Der Fluch von Alesia

Die Statue des gallischen Feldherrn Vercingetorix im französischen Dorf Alise Sainte-Reine. Foto: Fotolia
Die Statue des gallischen Feldherrn Vercingetorix im französischen Dorf Alise Sainte-Reine. Foto: Fotolia
PETER HEUSCH 17.03.2012
Weil die Gallier den Ort ihrer Niederlage gegen Cäsar verdrängt haben, tobt in Frankreich ein Expertenstreit über dessen genaue Lage. Dabei wurde am angeblichen Schlachtplatz viel investiert.

Viel zu tief sitzt die Schmach. Jeder Asterix-Fan weiß, dass man einen Gallier besser nicht nach jenem verfluchten Ort fragt, an dem sich sein oberster Feldherr Vercingetorix anno 52 vor Christus in einer blutigen Entscheidungsschlacht dem römischen Eroberer Julius Cäsar beugen musste. "Alesia? Ich kenne kein Alesia! Ich weiß nicht, wo Alesia liegt! Niemand weiß, wo Alesia liegt!" - sogar der besonnene Häuptling Majestix pflegt bei der bloßen Nennung des untilgbar mit der gallischen Niederlage verknüpften Städtenamens regelrecht aus der Haut zu fahren.

Tatsächlich dürfte die Haltung der Comicfigur Majestix eine historische Tatsache wiederspiegeln. Generationen von Galliern müssen die Existenz Alesias so gründlich verleugnet haben, dass das Wissen um den genauen Standort der ehemaligen Hauptstadt des gallischen Mandubier-Stammes verlorenging. Erst Jahrhunderte später, als aus den Galliern längst Fanzosen geworden waren, begannen Historiker und Archäologen wieder die Frage nach Alesia zu stellen. Unter Napoleon III. 1860 durchgeführte Ausgrabungen identifizierten schließlich das 70 Kilometer nordwestlich von Dijon im Departement Côte-dOr gelegene Burgunder-Dorf Alise Sainte-Reine als Nachfahre des legendären Alesia.

Zwar gab es seither eine Reihe von Gelehrten, in deren Augen die bei Alise Sainte-Reine nachgewiesenen Spuren einer galloromanischen Siedlung als Beweise nicht ausreichen für die Behauptung, dass Alesia tatsächlich auf der dortigen Hochebene des Mont Auxois lag. Doch das offizielle Frankreich sah und sieht das anders. Noch im 19. Jahrhundert wurde in Alise Sainte-Reine eine große Vercingetorix-Statue als Denkmal eingeweiht und die 700-Seelen-Gemeinde pflegt stolz ihren sämtliche Touristenhotels der Region füllenden Ruf als das historische Alesia.

Die Überzeugung, dass der sich um Alesia als Geburtsort der französischen Geschichte rankende Gründungsmythos sogar bis zu 150 000 Besucher im Jahr anlocken könnte, ließ das Regionalparlament tief in die Tasche greifen. Ende März wird in Alise Sainte-Reine mit großem Pomp ein Museum eröffnet. "Museumspark Alesia" nennt sich die Einrichtung stolz, in deren Bau rund 52 Millionen Euro investiert wurden. Allerdings hat der Rummel um dieses Ereignis schlafende Hunde geweckt, nämlich die prominentesten Zweifler an der These, dass Alesia wirklich bei Alise Sainte-Reine lag.

"Das Ganze ist nichts als Betrug und Geschichtsverfälschung", behauptet etwa die Historikerin Danièle Porte. Sie ist die Wortführerin einer Gruppe anerkannter Historiker und Archäologen, die seit Jahren den "wirklichen" Standort von Alesia im benachbarten Departement Jura ausgemacht haben wollen. 190 Kilometer südwestlich von Alise Saint-Reine, bei dem Dorf Chaux-des-Crotenay, wiesen Ausgrabungen 1960 nicht nur die Überreste einer deutlich größeren galloromanischen Siedlung sowie römischer Militärlager nach. Auch die Geographie des Ortes und seines Umlandes deckt sich bis ins kleinste Detail mit den Schilderungen der Belagerung und der Schlacht von Alesia, die Julius Cäsar der Nachwelt in seinem Buch "De Bello Gallico" überliefert hat.

"Es ist bekannt, dass ein Teil der 1860 in Alise Sainte-Reine ausgegrabenen Fundstücke kurz zuvor in Paris bei dem Auktionshaus Drouot erstanden wurden", behauptet der Historiker Franck Ferrand. Ferrand verdächtigt Napoleon III., die Entdeckung Alesias regelrecht angeordnet zu haben, weswegen eine vergleichsweise unbedeutende Ausgrabungsstätte einfach "ein wenig angereichert" worden sei.

Eine Woche vor der Museumseröffnung wollen die Verteidiger des "wirklichen Alesia" nun neue Luftaufnahmen ins Internet stellen, die zumindest in den Augen von Spezialisten alle Zweifel vom Tisch fegen könnten. "Die Luftaufnahmen sind dank eines neuen Verfahrens wirklich verblüffend", verspricht Historikerin Danièle Porte. Natürlich sei es besser, wenn neuere Ausgrabungen weitere Beweise zu Tage fördern könnten: "Doch seltsamerweise verbieten die Behörden seit 50 Jahren systematisch jede archäologische Forschung in der Region von Chaux-des-Crotenay."

In den Augen von Claude Grapin, dem Konservator des Alesia-Museums, sind das von einer Komplottfantasie unterfütterte Hirngespinste. "Die unter Napoleon III. durchgeführten Ausgrabungen waren vorbildlich, die ganze Polemik ist völlig gegenstandslos", beteuert er. Ein Problem aber bleibt ihm: Im Gegensatz zu früher glauben heute viel zu viele Menschen zu wissen, wo Alesia liegt.

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