Leitartikel Guido Bohsem zum Hype um die Merz-Kandidatur Das spannende Rennen in der CDU

Guido Bohsem Foto: Thomas Koehler/ photothek.net
Guido Bohsem Foto: Thomas Koehler/ photothek.net © Foto: Thomas Koehler/ photothek.net
Berlin / Guido Bohsem 02.11.2018

Ab jetzt ist erst mal alles Merz mit „e“. Der lange Mann aus Westfalen hat mit seinem Antritt und seinem Auftritt in der CDU offensichtlich Emotionen geweckt, die gut 15 Jahre vor sich hingeschlummert haben. Bei den Friedrich-Merz-Begeisterten herrscht Aufbruchsstimmung in Richtung Vergangenheit.

Wahrscheinlich würden diese FM-Fans sogar zustimmen, sollte ihr neuer alter Messias auf die Idee kommen, die CDU in „Blackrock“ umzubenennen. „Schwarzer Fels“ passt ja irgendwie zum konservativeren Politikentwurf, und der neue Chef könnte sich am Telefon weiterhin so melden wie bisher.

Die große Frage ist nur, ob diese Merz-talgie nicht nur einen kurzzeitigen Hype auslöst, der sich ähnlich schnell wieder legt wie im vergangenen Jahr die Begeisterung über den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz. Geht es dem Merz-Zug ähnlich wie dem Schulz-Zug? Merz hat die Möglichkeit das zu verhindern. Er muss den flott dahin geworfenen Stichworten „Globalisierung, Migration, Klimaschutz, Digitalisierung und Klimawandel“ nun schnell ein paar tiefere Inhalte und Konzepte folgen lassen.

Jens Spahn hat das schon versucht, indem er sich in einem Artikel von der Flüchtlingspolitik Angela Merkels losgesagt hat mit dem Ziel, die Partei in dieser Frage zu einen. Einen Tag später forderte er im Internet dazu auf, ihm Ideen und Meinungen zu schicken. Wo Merz davon spricht, die jüngere Generation anzusprechen, spricht Spahn sie an und fordert sie zum Mitmachen auf. Trotzdem werden sich viele der Parteimitglieder (die im Schnitt deutlich älter als ­
50 Jahre sind) fragen, ob sie nicht lieber das Original (Merz) haben wollen.

In der kurzen halben Woche nach dem angekündigten Verzicht Angela Merkels auf den Parteivorsitz wirkt es so, als ob ausgerechnet ihre Vertraute Annegret Kramp-Karrenbauer am schlechtesten auf das Rennen vorbereitet ist. Doch das dürfte sich ändern, schließlich reiste AKK wochenlang durch die Bundesrepublik, um ihre Partei, die Mitglieder und deren Sorgen und Nöte besser kennenzulernen.

Im Ergebnis werden nun alle, die Parteimitglieder und auch die politisch interessierte Öffentlichkeit, etwas erhalten, was sie ganz lange unter dem Parteivorsitz Merkels vermisst haben. Eine offene Debatte von drei interessanten Kandidaten, die allesamt eine klare Aussprache pflegen und eine deutliche Meinung. So was gibt es selten genug.

Für die Union ist das kein neues, aber ein verlerntes Verfahren. Schon Angela Merkel hat sich so gegen ihren Konkurrenten Volker Rühe durchsetzen können. Das ist lange her und die Frage ist, ob die Partei es tatsächlich noch kann.

Sollte es ihr gelingen, fällt der Wettstreit der Drei leidenschaftlich und sachorientiert und darüber hinaus auch noch fair aus, wird die Partei, aber auch die gesamte Demokratie profitieren. Egal, wie das Rennen um Angela Merkels Nachfolge im Spitzenamt der Partei ausgehen und welche Konsequenzen es danach auf die Regierung haben wird.

leitartikel@swp.de

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