Herr Prof. Spitzer, seit Jahren warnen Sie vor einer Verdummung unserer Jugend durch zu viel Konsum digitaler Medien. Niemand hat reagiert. Jetzt schlägt Ihr neues Buch ein wie eine Bombe. Wieso?

MANFRED SPITZER: Jede Mutter, jeder Vater sieht inzwischen tagtäglich die Auswirkungen digitaler Medien auf Kinder und Jugendliche. Es geht heute nicht mehr nur um die - mittlerweile fast lächerlich anmutenden - drei Stunden Fernsehen und deren Effekte auf Gewaltbereitschaft und Körpergewicht (beides nimmt zu). Junge Menschen verbringen 7,5 Stunden täglich mit digitalen Medien, eine Viertel Million sind internet- und computersüchtig und weitere 1,4 Millionen haben ein deutlich erhöhtes Risiko. Die Meinung, wir bräuchten noch mehr Medien, um dieser Gefahren Herr zu werden, entpuppt sich immer deutlicher als Werbetrick der reichsten Firmen der Welt, Google, Apple, Microsoft, IBM, Facebook etc., um noch reicher zu werden. Und weil in jedem Haushalt digitale Medien vorhanden sind, sollen sie jetzt auch noch an Kindergärten und Schulen in großem Stil vermarktet werden.

Was ist so schlimm daran?

SPITZER: Geistige Arbeit hinterlässt im Gehirn Spuren, seit über 100 Jahren spricht man nicht umsonst von Gedächtnisspuren. Die wichtigste Einsicht der Neurowissenschaft der letzten Jahrzehnte besteht nun darin, dass Verbindungen zwischen Nervenzellen, die benutzt werden, stärker werden, das Gehirn also durch seinen Gebrauch wächst. Bei Londoner Taxifahrern beispielsweise, die mehr als 25 000 Straßen und einige tausend Plätze auswendig lernen müssen, wächst während der Lernzeit das gehirneigene Navigationssystem. Umgekehrt weiß jeder, der ein Navi benutzt, dass er sich nicht mehr so gut auskennt. Wenn wir also geistige Arbeit in immer größerem Maße auslagern - digitale Medien nehmen uns diese ab -, dann hat dies negative Auswirkungen auf die Struktur unseres Gehirns, auf unsere Gehirn-Bildung. Man kann das Gehirn mit einem Muskel vergleichen: Wenn er benutzt wird, wird er größer. Jeder weiß, dass die Beinmuskeln verkümmern, wenn man zu viel Auto fährt und zu wenig Bewegung hat. Die Effekte digitaler Medien sind mindestens so gravierend wie die der Bewegungsverhinderer Auto, Fahrstuhl und Rolltreppe. Nur, dass die Auswirkungen unseren Geist betreffen.

"Digitale Demenz", das hört sich bedrohlich an. Was ist die zentrale Aussage des Buches?

SPITZER: Je besser diese Gehirn-Bildung erfolgt, desto leistungsfähiger wird der Geist. Demenz bedeutet wörtlich "geistiger Abstieg". Ganz allgemein ist klar: Wer absteigt, braucht um so länger, je höher er beginnt. Wer sich von einer Sanddüne zum Meer begibt, wird nicht lange brauchen, wer hingegen vom Mount Everest bis auf Meereshöhe absteigt, wird sich während eines großen Teils des Abstiegs noch auf großer Höhe befinden. Junge Menschen verbringen in Deutschland doppelt so viel Zeit mit digitalen Medien wie mit dem Schulstoff. Sie riskieren damit eine geringere Gehirn-Bildung und laufen Gefahr, beim Abbau von Nervenzellen (der mit dem Alter oder bei bestimmten Erkrankungen des Gehirns einsetzt) früher Symptome zu entwickeln. Sie werden also früher dement, und man hat Grund zur Annahme, dass es hier nicht um Monate, sondern um Jahre geht. Betrachten wir die Alzheimer Krankheit: Wer zweisprachig aufwächst und zeitlebens zwei Sprachen zumindest gelegentlich benutzt, bekommt die Symptome der Krankheit mehr als fünf Jahre später. Er hat mehr Spuren im Gehirn, sein Gehirn erfuhr mehr Bildung, und wenn dann Nervenzellen zugrunde gehen, kann der Rest dies deutlich besser ausgleichen. Man spricht von "kognitiver Reserve".

Prof. Klaus Peter Jantke vom Fraunhofer-Institut hat sich kritisch zu Ihren Aussagen geäußert. Die Hirne verkümmerten nicht. Im Gegenteil stimuliere der Umgang mit Computern das Hirn und erschließe ganz neue Areale. Das hört sich doch einleuchtend an?

