Der Fall ist verbürgt: Ein Arzt stellte bei seinem Patienten die Diagnose Multiple Sklerose. Das war, wie sich später zeigte, eine Fehldiagnose. Der Patient war tatsächlich gesund. Aber unter dem Eindruck des ärztlichen Befunds entwickelte er Symptome, wie sie eine Multiple Sklerose verursacht: Müdigkeit, Gefühlsstörungen in Beinen und Armen, Unsicherheit beim Gehen.

Negative Äußerungen von Ärzten können krankmachen. Für dieses Phänomen wurde die Bezeichnung Nocebo gefunden. Das ist der "böse Bruder" des Placebo. Unter Placebo (lateinisch: ich werde gefallen) versteht die Medizin ein Medikament ohne Wirkstoff, das Besserung zu erzielen vermag unter der Voraussetzung, dass der Behandelte davon ausgeht, er habe ein reguläres Präparat erhalten. Ein Nocebo (Ich werde schaden) erzielt hingegen eine negative Reaktion. Der Nocebo-Effekt wurde entdeckt, als Patienten, nachdem ihnen wirkstofffreie Präparate verabreicht worden waren, Krankheitsanzeichen verspürten.

Ab morgen tagen in Tübingen 100 Placebo-Forscher aus 18 Ländern. Sie setzen sich auch mit dem Nocebo-Effekt auseinander. Noch liegen über den Nocebo-Effekt relativ wenige Studien vor. Doch das dürfte sich bald ändern. Auch die Placebo-Forschung hat sich rasch entwickelt.

Nocebo-Wirkung erzielen, wie der Tübinger Placebo-Forscher Paul Enck berichtet, häufig Beipackzettel von Arzneimitteln. Darauf steht meist eine lange Liste von negativen Nebenwirkungen. Die Wahrscheinlichkeit, unter ihnen zu leiden, ist äußerst gering. Dennoch verspüren Menschen, die sich zu sehr von der Nebenwirkungsliste beeindrucken lassen, entsprechende Symptome. Enck schlägt daher vor, die Texte der Beipackzettel freundlicher zu formulieren.

Wenn Ärzte vor medizinischen Eingriffen ihre Patienten aufklären, haben sie es in der Hand, Placebo- oder Nocebo-Effekte zu erzielen. Ein falsches Wort kann beim Patienten unliebsame Reaktionen auslösen. Deshalb empfiehlt Enck, vor Operationen speziell ausgebildete Mediziner ans Krankenbett zu schicken. Am besten Fachleute mit großer Einfühlsamkeit.