DAS POLITISCHE BUCH: Hölle auf Erden

BERTHOLD MERKLE 27.11.2013

Rudolf Hamburger: "Zehn Jahre Lager". Siedler Verlag München. 240 Seiten, 19,99 Euro.

Er hat die Hölle erlebt und tiefste Abgründe der Menschheit. Doch in zehn Jahren Lagerhaft in der stalinistischen Sowjetunion blieb Rudolf Hamburger seinem Glauben treu - an das Gute im Menschen und an den Sozialismus. "Zehn Jahre Lager" ist die Summe der Erfahrungen, die der deutsche Kommunist als Häftling gemacht hat. Die Bilanz eines Lebens, das von den mörderischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts bestimmt wurde.

Rudolf Hamburger floh als überzeugter Kommunist aus dem nationalsozialistischen Deutschland der 30er Jahre und wurde 1943 im kommunistischen Russland "als Gegner der Sowjetmacht" und politischer Verbrecher zu Lagerhaft verurteilt. Der Irrsinn der Geschehnisse, wie sie Hamburger schildert, ist kaum fassbar. Er bietet sich dem sowjetischen Geheimdienst als Informant an, weil seine Frau dort schon tätig ist. Während eines Auftrags in Teheran wird er von den Amerikanern verhaftet, die nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion Persien als Durchgangsland besetzt haben. Die Flucht in den scheinbar sicheren Hafen Russland endet für den Idealisten als "ausländischer Klassenfeind" hinter dem Stacheldraht von Stalins Gulag.

Tagein, tagaus erleidet der sensible Mann die Schikanen der Aufseher - und der (kriminellen) Mithäftlinge, die sich als Nutznießer der Lagerhierarchie bestens eingerichtet haben. Doch Hamburger, der sich selbst Axel Westheim nennt, zerbricht nicht und behält seine Courage zu menschenwürdigem Verhalten. Mit schier unerträglicher Detailtreue schildert er Hunger, Qualen und Verrat im "Pilzsystem" der Lager. Faszinierend ist die ebenso klare wie poetische Sprache.

Als Architekt hat er Glück und bekommt Arbeit in den Planungsbüros der Lager. Doch auch hier denunzieren Häftlinge. Seine Odyssee durch verschiedene Straflager in allen Teilen der Sowjetunion endet mit der Freilassung 1953 - in die Verbannung in einem gottverlassenen Kaff am Don. Von dort siedelt er zwei Jahre später nach geheimer Kontaktaufnahme zu seinem alten Kollegen Richard Paulick in die DDR über. Er wird verantwortlicher Planer beim Aufbau der sozialistischen Musterstadt Hoyerswerda.

Hamburgers Aufzeichnungen sind ein ergreifendes Dokument über einen Lebensweg, der in weiten Teilen ein Leidensweg durch die totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts war. Über dieser unfassbaren Schilderung steht die Frage, wie dies möglich ist, ohne zu zerbrechen.