SPITZER: Falsch ist es trotzdem. Wir wissen, dass die Bildschirmmedien bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr zu Sprachentwicklungsstörungen führen, in Kindergärten die Bildungsbiografie maßgeblich negativ beeinflussen, zu Aufmerksamkeitsstörungen sowie Lese- und Rechtschreibstörungen in der Schule führen. Wir wissen, dass eine Playstation in der Grundschule zu Schulproblemen und massivem Einbruch im Lesen und Schreiben führt. Wir wissen, dass ein Computer im Jugendzimmer - das zeigen unter anderem die PISA-Daten - die Schulleistungen verschlechtert. Das alles ist durch wissenschaftliche Untersuchungen belegt. Ebenso wissen wir, dass Facebook unterm Strich junge Menschen einsam und unglücklich macht und dass Computerspiele die Gewaltbereitschaft steigern sowie ein erhebliches Suchtpotential aufweisen. Die Gehirnforschung kann ergänzen, dass sie die gleichen Gehirnareale erregen wie harte Drogen, dass Multitasking zu Aufmerksamkeitsstörungen führt und googeln zu Gedächtnisproblemen.

Unsere Kinder sind doch nicht dümmer als die Generation davor. Vielleicht nutzen sie ihre Hirne anders und entlasten den Kopf mithilfe von Computern von unnötigem Ballast?

SPITZER: Ich bin Arzt und weiß eines: Wenn etwas Wirkungen hat, dann gibt es auch stets Risiken und Nebenwirkungen. Positive Effekte werden oft behauptet, verkehren sich jedoch bei genauerem Hinsehen oft in ihr Gegenteil. Die so genannten Digital Natives, also die 15-Jährigen, die gar nicht mehr wissen, wie die Welt ohne digitale Medien aussah, würden mit den neuen Medien besser umgehen und im Netz besser suchen können - wird behauptet. Studien zeigen jedoch, dass sie keineswegs Informationen besser suchen können; sie klicken ein bisschen herum und dann bricht die Suche ab, weil sie eine geringere Frustrationstoleranz und Aufmerksamkeits-Spanne haben.

Was tun?

SPITZER: Aufklärung erscheint mir zunächst am wichtigsten. Denn wir werden systematisch falsch informiert, von Medienvertretern (die Geld verdienen wollen), Politikern (die gewählt werden wollen), Pädagogen (die es nicht besser wissen), und sehr vielen Marktschreiern, die an dem ganzen Prozess irgendwie mitverdienen. Nur so kann man es erklären, dass schon so viel Schlimmes passiert ist und sich kaum jemand darüber aufregt; dass sogar ein Kulturstaatsminister Neumann einem Killerspiel wie Crysis 2, das so schrecklich ist, dass man es nur ab 18 spielen darf, einen Preis (50 000 Euro Steuergelder!) verleiht und selbst die Laudatio hält. (Anmerkung der Redaktion: Staatsminister Bernd Neumann legt Wert auf die Feststellung, dass er nicht die Laudatio für den angesprochenen Text gehalten, sondern bereits die Nominierungsentscheidung kritisiert und eine Veränderung der Vergabekriterien für den Computerspielpreis angeregt hat.)

Wieso rüsten die Schulen dann auf mit Smartboards und Laptops?

SPITZER: Das ist ein Skandal, denn positive Auswirkungen sind nicht, negative hingegen sehr wohl belegt. Nehmen wir einmal an, wir folgten den Empfehlungen vieler Politiker und schafften für jedes deutsche Klassenzimmer ein Smartboard an. Dann hätten wir hier bald eine Viertel Milliarde Instandhaltungskosten jährlich! Wohlgemerkt, ohne dass der Unterricht dadurch besser wäre. Mein Gegenvorschlag: Dieses Geld in Lehrer investieren, denn diese sind am wichtigsten für den Schulerfolg unserer Kinder

Digitale Medien sind Teil unserer Kultur. Wollen Sie in die Steinzeit zurück? Brauchen wir nicht mehr Medienerziehung?

SPITZER: Ich habe als Psychiater Menschen kennengelernt, die den Kehricht-Eimer neben den Computer stellten, damit sie nicht mehr auf die Toilette gehen mussten, weil sie 18 Stunden online waren. Diese Menschen bekommen ihr Leben nicht mehr geregelt, weil sie computersüchtig sind. Wir reagieren einerseits aufgeschreckt, wenn ein paar Menschen Durchfall wegen Bakterien auf dem Salat bekommen. Aber wenn eine Viertelmillion junger Menschen aus dem Leben ausscheiden, unglücklich sind und zu nichts mehr zu gebrauchen, dann kümmert das kaum jemanden. Aus dieser Sicht ist Medienpädagogik so etwas wie Anfixen in der Drogenszene. Auch Alkohol ist Teil unserer Kultur. Betreiben wir Alkohol-Pädagogik in Kindergärten und Grundschulen? Nein, denn Alkohol macht süchtig und schadet der Entwicklung junger Menschen. Digitale Medien schaden ebenfalls nachweislich der Entwicklung junger Menschen. Es ist an uns Erwachsenen, Verantwortung zu übernehmen und dafür zu sorgen, dass die Köpfe der nächsten Generation nicht weiter so vermüllt werden, wie dies gegenwärtig geschieht. Daher dürfen wir die Bildung unserer Kinder einer Institution definitiv nicht überlassen: dem Markt!