Istanbul Der Alltag nach dem Anschlag

PETER BUYER 14.01.2016
Die Angst sitzt tief. Einen Tag nach dem Selbstmordanschlag in Istanbul versuchen die Menschen zur Normalität zurückzufinden. Wo sonst quirlige Touristengruppen herumlaufen, herrscht Leere.

Am Tag danach ist alles anders. Der Platz, auf dem zehn Menschen starben, ist leer, abgesperrt mit blauen Gittern der Polizei. An normalen Tagen laufen Touristen aus aller Welt kreuz und quer, knipsen Selfies oder Minarette, lachen oder stehen staunend vor der Hagia Sophia oder der Sultan-Ahmet-Moschee (Blaue Moschee). Aber es ist kein normaler Tag. Am ägyptischen Obelisken, dort wo der Attentäter die Bombe in der deutschen Reisegruppe zündete, stehen ein paar Polizisten. Vier Straßenkehrer suchen nach weggeworfenen Kippen, Laub oder sonstigem Müll, der At Meydan, der Pferdeplatz, das alte Hippodrom, in dem vor 1800 Jahren Wagenrennen gefahren wurden, ist leergefegt. Nur die Tauben auf dem Dach des deutschen Brunnens, den Kaiser Wilhelm II. 1898 als Geschenk zum Staatsbesuch mit an den Bosporus brachte, sind wieder da und gurren vor sich hin. Und eine Art Heldin gibt es, wie in jeder Tragödie, auch. Sibel S. war die Fremdenführerin der deutschen Touristengruppe. Sie hatte den Attentäter wohl bemerkt und "lauft weg" gerufen. Wie viel Leid sie verhindern konnte, ist unklar, sie liegt verletzt im Krankenhaus.

Auch die Menschen, die im Viertel arbeiten und am Tag zuvor den Anschlag erlebt haben, sind wieder in der Nähe des Platzes und versuchen, die Angst irgendwie zu beherrschen. Mehmet (alle Namen von der Redaktion geändert), der in der Nähe im Büro arbeitet, stieg gerade aus der Straßenbahn am oberen Ende des At Meydan, als es laut knallte. "Alle hatten Angst und sind sofort weggerannt. Ich war völlig fertig, habe angefangen zu weinen. Kurz drauf haben meine Kinder und Freunde angerufen, es war schrecklich. Und heute Nacht habe ich schlecht geträumt."

Etwas später war auch Ipek mit der Straßenbahn unterwegs, die plötzlich stoppte. "Aus der einen Richtung rannten schreiende Menschen an uns vorbei, aus der anderen kamen Krankenwagen und Polizeiautos, alle in der Bahn wussten aus den Nachrichten, dass irgendwo in der Nähe eine Bombe explodiert war." In Istanbul hat jeder ein Smartphone. Genaueres wusste Ipek aber nicht, sie wollte nur noch ganz schnell zu ihrer 15-jährigen Tochter, die in den Gassen schräg gegenüber des Meydan in die Schule geht. "Ich habe mit ihr telefoniert, geheult, geschrien und um mich herum fingen viele auch an zu weinen." Ipek denkt jetzt noch öfter an die Menschen in den Städten in den kurdischen Gebieten der Türkei im Südosten des Landes, in denen seit Monaten beinah täglich geschossen und gebombt wird. "Wie halten die das aus? Wir fühlen uns hier nicht mehr sicher, es wird immer schlimmer. Meine Tochter darf jetzt nicht mehr alleine in die Schule gehen, nur mit dem Schulbus. Sie ist sehr gut in der Schule und kann, wenn sie so weitermacht, wahrscheinlich im Ausland studieren und arbeiten. Viele meiner Freunde und Verwandten sagen aber, sie solle hier bleiben, die Türkei braucht intelligente, junge Menschen. Ich hätte das auch gerne, welche Mutter schickt ihr Kind schon gerne ins Ausland? Aber seit gestern ist das anders. Sie soll gehen. Sie ist mein einziges Kind und sie soll dahin gehen, wo sie sicher ist. So etwas ist für eine türkische Mutter sehr schwer", sagt Ipek leise und weint, "aber sie soll gehen."

In den Köpfen der Menschen hat sich etwas geändert, sagt auch der 18-jährige Cihan Ermenouglu, der den Knall im Klassenraum seiner naheliegenden Schule gehört hat. "Auf der einen Seite haben wir uns an die Gewalt schon gewöhnt, auf der anderen laufen wir jetzt paranoid durch die Stadt und vermuten überall neue Attentäter."

