öffentlichen Raum. Mit Containern, die gern auch Pegida-Routen unterbrechen können. Und die besetzten Räume bespielen wir dann.

Wie reagieren die Dresdener auf die Aktionen?
Viel positiver, als man ­auße­r­halb Dresdens denken mag. Ich lebe seit mehr als einem Jahr in der Stadt und muss sagen, sie ist anders, als sie medial vermittelt wird. Die Mehrheit lehnt Pegida, die AfD und die Identitären ab. Aber diese Mehrheit muss noch sichtbarer werden. Denn die Art und Weise, wie hier von Nationalisten und Rassisten Hass gesät wird, ist sehr gefährlich.

Sie würden also nicht sagen, dass Dresden politisch gespalten ist?Es gibt schon einen Riss. Und es mischt sich einiges. Beispielsweise werden jetzt die Erfahrungen der Wiedervereinigung, mit all den Beschädigungen von Identitäten, in einer Weise diskutiert, wie das zuvor nicht der Fall war. In Dresden ist durch den Kohl-Besuch nach dem Mauerfall aus „Wir sind das Volk“ der Slogan „Wir sind ein Volk“ geworden. Von den späteren Enttäuschungen, die es neben den vielen positiven Veränderungen - und auf die man stolz sein kann – auch gegeben hat, profitieren nun vor allem AfD und Pegida.

Spiegelt  sich die Atmosphäre im Spielplan wider?
Sehr deutlich sogar. Allein zum Saisonbeginn spielen wir „Der Untertan“ nach Heinrich Mann und fragen nach dem deutschen Seelenzustand. Wir zeigen nach den Drehbüchern von Jurek Becker „Wir sind auch nur ein Volk“.  Da werden  Ost-West-Missverständnisse unterhaltsam reflektiert. Oder „Odyssee“  von Roland Schimmelpfennig. Die Geschichte eines Mannes der nach langer Zeit aus der Fremde zurückkommt.

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