Wien Der coole HC und sein Schatten

Heinz-Christian Strache (HC) unlängst beim Burschenschaftenball. Foto: dpa
Heinz-Christian Strache (HC) unlängst beim Burschenschaftenball. Foto: dpa
Wien / NORBERT MAPPES-NIEDIEK 08.02.2012
Österreichs FPÖ möchte so gerne eine kreuzbrave rechtspopulistische Partei sein. Doch das klappt nicht so recht. Dürftiges Geschichtsverständnis sorgt dafür, dass die Partei immer wieder ins Braune trifft.

Heinz-Christian Strache (HC), der Vorsitzende der Freiheitlichen Partei, wäre gerne ein normaler Rechtspopulist: für den kleinen Mann, gegen den Islam, gegen Gutmenschen und political correctness. Er ist jung wie Marine Le Pen und tritt, bis zum Gel im Haar, so cool auf wie Geert Wilders. Aber die Rolle des modernen Populisten will ihm nicht gelingen. Immer wenn er sich groß aufrichtet, türmt sich über ihm, ganz ohne sein Zutun, der mächtige Schatten von Adolf Hitler.

Nun hat Österreich wieder einen seiner typischen Skandale. Die farbentragenden Burschenschaftler hatten zu einem Ball in die Hofburg eingeladen. Es gab Proteste. Einige Demonstranten belästigten Ballbesucher. Es kam auch zu einem Brandanschlag auf das Haus einer Studentenverbindung. Im Saal war man darüber empört, und so entschlüpfte Strache der Satz: "Wir sind die neuen Juden!"

Es war ein dummer Satz, Zeugnis des frivolen Verhältnisses, das Österreich jahrzehntelang zu seiner Vergangenheit pflegte. Aber es war kein Nazi-Spruch. Wer so etwas sagt, erkennt ja immerhin an, dass den Juden Unrecht geschehen ist, was in den Kreisen der Wiener Korporierten nicht ganz unumstritten sein dürfte. Und so wehrte sich Strache auch vehement dagegen, nun wieder in die Nazi-Ecke zurückgeschoben zu werden. Zur prime-time im Fernsehen stellte er - sichtbar erregt - seine Abscheu gegen die Pogrome der Nazis aus.

"Warum immer Ihre Partei?", fragte der Moderator und zählte noch einmal alle Schlüpfrigkeiten, Gemeinheiten und Dummheiten auf, die sich Politiker der FPÖ in den vergangenen Jahren mit direktem oder indirektem Bezug auf den Nationalsozialismus geleistet hatten. Strache verwies auf seine ernsten Versuche, seine Partei gegen Neonazis abzugrenzen, gegen die Parteiausschlüsse, die er verhängt hatte. "Warum immer Ihre Partei?", fragte der Moderator, ein Meister seines Fachs, noch einmal nach.

Strache hätte antworten können: "Nun, nach dem Krieg war die FPÖ ein Sammelbecken alter Nazis. Die NS-Ideologie wurde zwar nicht auf Parteiversammlungen, aber in akademischen Familien und auch in den Burschenschaften über die Generationen fortgetragen. Niemand widersprach, weil Nazi-Denken ja etwas Deutsches war und nicht zu Österreich gehörte." Stattdessen lenkte er ab und verwies darauf, dass viele alte Nazis auch bei den Sozialdemokraten untergekrochen seien. Wir nicht, aber die auch - der Reflex aller Angegriffenen, die sich Nachdenken nicht leisten können.

Strache ist aber klug, und er wusste instinktiv, warum er so nicht antworten durfte. Seine Partei ist auf das schlampige, unklare, gleichgültige Verhältnis zur Geschichte angewiesen. Nicht nur, weil die "alten Herren" aus den braunen Familien seine Partei mit Spenden und gut ausgebildetem Nachwuchs versorgen. Sondern auch, weil zu viel Wissen über die Nazi-Zeit leicht auch gegen das Gedankengut seiner Partei immunisiert. Als vor Jahren ein FPÖ-Mann auf dem Parteitag den Spruch "Unsere Ehre heißt Treue" abließ, hatte er auch keine Ahnung, dass er das Motto der SS zitierte.

Ob er nicht wisse, fragte jetzt der Moderator Strache, dass man nicht mehr "Reichskristallnacht" sagt, wenn man über das Pogrom der SA am 9. November 1938 spricht. Nein, sagte Strache. Das habe er in der Schule so gelernt. Wenn man über die NS-Zeit etwas weiß, kann die Quelle höchstens die Schule sein: Das ist eine weitere wichtige Botschaft der österreichischen Rechten. Der Holocaust ist fader, aber verpflichtender Stoff, den man leiernd repetiert, wenn der Lehrer fragt.

Würden Österreichs Rechte sich wirklich mit der Geschichte auseinandersetzen, so bliebe von ihren Forderungen und von den Hoffnungen, die ihr entgegenschlagen, höchstens die Hälfte übrig. Von den Wählerstimmen wohl auch, denn die andere Hälfte der Forderungen hätte auch in der konservativen ÖVP Platz. So wird die Partei weiter ihre Skandale produzieren und muss dabei hoffen, dass irgendwann niemand mehr versteht, was denn der Skandal war. Dann hat sie gewonnen.

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