Tatsächlich ist die Lage unübersichtlich. Gefahr droht nicht nur von den Terroristen des sogenannten Islamischen Staates (IS), die schon im vergangenen Oktober mitten im Parlamentswahlkampf in der Hauptstadt Ankara durch zwei Selbstmordattentäter mehr als 100 Menschen töteten. Vor einigen Wochen ging eine Rohrbombe in der Istanbuler U-Bahn hoch, einen Tag vor Heiligabend wurde einer der beiden Flughäfen der Stadt von Mörsergranaten getroffen, eine Mitarbeiterin starb, beide Anschläge sind noch ungeklärt.

Vor fast genau einem Jahr hatte sich ein Frau in der am At Meydan gelegenen Polizeiwache in die Luft gesprengt und dabei einen Polizisten und sich selbst getötet, im August kam es zu einer Schießerei vor dem bei Touristen beliebten Dolmabahce-Palast direkt am Bosporus-Ufer. Beide Taten werden der linksextremen Untergrundorganisation DHKP-C zugerechnet. Und dann gibt es noch die kurdische PKK, die bisher im Südosten des Landes vor allem Soldaten und Polizisten bekämpft, der aber nicht nur von ihren Gegnern auch alles andere zugetraut wird.

Und die Touristen? Die meisten Gäste bleiben in ihren Zimmern, berichtet ein Hotelangestellter eines der unzähligen kleinen und großen Hotels in der Nähe des Platzes. Doch jetzt fürchten nicht nur die Hotels ein Ausbleiben der Touristen. Taxifahrer, Restaurantbesitzer, Kellner, Schuhputzer, Teppichhändler auf dem Basar oder die Maronenverkäufer vor der Hagia Sophia, dessen einzige Kunden gestern Journalisten und Polizisten waren, sie alle leben von den ausländischen Gästen. Das Auswärtige Amt rät "dringend, in Istanbul und anderen Großstädten der Türkei Menschenansammlungen auch auf öffentlichen Plätzen zu meiden". Doch das ist in einer 20-Millionen-Stadt schlicht unmöglich. Die Unsicherheit bei Türken und Touristen wird bleiben, jetzt ist alles anders.

Wirtschaft Hart getroffen

Rund 7000 Hotels gibt es in Istanbul. Die Stadt auf zwei Kontinenten hat in den vergangenen Jahren als Reiseziel einen beispiellosen Boom erlebt, bei bildungshungrigen Urlauben ebenso wie als Party-Metropole. Aber seit dem Selbstmordattentat am Dienstagmorgen bleiben immer mehr Betten leer. "Viele Gäste sind vorzeitig abgereist, und statt neuer Buchungen bekommen wir im Moment fast nur Stornierungen herein", berichtet der Manager eines Touristenhotels. "Die Absagen der Gruppenreisen kommen fast im Minutentakt", berichtete ein anderer Hotelier verzweifelt im Fernsehen.

Das Attentat trifft die Reisebranche in einer ohnehin schweren Zeit. Bereits im vergangenen Jahr schwächelte der Türkei-Tourismus. Viele Russen, nach den Deutschen noch 2014 die zweitgrößte Nation, blieben wegen des schwachen Rubels und der Wirtschaftskrise zuhause. Nachdem die Regierung in Moskau wegen des Abschusses eines Militärflugzeugs durch die türkische Luftwaffe im Dezember einen Reiseboykott verhängte, kommen noch weniger Russen.

Noch offen ist, in welchem Umfang der Anschlag vom Dienstag neben Istanbul andere Touristenhochburgen, etwa an der Ägäisküste und der türkischen Riviera, in Mitleidenschaft ziehen wird. Viel werde davon abhängen, wie sich die Sicherheitslage in den kommenden Wochen und Monaten entwickelt, sagen Branchenexperten.

Es ist nicht das erste Mal, dass Touristen in der Türkei ins Fadenkreuz von Terroristen geraten. 2006 wurden bei einer Anschlagsserie der kurdischen Terrorgruppe "Freiheitsfalken Kurdistans" (TAK) in Istanbul sowie in den Urlaubsorten Kusadasi, Manavgat, Marmaris, Antalya und Mersin insgesamt zehn Touristen getötet und Dutzende verletzt. Im November 2003 wurden bei einer Serie von Sprengstoffanschlägen auf zwei Synagogen, eine Bank und das britische Generalkonsulat in Istanbul 33 Menschen getötet und mehr als 400 verletzt. Zu den Attentaten bekannten sich gemeinsam Al-Kaida und die türkische Islamistengruppe IBDA-C. Der bisher folgenschwerste Anschlag datiert vom 10. Oktober 2015, als ein dem IS zugerechneter Selbstmordattentäter vor dem Bahnhof von Ankara mehr als 100 Menschen mit sich in den Tod riss.