Hintergrund Debatte über Kita-Pflicht

Dieter Lenzen, Vorsitzender des Aktionsrats Bildung.
Dieter Lenzen, Vorsitzender des Aktionsrats Bildung. © Foto: Axel Heimken/dpa
Berlin / Michael Gabel 20.08.2018

In ihrer Zeit als Bezirksbürgermeisterin in Berlin-Neukölln hat Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) oft erlebt, dass Kinder aus Migrantenfamilien von ihren Eltern nicht in die Kita geschickt wurden. Deshalb sagt sie jetzt: „Wir brauchen eine Kitapflicht ab dem dritten Lebensjahr, und wenn möglich auch davor.“

Frankreich und Dänemark gehen bereits diesen Weg. In Frankreich will Staatschef Emmanuel Macron eine allgemeine Kindergartenpflicht für alle Kinder ab drei Jahren einführen. Sie soll sicherstellen, dass eventuelle Sprachprobleme der Kinder schon vor der Schule beseitigt werden. Die neue Regelung soll ab Sommer 2019 gelten. Kosten kommen auf die Eltern nicht zu, weil der Besuch der „Ecole maternelle“ sowieso kostenlos ist.

Die dänische Mitte-Rechts-Regierung will dagegen nur die Kita-Pflicht für Kinder, die in Gebieten mit vielen Einwanderern und hoher Arbeitslosigkeit leben. Der Kita-Besuch ist für die Eltern kostenlos. Wer jedoch nicht mitzieht, riskiert, dass ihm das Kindergeld gekürzt wird.

Der Vorsitzende des Aktionsrats Bildung, der Hamburger Universitäts-Rektor Dieter Lenzen, befürwortet eine Kita-Pflicht auch in Deutschland. Die frühe Förderung sei entscheidend für den späteren Bildungsverlauf, sagt er. „Allerdings müssen die Kinderbetreuungseinrichtungen dann auch Bildungseinrichtungen sein und nicht nur Aufbewahrungsanstalten.“

Der familienpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Marcus Weinberg, favorisiert dagegen „verpflichtende Vorschulmaßnahmen nur für Kinder, bei denen Sprach- oder Integrationsdefizite festgestellt werden“. Von einem Kita-Zwang für alle Kinder halte er nichts, betont er.

FDP-Generalsekretärin Nicola Beer wendet sich ebenfalls gegen eine allgemeine Pflicht. Ihr Argument: Bei Kindern über drei Jahren liege die Quote in Deutschland bereits jetzt bei annähernd 100 Prozent.

Ganz exakt ist dies nicht. Laut Statistischem Bundesamt besuchten im vergangenen Jahr im Bundesdurchschnitt zwar 93,4 Prozent der Drei- bis Fünfjährigen einen Kindergarten. Aber in Bremen beispielsweise, das bei Pisa-Tests immer besonders schlecht abschneidet, sind es nur 87,5 Prozent, in Baden-Württemberg dagegen 95 Prozent. Bei den unter Dreijährigen sind es in Bremen nur 26,4 Prozent, in Baden-Württemberg 28,6 Prozent.

 Laut einer Allensbach-Umfrage wünschen sich 60 Prozent der Deutschen den obligatorischen Kita-Besuch ab drei Jahren.

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