Dem Balkanluchs droht das Aus

NORBERT MAPPES-NIEDIEK 18.01.2014
Wölfe, Bären und der vom Aussterben bedrohte Balkanluchs leben im mazedonischen Nationalpark Mavrovo. Dass ausgerechnet dort ein Staudamm gebaut werden soll, stößt intertanional auf Kritik.

Munter schlängelt sich die Mala reka, der "kleine Fluss", durch sattgrüne Hügel. Doch da schiebt sich dem Wasser machtvoll ein Damm in den Weg. Weil es nicht weiterfließen kann, drängt sich das Flüsschen munter rechts und links die Hügel hinauf. Im Hintergrund dramatische Instrumentalmusik - dann gibt der Damm nach und entlässt die gestauten Fluten in die Täler dahinter - ein Bild von Stau und Entladung, Macht und Energie. Über der Szene kreisen die Möwen.

So wird in einer Animation des mazedonischen Stromverbunds ELEM der geplante Staudamm von Boskov Most präsentiert. Naturschützern lockt die Vision ein bitteres Lachen ab. Um den geplanten Staudamm zu füllen, müssen viele Kleingewässer der Umgebung umgeleitet werden. Die üppige Vegetation stromaufwärts wird dann veröden. Unterhalb des Damms dagegen sind tägliche Überflutungen geplant - das Ende auch für die reiche Pflanzenwelt stromabwärts. Das Grün weicht nicht dem Blau, sondern dem Braun der Erosion. Mitten in Mavrovo - dem größten Nationalpark des Landes.

Fortschritt hat seinen Preis - so pflegen Pläne dieser Art gerechtfertigt zu werden. Zumal in einem Land wie Mazedonien, wo das Pro-Kopf-Einkommen auf dem Niveau des Iran liegt. Ob dieser Plan das Balkanland dem fernen Ziel EU näher-bringt, ist aber zu bezweifeln: Nationalparks seien für die Wasserkraft eigentlich eine "No-go-area", sagt der Wiener Gewässerexperte Ulrich Eichelmann. Der Park Mavrovo mit echtem Urwald darf nach internationaler Klassifizierung allenfalls der Erholung dienen, nicht aber zur wirtschaftlichen Nutzung.

Für Boskov Most kommt das Geld ausgerechnet von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). Im selben Nationalpark engagiert sich die Weltbank für ein weiteres Staudammprojekt. Sollten beide Vorhaben Wirklichkeit werden, würden ansehnliche Populationen von Bären, Wölfen und Fischottern ihren Lebensraum verlieren. Für ein europäisches Wildtier wäre es sogar das Ende: Der Balkanluchs, von dem es nur noch etwa 50 Exemplare gebe, vermehre sich nur noch in Mavrovo, sagt Gabriel Schwaderer von der internationalen Stiftung Euronatur in Radolfzell am Bodensee: "Da zählt jedes Tier." Hauptproblem ist für die schlitzohrige Raubkatze nicht so sehr der Flächenverbrauch als vielmehr die Bauzeit, in der erstmals viele Menschen in ihr Revier eindringen werden. Der Luchs ist in Mazedonien so etwas wie ein Nationalheiligtum: Er ziert Münzen und dient der Fußball-Nationalmannschaft als Maskottchen.

Dass Staudammprojekte neuerdings sogar in Nationalparks möglich sein sollen, bringt Naturschützer weit über die Grenzen des Balkan hinaus auf die Palme. 119 Wissenschaftler aus 16 europäischen Ländern und den USA protestierten jüngst in einem Brief an den britischen EBRD-Präsident Suma Chakrabarti gegen das Projekt, unter ihnen Ernst Ulrich von Weizsäcker.

Die Mazedonierin Ana Colovic arbeitet für "Bankwatch", eine Nichtregierungsorganisation, die das Treiben der Banken in Ost- und Südosteuropa kritisch beobachtet. Sie wundert sich vor allem über die "Arroganz" der Europäischen Entwicklungsbank. Nach Protesten gegen den Staudamm habe die EBRD zwar ihr Prüfverfahren bewertet und Verstöße festgestellt - aber ohne Konsequenzen. Stattdessen sei argumentiert worden, dass Otter im stillen Wasser doch viel besser fischen könnten.

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