Es ist sommerlich warm zur Mittagszeit des 25. April 2007, die Heilbronner Theresienwiese ist belebt, auf dem Festplatz bauen Schausteller Fahrgeschäfte für das Maifest auf, das Bierzelt steht bereits. Im Schatten einer Trafo- und Pumpstation am Neckar haben die Bereitschaftspolizisten Michele Kiesewetter und Martin A. kurz vor 14 Uhr in ihrem Wagen eine Pause eingelegt.

Dann geschieht das Unfassbare: Laut Anklage der Bundesanwaltschaft beschließen die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt spontan, die beiden Polizisten zu ermorden. Sie nähern sich dem Wagen von hinten, schießen Kiesewetter und Martin A. aus nächster Nähe in den Kopf, nehmen ihnen Dienstwaffen und Ausrüstungsgegenstände ab. Kiesewetter ist sofort tot, Martin A. überlebt schwer verletzt. Als die Opfer gefunden werden, sind die Täter verschwunden.

Eine spontane Bluttat in einer fremden Stadt, Polizisten als Zufallsopfer, ein schleierhaftes Motiv: Der Polizistenmord von Heilbronn ist bis heute eines der größten Rätsel in jenem Abgrund an rechtsextremem Terror, der NSU-Komplex genannt wird. Der Anschlag war, soweit man weiß, die letzte Tat des Nationalsozialistischen Untergrunds – Heilbronn wurde also möglicherweise Endpunkt jener Blutspur, die die mutmaßliche Terrorzelle mit Anschlägen und zehn Morden durch Deutschland zog.

Und es ist die Tat, die nicht ins Raster passt. Waren in allen anderen Fällen die Opfer Migranten meist türkischer Herkunft, sind es hier Polizisten. Wurden die NSU-Morde und Anschläge aufwendig geplant, sollen Mundlos und Böhnhardt in Heilbronn spontan losgeschlagen haben – trotz hoher Entdeckungsrisiken. Waren Fremdenhass und Rassismus das beherrschende Motiv des NSU, bleiben die Beweggründe für den Anschlag auf Repräsentanten des Staates vage.

Es sind nicht nur diese Ungereimtheiten, die manch erfahrenen Kriminalisten, etliche Opferanwälte und auch renommierte Politiker zweifeln lassen, ob sich alles wirklich so abgespielt hat wie von der Bundesanwaltschaft ermittelt. Nicht umsonst beschäftigt sich derzeit auch ein NSU-Untersuchungsausschuss in Baden-Württemberg mit dem Thema. Dass sich die Ermittlungsbehörden im Südwesten – etwa mit der berüchtigten Wattestäbchen-Panne und der jahrelangen Jagd nach einem „Phantom“ – verhängnisvolle Fehler geleistet haben, macht die Aufarbeitung nicht leichter. Die objektive Beweislage zur Heilbronner Tat, das kommt leider hinzu, ist eher dürftig – es sind letztlich nur Indizien, die Mundlos und Böhnhardt mit dem Geschehen auf der Theresienwiese in Verbindung bringen. Zweifel bleiben.

Besonders die These von Michele Kiesewetter als Zufallsopfer wird häufig hinterfragt. Dies vor allem, weil sie nicht nur wie die NSU-Täter aus Thüringen stammt – aus ihrem Umfeld im Heimatort Oberweißbach gibt es auch Verbindungen zum NSU. Und dann war ihr Gruppenführer bei der Polizei auch noch einst Mitglied im rassistischen Ku-Klux-Klan in Schwäbisch Hall.

Alles nur Zufall? Wie konnten die NSU-Täter jahrelang unerkannt morden und rauben? Waren sie wirklich allein, oder hatten sie vor Ort doch weitere Helfer mit Ortskenntnis? Und: Wie sehr sind V-Leute der Verfassungsschutzämter – und damit mittelbar der Staat – ins Netz der Rechtsextremen verstrickt? Es sind immer dieselben Fragen, die in Untersuchungsausschüssen in mittlerweile sechs Bundesländern sowie im Bundestag gestellt wurden und werden. Im Südwesten bündeln sich diese Themen wie unter einem Brennglas im Mordfall Kiesewetter.

Journalistisch ist der Umgang mit dem Thema kein leichtes Unterfangen. Der Grat zwischen tiefgehender Recherche und dem Abgleiten in Verschwörungstheorien ist an manchen Stellen schmal – zumal im Nebel des Zweifels so mancher angebliche „Zeuge“ oder „Aufklärer“ zynisch sein eigenes Süppchen kocht und Wichtigtuer gezielt falsche Informationen streuen. Vor allem im Internet schießen daher auch haltlose Spekulationen ins Kraut. Dass man Ermittlern und Geheimdiensten inzwischen jedes Versagen und jedes düstere Geheimnis zutraut – auch das ist eine fatale Folge des NSU-Terrors.

Wir haben deshalb auf diesen Seiten versucht, dem Geschehen so nahe zu kommen wie möglich, beginnend mit der Tat selbst. Aus den Akten lässt sich nachvollziehen, wie der überlebende Polizist Martin A. sich an die Tat erinnert – und dass die Phantombilder, die er anfertigen ließ, in der Schublade verschwanden. Wir haben zudem die Zeugen getroffen, die als erste am Tatort waren und erklären, warum einer von ihnen selbst unter Terrorismus-Verdacht stand. Aussteiger erzählen, wie es im rassistischen Ku-Klux-Klan in Schwäbisch Hall zugegangen ist und welche Funktion Polizisten dort hatten. Ein Sonderermittler des Bundestags berichtet, welche Rolle der schillernde Verfassungsschutz-Spitzel „Corelli“ im rechtsextremen Dickicht rings um den NSU spielte und was es mit seinem überraschenden Tod auf sich hat.

Wo immer es geht, lassen wir zum Fall Kiesewetter auch Ermittlungsakten sprechen, die die SÜDWEST PRESSE einsehen konnte. Denn eines kann man der Polizei nicht vorwerfen: Dass es über die Jahre an Einsatz gemangelt hätte. Die Akten spiegeln das jahrelange hartnäckige Bemühen der Polizisten, den Tod ihrer Kollegin aufzuklären. Nachforschungen gingen in viele Richtungen, Rechtsextreme als mögliche Täter standen aber nie im Visier der Ermittler.

Warum auch viele von ihnen nicht mit der Anklage der Bundesanwaltschaft zufrieden sind, verdeutlicht ein Abgleich der Anklageschrift mit der Aktenlage: So eindeutig, wie es im NSU-Prozess klingt, ist die Beweislage an vielen Stellen nicht. Auch der Bundestagsabgeordnete und Ex-Polizist Clemens Binninger (CDU) sieht noch Lücken im Anklagegebäude der Bundesanwälte, wie er uns im Interview sagt. Und hinter den Kulissen des Landtags-Untersuchungsausschusses wird heftiger um die Deutungshoheit beim Thema NSU gerungen, als es nach außen den Anschein hat.

Wo es viele offene Fragen gibt, ist die Sehnsucht nach Antworten groß – diese kann trotz aller Einblicke auch dieser Themenschwerpunkt nur stellenweise liefern. Tatsächlich mehr Licht ins Dunkel bringen können wohl nur wenige Personen. Eine davon steht in München vor Gericht und schweigt: Beate Zschäpe.