Hunderte Polizisten und bewaffnete Spezialkräfte besteigen Transporter. Viele tragen Sturmhauben. Im Schutz der Dunkelheit fahren sie in der Nacht zum Donnerstag zur einstigen Reinhardt-Kaserne am Rande des beschaulichen Städtchens Ellwangen. Es ist früh am Morgen, als die Polizisten aussteigen und die Unterkünfte der Asylbewerber in der Landeserstaufnahmestelle (LEA)  umzingeln.

Der Einsatz gegen 5.15 Uhr  wird zu einer Machtdemonstration des Rechtsstaates: Nach einer gewaltsam blockierten Abschiebung eines Asylbewerbers aus Togo konnte dieser nun bei der Razzia gefasst werden. Der 23-Jährige soll nach Italien zurückgeführt werden. Weitere 27 Asylbewerber wurden vorübergehend festgenommen.

Ellwangen

Wie berichtet, sollte der Mann aus dem westafrikanischen Kleinstaat Togo bereits in der Nacht zu Montag abgeschoben werden. Etwa 150 bis 200 mutmaßliche Flüchtlinge der LEA hatten dies aber gewaltsam verhindert. Die Polizei brach die Aktion deshalb ab. „Wir wissen nicht, was sonst passiert wäre“, sagte der Vizepräsident des Polizeipräsidiums Aalen, Bernhard Weber.

 Bei der Razzia am Donnerstag wurden  292 Personen kontrolliert,  26 davon versuchten zu fliehen, 11 sprangen sogar aus Fenstern. Offenbar hatten sich bei dieser Aktion wieder „eine große Zahl“ an LEA-Bewohnern gegen die Polizei gewandt – diesmal allerdings ohne Wirkung. Es  gab zwölf Verletzte, darunter auch ein Polizeibeamter.

Aalens Vizepolizeipräsident Weber zeigte sich überrascht angesichts der gut organisierten Strukturen, die sich in der LEA gebildet hatten: Offensichtlich haben einige LEA-Bewohner an strategisch günstigen Punkten „Schmiere“ gestanden und per Handy „Alarm“ ausgelöst, als die Polizei auftauchte.

 „Die Masse der Schwarzafrikaner“ in der LEA sehe die Polizei „als Gegenspieler“ und stehe zusammen, wenn die Beamten anrücken, sagte Weber. Nach dem missglückten Zugriff am Montagmorgen sei sogar geäußert worden, wenn die Polizei wiederkomme, werde „das nicht so glimpflich ablaufen“.

Der Ellwanger Oberbürgermeister Karl Hilsenbek reagierte am Donnerstagmorgen bedrückt auf die Entwicklung. Die Vorgänge von Ellwangen lösten eine Debatte über Gewalt und Sicherheit in Asylheimen aus.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) bot in einer Pressekonferenz in Berlin an, die Bundespolizei könne mit für die Sicherheit in den Unterkünften sorgen. Angesichts der Vorgänge in Ellwangen sprach er von einem „Schlag ins Gesicht der rechtstreuen Bevölkerung“ und vom „Gastrecht, das nicht mit Füßen getreten werden darf“. Die Ereignisse lassen Seehofers Zorn auflodern. Bei diesem „empörenden Sachverhalt“ hätten die Verantwortlichen völlig richtig gehandelt. Er  stehe  „politisch voll hinter den Maßnahmen der Sicherheitsbehörden und der Polizei in Baden –Württemberg“.

Den Gewalttätern von Ellwangen müsse mit „aller Härte und konsequent“  entgegengetreten werden, forderte der Bundesinnenminister. Man werde  über Konsequenzen nachdenken, „insbesondere gegenüber jenen Personen, die sich möglicherweise strafrechtlich schuldig gemacht haben“. Die Deutsche Polizeigewerkschaft forderte die Abschiebung derer, die Widerstand gegen die Polizei geleistet hatten.

Auch das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR verurteilte Gewalt gegen Polizisten. „Vorfälle wie die in Ellwangen schaden denjenigen, die in Deutschland auf Schutz angewiesen sind – und die genauso ein friedliches Miteinander wünschen wie die Deutschen“, sagte der Repräsentant des UNHCR in Deutschland, Dominik Bartsch.

Ellwangen

Die Landeserstaufnahmeeinrichtung in Ellwangen wurde im April 2015 eröffnet. Derzeit leben dort 490 Flüchtlinge. Laut Stadtverwaltung stammt die Hälfte aus Afrika. Kurzzeitig musste die Einrichtung im Sommer 2015 mehr als 4000 Menschen aufnehmen – ausgelegt war sie auf maximal 1000. Die Einrichtung hatte schon mehrmals für Schlagzeilen gesorgt. So kam es 2016 dort zu Auseinandersetzungen. Damals gingen Flüchtlinge aufeinander los. Es wurden auch schon einmal Steine auf Streifenwagen geworfen. Infolge dieser Vorfälle wurden Bewohner in andere Unterkünfte verlegt.